Gewerkschaft - was mich seit 30 Jahren wurmt

Hi @ll,

vielleicht kann mir jemand folgende Punkte erklären:

  1. Lohnerhöhung - warum immer prozentual? Gerade die „Geringverdienenden“ gehen damit ziemlich leer aus
  2. Lohnerhöhung - warum immer gleich eine „ganzer Verband“? Chemiebranche: BASF & Co. erwirtschaftet so immer noch Gewinn, gerade kleiner Betriebe kostet das aber manchmal die Existenz… (denke da an einen Fettstoffhersteller, der der rumgekrautet hatte, aber die Löhne nicht mehr zahlen konnte, dann saßen 80 Leut auf der Straße…)
  3. Bsp. Chemie vs. Handel - gleiche Arbeit (z.B. Sachbearbeiter) aber gänzlich andere Bedingungen. Soll das gerecht sein?
  4. Lohnhöhe, Lohnnieveau: warum kommen (gefühlt…) immer unverschämte Forderungen mit massiven Einschränkungen für die Allgemeinheit? Denke da an Bahner… zugegeben, da kenn ich mich nicht aus, aber 10% auf einmal??? Für Teile der Belegschaft sicher sinnvoll - aber dann doch lieber: 5% mindestens aber 100Euro oder so…
  5. Streik: wirklich faires Druckmittel? Gerade bei Warnstreiks z.B. Flughafen… ein paar wenige können alles lahmlegen und viele andere mit in den Strudel ziehen…

tja… auf zum Gefecht

LG
Ce

Nö.
Prozente sind einfach auszurechnen . Und üblich gibt es eine Mindestsumme, die eben einen von dir befürchteten prozentualen Minizuschlag in den untersten Lohngruppen oder bei Azubis ausgleichen soll.

Und warum große Tarifgebiete(-Bereich ?
Das ist halt so gewachsen und für beide Seiten nützlich. Die AG verhandeln auch lieber mit einer Vertretung als mit zig kleinen .
Und kleine gehen i.d. R. unter, können ihre Forderungen schwer durchsetzen, von den wenigen Ausnahmen mal abgesehen (Fluglotsen, Piloten, Lokführer).

Warnstreik: das kommt ja nicht über Nacht. Es gibt Vorlauf, es muss nicht dazu kommen. Es soll den Druck erhöhen auf die unwilligen AG.
Das andere darunter „leiden“ liegt in der Natur der Sache wenn es um Verkehrsmittel geht.

Und 10 % sind doch nicht unbillig. Das wird wohl begründet sein. Und es sind Forderungen, am Schluss kommt ein Maßnahmenpaket heraus, was selten die Forderung 1:1 erfüllt.

MfG
duck313

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Hallo,

an der prozentualen Lohnerhöhung stört mich nicht das Einmalige, sondern die immer weiter aufklappende Lohnschere.

Grüße Siboniwe

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Hallo,

Deine Fragen resultieren schon auf offensichtlicher Unkenntnis - sowohl der gewerkschaftlichen Forderungen als auch der grundsätzlichen Abläufe von Tarifverhandlungen.

Zumindest die DGB-Gewerkschaften - allen voran Ver.di und IGM - haben in der Vergangenheit immer wieder Sockel- bzw. Mindestbeträge gefordert und auch teilweise durchgesetzt. Es sind die Arbeitgeber, die sich dagegen sperren - ideologisch unterstützt von der großen Mehrheit der deutschen sog. „Wirtschaftswissenschaftler“.
So haben zB bei der Tarifrunde des öD 2018 die Arbeitgeber einen Sockelbetrag von mindestens 200€ vehement abgelehnt:
https://www.rbb24.de/wirtschaft/beitrag/2018/04/tarifverhandlungen-oeffentlicher-dienst-vorlaeufiges-ergebnis.html

Für Tarifverhandlungen braucht es immer zwei Verhandlungspartner. Insbesondere die Arbeitgeberverbände legen Wert auf „Flächentarifverträge“, um gleichartige Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.

Tarifverträge sind abhängig vom Organisationsgrad, also dem Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer und der betrieblichen Struktur. Großbetriebe sind besser gewerkschaftlich organisierbar als Betriebe mit wenigen Beschäftigten bzw. kleinteiliger Struktur. Und wenn in der Chemieindustrie mehr als 60% der AN organisiert sind und im Einzelhandel max. 15%, dann hat das halt Einfluß auf die Durchsetzungskraft.

siehe 1.

Das ist nun mal Teil der grundgesetzlich geschützten Tarifautonomie. Das muß die Gesellschaft aushalten. Schließlich profitieren letztendlich auch alle AN - zumindest indirekt - und auch die Rentner von Tariferhöhungen. Und für die unorganisierten Trittbrettfahrer hält sich mein Mitleid sowieso in engen Grenzen.

&Tschüß
Wolfgang

Hallo,

das hat ja @duck313 eigentlich schon ausführlich genug erklärt. Es gibt oft genug auch den Nebensatz „der Lohn steigt um x% aber mindestens um y€.“

Wenn Du Dir die Geschichte der Gewerkschaften ansiehst, wirst Du feststellen, dass das eine gewachsene Größe ist.

Nun ja. Sowas liegt ja nicht nur an den vermeintlich hohen Löhnen. Löhne und Gehälter der Mitarbeiter sind nur einer von vielen Faktoren, die das wirtschaftliche Geschick eines Unternehmens beeinflussen. Schlecker zum Beispiel zahlte seinen Mitarbeiterinnen nicht gerade üppigen Lohn - trotzdem musste das Unternehmen Insolvenz anmelden.

Das ist wie beim Tanz - es gibt eine eingeübte Schrittfolge, an die sich die Parteien gewöhnt haben. Wenn man gehässig wäre, könnte man auch sagen, das läuft wie auf dem Basar - man handelt sich gegenseitig auf einen Wert ein, den beide Parteien gerade so ertragen können.

Welches Druckmittel hätten Lohn- und Gehaltsempfänger noch, um ihre Forderungen durchzusetzen? Das verweigern der vereinbarten Arbeitsleistung ist doch nahezu das einzige. Natürlich könnten sie, wie es jetzt von den Schülern gefordert wird, Samstags im Park demonstrieren - doch würde das einen echten Druck gegen die Arbeitgeber ausüben?

Das ist das Lebensrisiko.

Grüße
Pierre