Geschmack

Hallo!

Herzlichen Dank. Alles schön und gut, aber wenn’s geht hätte ich es gerne ein bisschen konkreter:

Ist das

  • angeboren

sicher

Klar, aber was ist angeboren: Ein Kleinkind, das einen Gegenstand in den Mund nimmt, muss entscheiden, ob es diesen Gegenstand schlucken oder wieder ausspucken will. Wie trifft es diese Entscheidung?

  • geprägt (Was meine Geschwister essen, mag ich auch.)

bedingt, meine Jungs haben auch sehr unterschiedliche
Vorlieben

Das mit den Geschwistern war nur ein Beispiel. Ich hätte auch sagen können: Kinder wollen immer genau das, was Mama auf dem Teller hat.

  • konditioniert

Auch. Wenn ich von Kind an etwas esse, gewöhne ich mich daran.
Mittlerweile bin ich etwas in der Welt herumgekommen und bin
von den dortigen Menschen in die dortigen Essgewohnheiten
eingeführt worden.

Was Du beschreibst, ist eher Habituation. Konditionierung meint ja die Verknüpfung einer Reaktion mit einem bedingten Reiz. Beispiel: Vor zwei Jahren hatte ich einen Magen-Darm-Infekt, der damals Epidemie-artig in ganz Europa grassierte (Noro-Virus). Typisch für dieses Virus war ein schlagartig aus heiterem Himmel einsetzender Brechdurchfall. Bei mir fing es zehn Minuten nach dem Abendessen an. Ich hatte ziemlich würzigen Weichkäse gegessen (Münster-Käse oder so). Das aß ich bis zu diesem Zeitpunkt sehr gerne. Seither hatte ich eine extreme Abneigung gegen Weichkäse jeglicher Art. Erst jetzt fange ich wieder langsam an, die ganz milden Sorten zu essen. Die kräftigeren Sorten erfüllen mich immer noch mit Abscheu. Diese Abneigung kam sozusagen von innen. Auf einer kognitiven Ebene konnte ich mir sehr leicht klar machen, dass ich Weichkäse eigentlich immer gern gegessen habe, dass der Käse nichts mit dem Infekt zu tun hatte und dass das nur ein klarer Fall von Konditionierung war. Diese Erkenntnis änderte an der konditionierten Abneigung aber rein gar nichts.

Viele Sachen waren ein Erlebniss; positiv wie negativ.

Aber: Auf welcher Basis hast Du Dich für „positiv“ oder „negativ“ entschieden? Warum findest Du (wahrscheinlich) eine Durian ekeleregend, während sie vom durchschnittlichen Thailänder als Delikatesse angesehen wird?

Entweder müssen Europäer gelernt haben, dass alles was wie eine Durian riecht, eklig ist. Oder Ostasiaten müssen gelernt haben, dass Durians lecker sind. Aber wie funktioniert das? Finden Thai-Kinder ihre erste Durian auch lecker, bzw. was halten Euro-Babys von diesen Stinkfrüchten? An eine genetische Ursache möchte ich nicht glauben, obwohl es dafür Beispiele gibt: umami - wir schmecken Na-Glutamat nicht, Chinesen und Japaner schon. Ich vermute auch, dass Asiaten Milchprodukte nicht mögen, da sie als Erwachsene eine Laktose-Unverträglichkeit haben. Die meisten Europäer bleiben, was die Milchverträglichkeit anbetrifft, ihr ganzes Leben auf dem Entwicklungsstand eines Kindes. (Ich lasse mal dahingestellt, wer von beiden einen Gendefekt hat)

Obst ist weltweit hoch akzeptiert und auch ‚neue‘ Obstsorten
werden recht schnell akzeptiert; liegt wohl an der Süße, die
uns viel Energie anzeigt.

Wobei die meisten Früchte eher sauer sind und es sehr viel energiereichere Nahrungsmittel gibt, die uns nicht so unmittelbar schmecken (Getreide, Kartoffeln, Nüsse, …).

Wenn wir es evolutionstechnisch betrachten, könnte unsere angeborene Vorliebe für Obst ein Erbe von unseren baumlebenden Vorfahren gewesen sein (Ein Schimpanse, der eine Banane schält, bevor er sie isst, erscheint uns unter anderem deswegen so menschlich). Allerdings gehen viele Anthropologen heute davon aus, dass unsere Vorfahren in der Steppe gelebt haben und sich von Insekten und Aas ernährt haben. Lecker!

Michael

Hai, Michael,

die grundlegenden Geschmacksrichtungen hatten wir ja schon, auch, daß die Instinkte eine Rolle spielen (süß = Energie = gut/lecker; bitter = giftig = igitt).
Nun lebt der Mensch aer in ziemlich unterschiedlichen Zonen, die auch unterschiedliche Nahrungsangebote haben. Insofern ist es naheliegend, daß wir uns irgendwie an das örtliche Angebot anpassen können müssen. Man vermutet, daß diese Ausrichtung auf das örtliche Speisenangebot schon im Mutterleib beginnt - was Mama isst, hinterlässt wahrscheinlich auch Spuren bei dem Ungeborenen. Ist nur schwierig nachzuweisen.
Aber bei Säuglingen ist man dem Effekt auf der Spur; Frau hat ja rund um die Milchdrüse Duftdrüsen, die je nach aufgenommener Nahrung unterschiedliche Düfte produzieren. Diese Düfte werden vom Säugling beim Trinken mit aufgenommen und als angenehm gespeichert. Diesen Duft kann man nun hinschmieren, wo man will, der Säugling wird sich dem Duftträger zuwenden. Somit prägt Mama schon während des Säugens Nahrungsvorlieben beim Kind.
Aber es hört damit natürlich nicht auf. Erst später erlernt das Kind ja, daß nicht alles, was z.B. bitter schmeckt auch giftig ist. Je nach Kultur wird es nun an andere Nahrungsmittel herangeführt, die dem schlichten Urinstinkt widersprechen, aber eben doch essbar sind. Es lernt somit, die potentiellen Nahrungsmittel seiner Umwelt zu nutzen.
Und dann kommen natürlich noch weitere Erfahrungen dazu: ist einem im Zusammenhang mit einem Nahrungsmittel mal so richtig schlecht geworden, dann signalisiert der Instinkt schon bei dem Geruch „Achtung! Finger weg! Gefährlich!“ (siehe das unten genannte Beispiel mit dem Weichkäse - ich hab’s mal mit Schokolade geschafft). Auch Nahrungsmittel mit ähnlichen Gerüchen werden dann abgelehnt und können sogar Brechreiz auslösen, obwohl eigentlich alles in Ordnung ist. Besonders auffällig ist dieser Effekt bei regionalen Spezialitäten. Wer nicht als Kind gelernt hat, daß Fisch faulig riechen und trotzdem essbar sein kann, wird sich später kaum an die schwedische Spezialität gewöhnen können; wer es nicht gelernt hat, das verfaulte Milch etwas Gutes ist, wird kaum Käsefan werden usw.

Wir entwickeln unsere Geschmacksvorlieben also auf der Basis der Instinke, schon individuell an persönliche biologisch bedingte Gegebenheiten ausgerichtet (siehe Brandens Sohn, oder Milch-nicht-vertragende Asiaten), werden an die regionalen Gegebenheiten angepasst und entwickeln dann Vorlieben und Abneigungen abhängig von der persönlichen Erfahrung (siehe Weihnachten und Himbeersaft).

Gruß
Sibylle

Und
ist es nicht auch so, dass bei älteren Leuten der
Geschmackssinn oft nachlässt oder sich verändert?

bevor ich mich darueber lustig mache, wollte ich lieber
genauer nachfragen, wie du das meinst…

das,was du vielleicht meinst, ist, dass alte leute nach urin
oder 1711 stinken und es nicht merken.

Lieber Spaßvogel chatairleiner,

„Im Alter sinkt die Zahl der Geschmacksknospen auf bis zu
700.“
:smile: SO meinte ich das.
Ist mir schon klar, dass das zweideutig geschrieben war,
sollte es ja auch. Und sicherlich gibt es auch Leute (nicht
nur alte), die keinen Sinn für Geschmack haben… :smile:

aber weniger geschmacksknospen heisst doch nicht, weniger geschmack:smile: wenn ich weniger gehirnzellen habe als du, denke ich doch nicht gleich weniger…oder vielleicht doch???

komische Frage…
Warum möchtest Du keine privaten Meinungen?
Vielleicht sind es ja gerade die, die Dich weiter bringen?

Es ist anerzogen und natürlichem Ursprungs.

Nicht scharf, nicht salzig, aber bitte süß ist der Ursprung.
Von Beginn an abgelehnt wurden Speisen, die (relativ) stark gewürzt waren, oder sehr eigen im Geschmack (Salz, Pfeffer, Paprika, Kümmel, Koriander, Senf usw.).
Auch Salat, Müsli wird gegenüber Süßem nicht viel Beachtung geschenkt.
Jetzt kommt der Erziehungsfaktor hinzu. Salat hält Dich gesund, Obst auch, nimm noch ein Vorbild hinzu, welches dieses oft verzehrt und Dein Kind wird sich sehr viel mehr von diesen (guten) Nahrungsmitteln ernähren.
Meine absolut überzeugte Meinung dazu:
Angeboren ist: Alles milde Essbare
Geprägt: eindeutig ja!
Konditioniert: ja!
Kulturell: Siehe geprägt und konditioniert.
Jeder Erwachsene ist konditioniert in Bezug aufs Essen. Kennst Du das nicht von Dir selber?
Angefangen beim zarten lieblichen Sekt (oder mildem Bier) wechselnd zum halbtrockenem oder trockenem Wein (herberen Bier)? Oder dem jungen Gouda, wechselnd zum Leerdammer (oder Blauschimmelkäse) – der etwas herber im Geschmack ist?
Was fragst Dich nun?
Im Grunde ist es ganz normal, dass wir uns unserer Umgebung langsam anpassen und dazu nach gewisser Zeit eine Steigerung wünschen, um unsere Geschmacksnerven anzuregen…

Gruß Jose

  • angeboren
  • geprägt (Was meine Geschwister essen, mag ich auch.)
  • konditioniert
  • kulturell bedingt?

Wohl alles davon :wink:

Angeboren ist sicher, daß man auf Süßes und Fettes „abfährt“, da dieses am nahrhaftesten ist (daher wird man auch dick!).

Die einzelnen Nuancen der Geschmäcker sind aber antrainiert, d.h. entstehen durch Gewohnheit. Ausgangspunkt ist sicher das Elternhaus - was dem näherkommt, schmeckt erstmal gut. Das kann sich aber auch ändern! In jedem Land gibt es andere Levels von Salzigkeit und Schärfe beispielsweise. Das schlägt sich auch darin nieder, daß Fertigprodukte wie Tütensuppen je nach Land anders schmecken, auch wenn sie gleich heißen und von der gleichen Firma sind. Auch im Restaurant sind die Gerichte anders gewürzt, weil dem Geschmack des Durchschnitts Rechnung getragen wird. Beispiel: In Österreich (auch in Deutschland?) ist das Essen stark salzig, und man liebt Geschmackverstärker (das braune Zeug). Tütensuppen sind extrem salzig, und Suppen im Restaurant auch. Dafür ist Schärfe wieder eine andere Angelegenheit! In Asien ist das Essen um ein vielfaches schärfer als in Europa. Da kann es wiederrum dazu führen, daß man das als zu scharf oder zu fade empfindet, wenn man eines gewohnt ist.

Gruß
datafox

Hallo!

Warum möchtest Du keine privaten Meinungen?
Vielleicht sind es ja gerade die, die Dich weiter bringen?

Ganz einfach: Weil ich mir diese Gedanken auch selbst machen könnte. Ich möchte nicht eine plausible Erklärung, wie es sein könnte, sondern ich möchte Fakten, wie es ist.

Im Prinzip lief bisher fast alles darauf hinaus, dass die Vermutungen, die ich eingangs genannt habe, akzeptiert wurden. Sibylles Posting hob sich wohltuend davon ab, indem sie über das Stillen und die pränatale Prägung geschrieben hat. Dafür gab es auch ein Sternchen.

Dass die Geschmäcker verschieden sind, steht ja außer Frage. Dass es nicht ausschließlich angeboren sein kann, ist ebenfalls ziemlich klar. Aber warum ich Sauerkraut mag und Du nicht (oder umgekehrt), wurde noch nicht geklärt.

Meine Eingangsfrage begann ja mit den Worten: „Gibt es Untersuchungen, …“ Auch die Psychologie schimpft sich ja „Wissenschaft“, und die Tatsache, dass jeder von uns Erfahrungen mit dem Forschungsgegenstand der Psychologie hat, macht uns damit nicht automatisch zu kompetenten Fachleuten auf dem Gebiet. (Nicht böse sein: Das ist nicht persönlich gemeint).

Ich finde die Frage übrigens gar nicht komisch.

Michael

Huhu!

Ist ja nu schon viel zu geschrieben worden, nur mal so ne biologische Anmerkung:

Anscheinend gibt es „ultrataster“ (oder so), die auf eine ganz bestimmte Weise angeordnete Geschmacksknospen haben, und obwohl die sich so einzeln gesehen wenig von denen unerscheiden, die „Normalschmecker“ haben, schmecken die wesentlich besser z.B. bitteres.

Außerdem läuft der größte Teil dessen, was wir als Geschmack von Essen wahrnehmen nicht über die Zunge sondern über die Nase - und in der Nase wiederrum gibt es eine Unmenge von verschiedenen Geschmackssensoren (>1000, wenn ich mich nicht irre), von denen jeder eine individuelle Mischung hat - d.h., das Person A die Geschmacksknospen A und B ziemlich oft hat, C aber nur selten, Person B A oft, B selten und C sehr häufig, während Person C vielleicht A und B extrem häufig und C gar nicht hat.

D.h. Geschmackswahrnehmungen differieren von Mensch zu Mensch ganz erheblich, und zwar rein von der Rezeptorausstattung her.

(Genaueres kann man in „Die Reise ins innere des Frühstückseis“ nachlesen.)
Viele Grüße!
Ph. aka aka.

Hallo!

(Genaueres kann man in „Die Reise ins innere des
Frühstückseis“ nachlesen.)

Oder hier: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi?db=pub…

(Daran war ich als Hiwi beteiligt…

:wink: Michael

Aaalso, dass Kinder manche Sachen (wie Spinat) nicht mögen ist, abgesehen von der ganz gewaltigen kulturellen Prägung (Werbung, Essenszwang), dadurch bedingt, dass manche schwachen Gifte von ihnen noch nicht so gut vertragen werden bzw. in den Dosen weggesteckt wie bei Erwachsenen.

Wenn ein Kind ganz normal isst, aber eine Abneigung gegen gewisse Dinge hat, dann ist das einfach normal. Aufzwingen sollte man das dem Kinde nicht.
Kann auch mit Erinnerungen zusammenhängen, Geruch/Geschmack und Erinnerungen sind SEHR eng miteinander verknüpft. Meine Schwester konnte lange keine Mango essen, weil ihr mal ganz gewaltig übel davon geworden ist, ich selbst mag inzwischen wieder Spargel und konnte ihn aus dem gleichen Grund eine Zeitlang nicht sehen.

Kulturelle Gebote, die Essen betreffen, übertrete ich sehr gerne :smile: Als Veggie ist das eh ned so heikel, da muss ich meine Offenheit nie mit Skorpioneisessen beweisen :smiley: