Gewaltverbrechen an Kindern

Hallo liebe Eltern,

in Frankfurt wurde von den Ermittlungsmethoden eine Aktion gestartet, bei der die männliche Bevölkerung best. Stadtteile zwischen 18 und 49 (glaube ich) aufgefordert wird freiwillig ihre Fingerabdrücke abzugeben um an der Aufklärung eines spektakulären Mordfalls mitzuwirken. Der wirklich grausame Mord an einem Jungen liegt einige Jahre zurück, und die bisherigen Ermittlungen waren erfolglos. Man hat aber einen Fingerabdruck, den man dem Täter zurechnet.
Im Polizeibrett hat sich nun eine leidenschaftliche Diskussion um dieses Thema entfaltet. Da ich selber Vater eines kleinen Sohnes bin würde ich mein Posting aus dem Brett auch gerne hier mal zur Diskussion stellen.

Viele Grüße
Stefan

Hier mein Posting aus „Polizei und Kriminalistik“:

Ich bin wirklich fassungslos, mit welcher Vehemenz hier teilweise die Demontage unserer Rechtsprinzipien verteidigt wird. Sieht eigentlich keiner was in unserem Land passiert?
Wie ist denn die Situation? Die Fälle von Gewalt- und Sexualverbrechen an Kindern stagnieren seit Jahrzehnten. Der größte Anteil der Täter stammt aus dem familiären Umfeld oder dem Bekanntenkreis (es werden da Zahlen über 90% genannt). Die große Mehrheit dieser Verbrechen wird (sofern sie den Ermittlungsbehörden bekannt werden) aufgeklärt.
Was hat sich in den letzten Jahren geändert? Wir haben eine unglaubliche Ausweitung des Mediums Fernsehen erlebt. Die Zahl der Sender hat sich vervielfacht. Die große Konkurenz zwingt die Sender mit fast allen Mitteln um Einschaltquoten zu kämpfen. Und spektakuläre Kriminalfälle (vor allem wenn es um Kinder geht) garantieren hohe Einschaltquoten - die sich die Sender aber leider wieder teilen müssen…
In der Folge wird tage- oder wochenlang breit über einzelne Fälle berichtet bis auch der letzte Hinterwäldler die Geschichte kennt und die Bevölkerung den Eindruck gewinnt, als würde hinter jeder Ecke ein Gewaltverbrecher stehen und sie dürfe ihre Kinder nicht mehr auf die Strasse lassen.
Und welchen Gefahren sind unsere Kinder wirklich ausgesetzt? Da ist in erster Linie der Strassenverkehr zu nennen. Würde mit gleicher Intensität über tote Kinder im Strassenverkehr berichtet, das tägliche Fernsehprogramm bestünde nur noch aus Sondersendungen. Aber immer noch werden einfache und billige Maßnahmen (z.B. flächendeckend Tempo 30 innerorts oder ein Verbot der sog. Kuhfänger die hoch gefährlich sind und schon bei geringem Tempo schwerste Verletzungen verursachen) mit dem Hinweis auf die Freiheit der Bürger verhindert. Oder das weiter unten angesprochene Problem der Kindermedikation. Da werden Kinder größten Gefahren ausgesetzt.
Geht es also bei solchen Aktionen wirklich um den Schutz der Kinder? Ich sage nein. Es geht den Ermittlungsbehörden hier um eine Erfolgsmeldung. Dieser Fall hat ein enormes Medienecho hervorgerufen und ist auch heute noch präsent. Die Ermittlungsbehörden glauben, daß sie diesen Fall aus Prestige-Gründen auf jeden Fall aufklären müssen.
Und zum zweiten kann man hoffen, als „Abfallprodukt“ vielleicht noch den einen oder anderen Fall aus der Vergangenheit aufzuklären. Dazu brauchen die Behörden nicht einmal ihre Versprechen im Bezug auf den Datenschutz zu brechen (und schon da habe ich erhebliche Zweifel). Jemand, der in der Vergangenheit straffällig wurde und befürchten muß anhand seines Fingerabdrucks identifiziert zu werden, wird den Teufel tun und seine Abdrücke abliefern. Aber nutzen wird ihm das u.U. nichts, denn durch seine Weigerung gerät er erst recht in das Visier der Fahnder. Und genau so etwas ist mit unserem Rechtssystem absolut unvereinbar. Hier wird, wenn auch nicht dejure so doch defacto, die Beweislast umgekehrt und das kann ich als Anhänger der freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht zulassen.
Solche Ermittlungsmethoden (wie auch schon der Fall von massenhaften Gen-Tests nach dem Mord an zwei Mädchen vor einiger Zeit) halte ich für im höchsten Maße fragwürdig. Hier wird mit Atombomben gegen Windmühlen gekämpft. Ich wähle diese Metapher mit Absicht, denn für den Schutz unserer Kinder wird nahezu nichts erreicht, aber die Folgen dieser Schritte werden unser Rechts- und Wertesystem nachhltig erschüttern.

Hallo Goosi,

so richtig wirklich bin ich leider nicht auf den Kern Deines Protestes gekommen. Aber ich gehe mal trotzdem darauf ein, was mir ins Auge gestochen hat.

Zuerst einmal sind die Kindestötungsdelikte in den letzten Jahrzehnten weder mehr noch weniger geworden, soviel ich weiß. Aber Du hast Recht, der subjektive Eindruck muss entstehen, vor allem, wenn man sein Wissen nur aus Medien bezieht, die an der Oberfläche kratzen…

Dann schreibst Du aber: „Es geht den Ermittlungsbehörden hier um eine Erfolgsmeldung.“ Und damit bin ich nicht einverstanden. Wenn es hier jemanden um reine Effekthascherei geht, dann ja wohl den Medien, und nicht umgedreht. Die Ermittlungsbehörden ermitteln die Fälle, und wenn es für nötig befunden wird, bitten sie um die Mithilfe der Bevölkerung. Was ist daran schlecht oder sogar verwerflich?

Und was den Datenschutz in Verbindung mit zum Beispiel Fingerabdrucksvergleichen oder Speicheltests angeht: Die Daten von Freiwilligen, die zu keinem Ergebnis führten, werden wieder vernichtet. Und wenn Daten von Vorbestraften genommen werden, dann halte ich das zur Aufklärung eines Gewaltverbrechens für absolut legitim und rüttle deshalb noch längst nicht an den Grundfesten und Idealen unserer freiheitlichen Demokratie.

Das jedenfalls ist meine Meinung dazu.

Viele Grüße
Jana

Hallo Stefan,

ich glaube, Du vermischt hier zwei Dinge miteinander. Ich kann Dir nur voll zustimmen, was die skandalheischende Medienpräsents von einer verschwindend geringen Zahl von Gewaltverbrechen an Kindern angeht. Hierzu ein Selbsttest für alle Leser:

Wie hoch ist die Zahl der Sexualmorde an Kindern in D durchschnittlich in den letzten Jahren?

Rund 8! Bei rund 82.400.000 Bundesbürgern

Nicht erschrocken sein, wenn jetzt jemand total daneben gelegen hat, selbst Juristen schätzen gerne mal in den 1000er Bereich.

Durch die entsprechende Berichterstattung wird ein vollkommen falsches Bedrohungsszenario erstellt. Was dann angesichts dieser Einzelfälle an Konsequenzen gefordert wird, steht in keiner Zweck-/Mittelrelation mehr. Gleichzeitig wird aber der Blick auf echte Gefahren (Straßenverkehr/Haushalt) verstellt. Und eigentlich ist uns allen dies auch ganz recht so, weil man für sich selbst eben besser damit leben kann, dass der „böse schwarze Mann“ mein Kind bedroht, woran ich ohnehin nicht tun kann, als darüber nachzudenken, dass ich selbst zigfach am Tag Leben gefährde, in dem ich mal wieder zu schnell fahre, die Haushaltschemie nicht richtig wegschließe, etc.

Auf der anderen Seite steht die Suche nach den Tätern und der von Dir gesehene Untergang des Rechtsstaats. Hier kann ich Dir nicht zustimmen. Die so genannten Massentests dürfen nur bei einer zuvor bereits abgegrenzen Gruppe potentieller Täter durchgeführt werden, sind ultima ratio und bedürfen richterlicher Anordnung. Ein wildes frei in die Gegend ermitteln und ein Generalverdacht reichen da nicht. Ausforschungsbeweise werden vor Gericht ohnehin nicht anerkannt und selbstverständlich ist der Rechtsweg gegeben. Außerdem müssen die Ergebnisse vernichtet werden und dürfen auch nur für den Einzelfall verwendet werden.

Wenn jetzt durch Weigerung jemand auffällig wird und hierbei eine andere Straftat aufgedeckt wird, so ist dies für den Betroffenen Pech, aber eine Gleichbehandlung im Unrecht gibt es nicht und man wird den so gefundenen Mörder eines anderen Falls sicher nicht laufen lassen wollen. Hier gilt einfach das Prinzip, dass wer nichts zu verbergen hat, auch keine Angst haben muss. Schutz vor Strafverfolgung durch bestimmte Maßnahmen hat unser Rechtssystem noch nie gekannt, und somit kann hier auch nichts verlustig gehen.

Gruß vom Wiz

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