Gewalt als 'Zuneigungsbeweis' ?

Hallo !
Mir ist aufgefallen, das Frauen, die vorher sehr viel negatives in einer Beziehung erfahren haben (z.B. geschlagen oder vergewaltigt) oftmals auch in der neuen Beziehung Gewalt als „Zuneigungsbeweis“ anwenden. So kneifen sie oft oder „hauen“ den neuen Partner oder necken einfach sehr viel. Wenn man sie dann fragt „Warum haust du mich ständig“, dann kommt oft die Antwort „Das ist mein Zeichen dir zu sagen, das ich dich lieb hab“.
Sollte man dann so etwas „dulden“ und hoffen das es einmal anders wird ?
Oder sollte man so etwas sofort abgewöhnen indem man sagt, das man so etwas nicht möchte und das es andere „Liebesbeweise“ gibt - eben Zärtlichkeiten austauschen.

Ein anderer Fall: Da ist eine Frau, die mit sich selbst sehr unzufrieden ist. Manchmal an Selbstmord denkt und auch sonst nichts tolles an sich finden kann. Immer so ein Auf und Ab.
In der Beziehung möchte sie gerne „harten Sex“. Also möchte gedemütigt, ja fast schon verewaltigt werden. Ist das dann einfach eine „Leidenschaft“ oder hängt das dann mit ihrer Psyche zusammen und man sollte so etwas lieber nicht mitmachen.
Ich persönlich denke das auch mal „sauiger Sex“ mal ganz erfrischend und besonders anregend sein kann (ich rede hier übrigens nicht vom Brutalo-Sex mit viel Gewalt und Blutig schlagen) aber ist es bei einem Psychisch labilen vielleicht eher falsch ? Was sollte man tun, wenn sie an „Schmuse-Sex“ so gar keine Befriedigung finden kann?

Ich danke für alle Tips.

P.S.: Dies sind alles Fälle die mich persönlich NICHT oder nicht mehr betreffen. Weil es frühere Beziehungen waren oder die von Bekannten.

Gruß
Andreas

Hallo Andreas,

kurz, bevor ich für einige Tage verreise, werfe ich eine schnelle Antwort hinein (Achtung theoretisch und abgehoben!).

  1. Für kleine Kinder ist Zuwendung gleichbedeutend mit lebenswichtiger und zuverlässiger Versorgung (Erwachsene sehnen sich nach Wärme, Kinder brauchen sie). Wenn Gewalt dabei ist, lernt das Kind, das zur Zuneigung die Gewalt, die es erfahren hat, dazugehört.

  2. Solche Kinder wiederholen diese Erfahrung, lernen Menschen kennen, die wieder in ähnlicher Weise Gewalt ausüben und „schließen“ per Analogie daraus, daß sie bei eben diesen Menschen Zuwendung bekommen, wie sie sie von früher kennen. Dieser Analogieschluß findet nicht kognitiv statt, sondern ist einem bedingten Reflex vergleichbar.

  3. Falls jemand „gelernt“ hat, daß Gewalt ein Zeichen von Zuneigung ist, müßte er das mit Hilfe wieder „verlernen“ können (Zweckoptimismus). Aber unter Druck lernen geht schlecht.

  4. Deshalb muß man „soetwas“ (Hauen etc.) nicht „dulden“ oder „erdulden“, aber doch wohl so jemandem mit viel Geduld vermitteln, daß Zuneigung auch anders, schöner und reicher möglich ist.

  5. Wenn jemand „sehr viel Negatives in einer Beziehung erfahren hat“, dann kann das nicht der Urspung sein, denn ein Mensch mit „gesunder“ (also gewaltfreier und wirklich liebevoller) Vorgeschichte würde sich wohl sofort von einem Partner mit Gewaltneigung zurückziehen, da er weiß: das tut ihm nicht gut. Sondern da muß eben schon von früher die Gleichung: Gewalt = Zuneigung verinnerlicht sein.

  6. Ich bin skeptisch, ob ein so vorbelasteter Mensch jemals rein liebevolle Zuwendung als so anziehend, nährend und reich empfinden wird als „Zuwendung“ mit Elementen von Gewalt. Sondern ich frage mich, ob das nicht ähnlich stark fixiert ist wie z. B. ein Fetisch.

Grüße,

I.

Hallo Idomeneo,

also ich habe als Kind sehr viel Gewalt (häufig Schläge mit einem Weidenteppichklopfer - der ganze Rücken war blau bis zum Hals) und kaum Zuwndung von meiner Mutter erfahren. Schon als Jugendliche war mir klar: wenn ich mal Kinder und einen Partner habe, wird es keine Gewalt geben. Das habe ich auch so durchgezogen.

Das was Du schreibst, kann ich in keinster Weise nachvollziehen. Ein Partner der bei mir Gewalt anwenden würde, wäre sofort ein ehemaliger Partner und das schon, seit ich meinen ersten Partner hatte.

Ich (55 j.) hatte schon mehrere Partner in meinem Leben. Keiner war „richtig“ gewalttätig, einer hat mir mal eine Ohrfeige verpasst, war seine letzte gewesen, weil ich mit meinem Kind sofort ausgezogen bin.

Für mich ist es gerade umgekehrt: weil ich weiß, wie weh es tut, werde ich den Menschen, den ich liebe (egal ob Kind oder Partner) eben niemals weh tun. Ich habe zeitlebens ein sehr gespanntes Verhältnis zu meiner Mutter, da ich ihre Gewalt nie als Zuwendung gesehen habe und sehe, obwohl sie heute noch der Meinung ist, dass sie mir ihre Liebe gezeigt hat.

Früher (noch vor meiner Geburt) gehörte der Rohrstock mit zur „normalen“ Erziehung (sogar in den Schulen), aaaber von Generation zu Generation wurde er weniger eingesetzt. Wenn Deine These stimmen würde, gäbe es heutzutage nur noch Gewaltorgien.

Vielleicht fragst Du auch mal meinen Mann, meinen Sohn und meine drei Enkelkinder ob ich (mit meiner Vorgeschichte) in der Lage bin, Liebe zu geben - und zwar gewaltfreie Liebe. Mein Mann dürfte mir dann übrigens auch keine gewaltfreie Liebe geben, der hat nämlich auch keine gewaltfreie Kindheit hinter sich.

Übrigens der Partner mit der oben beschriebenen Ohrfeige hatte eine gewaltfreie Erziehung.

Gruß
Ingrid

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Hallo Andreas

In der Beziehung möchte sie gerne „harten Sex“. Also möchte
gedemütigt, ja fast schon verewaltigt werden. Ist das dann
einfach eine „Leidenschaft“ oder hängt das dann mit ihrer
Psyche zusammen und man sollte so etwas lieber nicht
mitmachen.

Auf jeden Topf passt ein Deckel, sagt der Volksmund.
Aus meine Erfahrung kann man sexuelle Vorlieben und Besonderheiten meistens nicht ändern, weil sie tief mit der Persönlichkeit verbunden sind.
Also scheint es mir praktisch, wenn eine -wie oben von dir beschriebene- masochistische Frau mit einem Partner zusammen ist, der ein Stück weit kontrolliert sadistisch agiert, so dass beide Freude an dem sado-masochistischen Sex haben.
Alles andere ist viel zu schwierig und geht meistens mit „Verbiegungen“ einher, die die spontane Erotik versiegen lassen.
Ein Mann, dem dieses Stück Sadismus gar nicht liegt, der kann im Grunde mit einer masochistischen Frau nichts anfangen und sollte (im wahrsten Sinne des Wortes) die Finger von ihr lassen.
Gruß,
Branden