Hallo Heinrich,
1.Frage:
Wie werden die Mediziner dieser Anlaufstelle bezahlt? Bekommen
sie ein Fixum (dann besteht für die Ärzte kein Grund, sich
irgendwelchen Stress zu machen)? Werden sie nach Anzahl der
behandelten Patienten abgerechnet (dann haben wir ein
seelenlosen Massengeschäft)? Wird nach diagnostizierter
Schwere der Krankheit bezahlt (dann werden Leistungen
verschrieben, die evtl. gar nicht notwendig sind)?
Das ist noch festzulegen/zu diskutieren, man sollte sich die DRGs (neues Abrechnungssystem über diagnosebezogene Fallpauschalen in Krankenhäusern) mal zu Gemüte führen, dann erklären sich manche Fragen von selbst.
Ansonsten besteht hier ein Regelungsbedarf - ganz klar.
2.Frage:
Wie verhält sich ein behandelnder Arzt, wenn nach seiner
Meinung vom Arzt der zentralen Anlaufstelle eine Fehldiagnose
gestellt wurde (statt der diagnostizierten „Muskelzerrung im
Rücken“, die mit etwas Salbe und Massagen behandelt werden
soll, stellt der behandelnde Arzt eine „Entzündung eines
Rückenwirbels“ fest - also zurück zur Zentralen Anlaufstelle,
neue Diagnose und neue Überweisung an einen behandelnden
Arzt)?
Der Arzt setzt sich mit der zentralen Anlaufstelle in Verbindung und wird mit anderen Ärzten, die dem entsprechenden Fachgebiet zugeordnet sind in einen konstruktiven Dialog treten.
Jeder Fall wird dokumentiert und von einer Expertengruppe überwacht, wenn also eine vermeintliche Erkrankung, nach Behandlung durch Arzt A, nach einer gewissen Zeit keine Besserung verspricht (oder der Patient sich an die Schiedstelle wendet), wird die Expertengruppe eingeschaltet und berät über den Fall und verweisst u.U. an Arzt B/C/D.
Wie ist es denn im Augenblick geregelt?
Der Patient hat Beschwerden, die sich nicht bessern und deshalb sucht er zahllose weitere Ärzte auf, er hat keinerlei Informationen über die Qualifikation eines Arztes und über die Zufriedenheits-/Erfolgsquote bei der Behandlung seines Krankheitsbildes, bei seinem oder anderen Ärzten.
3.Frage:
Wie soll im vorgeschlagenen Modell verhindert werden, dass
eine Anlaufstelle nicht mit einer Gruppe weiterbehandelnder
Arztpraxen kungelt (Arzt X kennt Arzt Y vom Studium, aus dem
Sportclub usw. und sorgt dafür, dass dessen neuer Tomograph
entsprechenden Einsatz findet)? Wer will da kontrollieren und
überwachen?
Das ist ein Problem und sollte strafrechtlich geahndet werden, gibt es doch m.W. schon für Insidergeschäfte an der Börse.
Spezialgerätschaften sollten im Prinzip nur in staatlichen Kliniken zur Verfügung stehen, man müsste den aktuellen statistischen Bedarf ermitteln.
4.Frage:
Es soll keine Bindung zwischen Arzt und Patient mehr geben.
Abgesehen von dem negativen psychologischen Effekt, dass kein
echtes Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann, stellt sich
die Frage, wie der Patient sich bei längerwierigen
Behandlungen verhalten muss. Nach jeder Behandlung wieder zur
zentralen Anlaufstelle, um sich eine neue Arztadresse zu
holen?
Die mangelnde Bindung soll hauptsächlich zur Verhinderung von Zweckmässigkeitskrankschreibungen und Langeweilebesuchen dienen.
Bei schwerwiegendem und/oder längerfristigem Behandlungsbedarf ist ein persönlicher Arzt-Patient-Kontakt gewünscht und wird auch finanziell berücksichtigt, z.B. durch erhöhte Hausbesuchspauschalen und erhöhte Vergütungen für Aufklärungsgespräche in den Praxen.
5.Frage:
Kann die Pharmaindustrie wirklich aus den Praxen der
behandelnden Ärzte herausgehalten werden? Wie soll verhindert
werden, dass ein Arzt von einem Pharmavertreter Rabatte für
teuer abzurechnende Medikamente in Aussicht gestellt werden,
wenn nicht über eine Negativ- oder Positivliste? Oder dem Arzt
kostenintensive Gerätschaften aufgeschwatzt werden, die sich
nur durch hochfrequente Nutzung rentieren?
Pharmavertreter werden weiterhin notwendig sein, da ein Arzt in der Regel keine Zeit oder/und Interesse hat, sich jeden Tag über neue Medikamente und deren Vor-/Nachteile im z.B. Internet zu informieren.
Meiner Meinung nach stellen Pharmavertreter auch eine geeignete Weiterbildungsmöglichkeit dar - die zur Zeit leider durch z.B. kostenlose Freizeitangebote für den Arzt, einen negativen Beigeschmack bekommen haben.
Allerdings sollten diese Kontakte reglementiert werden .
Anm.: Ich möchte keinem Arzt in diesem Zusammenhang
irgendetwas unterstellen, aber den idealtypischen Fall gibt es
im realen Leben m.E. einfach nicht. Die Masse der Ärzte
verhält sich adäquat zur Gesamtmasse der Bevölkerung, und eine
gewisses Potential zur „Unredlichkeit“ ist bei jedem gegeben.
Ein gewisses Vertrauen ist für die Inanspruchnahme einer Dienstleistung von Vorteil.
Ausgenutzt wird dieses Vertrauen doch dann, wenn keinerlei Vergleichs- und Kontrollmöglichkeit besteht und Das könnte man doch regeln.
Grüße
Heinrich
Gruß
karin