Gewinner?

Hi,
wann ist eigentlich jemand der Gewinner von etwas? Klar schöpft man meist auch aus einer Niederlage einen Gewinn. Aber wie ist es z.B. bei einer Wahl?
Mit Verwunderung las ich vorhin auf n-tv, dass „die CDU die Wahl in S-H gewonnen“ habe[1]. Das ist falsch. Oder doch nicht? Ist das eurer Meinung nach Manipulation oder nicht?

Viele Grüße,
J~

[1] Anmerkung: die CDU hat einen Sitz mehr als die SPD, kann aber doch de facto nicht den Ministerpräsidenten stellen. Aktuelle Bezüge lasse ich mal außen vor, der o.g. Text ist auch schon älter

Hallo Jame~,

ich habe die von dir beanstandete Formulierung heute noch gelesen („Die CDU hatte die Wahl vor einem Monat gewonnen“, dpa) und mich auch geärgert.

wann ist eigentlich jemand der Gewinner von etwas?

Ich finde den Versuch, ein komplexes Thema allein mit Schlagworten zu erfassen, generell wenig sinnvoll (ich weiß, bei der BILD-Zeitung ist das Markenzeichen und Stilmittel in einem). Es handelt sich bei Landtagswahlen bekanntlich nicht um eine Konkurrenz wie ein Hundertmeterrennen, die durch einen einfachen Maßstab ausreichend zu erfassen und bei der nur der Erstplatzierte von Bedeutung wäre.

Man überlege nur, welche Möglichkeiten das Wahlergebnis eröffnet: Im Falle einer großen Koalition bliebe die SPD an der Regierung, trotz erheblicher Stimmenverluste – ist sie also „die Verliererin“? Falls in Schleswig-Holstein eine Ampelkoalition entstünde, wäre die CDU nach wie vor in der Opposition, obwohl sie die meisten Erst- und Zweitstimmen erhalten hat – kann man die CDU dann als „die Gewinnerin“ bezeichnen?

Man handelt als Journalist gewiss klüger, die Fakten beim Namen zu nennen: größter Zugewinn gegenüber der vorherigen Wahl, höchste Zahl an Wählerstimmen, Parlamentsmehrheit, usw. Im besten Falle ist der Konsument aufgrund der Berichterstattung in der Lage, sich eine Meinung zu bilden, die sich nicht dafür schämen muss, Parteien zu Gewinnern oder Verlierern zu erklären.

Ist das eurer Meinung nach Manipulation oder nicht?

Das würde ich mit Jein beantworten. Die von zahlreichen politischen Akteuren verwendeten Begriffe unreflektiert zu übernehmen, kann einen sachlichen Artikel durchaus in ein leicht propagandistisches Licht rücken. Da ich unter „Manipulation“ einen willentlichen Vorgang verstehe, würde ich den Vorwurf auf Schlamperei oder mangelndes Gespür abmildern. Auch das ist schlimm genug.

Gruß
Christopher

Hi,

wann ist eigentlich jemand der Gewinner von etwas? Klar
schöpft man meist auch aus einer Niederlage einen Gewinn. Aber
wie ist es z.B. bei einer Wahl?
Mit Verwunderung las ich vorhin auf n-tv, dass „die CDU die
Wahl in S-H gewonnen“ habe[1]. Das ist falsch. Oder doch
nicht? Ist das eurer Meinung nach Manipulation oder nicht?

Ich versuche mal, meine politische Meinung außen vor zu lassen:

„Gewinner“ ist der, der in einem Wettbewerb mit mehreren Teilnehmern unter’m Strich das Ziel erreicht.

Nun ist hier die Frage, was der Wettbewerb ist und was das Ziel.
Bei einer Wahl mag man vordergründig meinen, es sei das Ziel, die meisten Stimmen zu erhalten, aber wie die Geschichte zeigt, stimmt das nicht, so pervers es auch manchmal ist. Das Ziel ist es, die Regierung zu stellen. Nur zu diesem Zweck wird gewählt, zu keinem anderen.

Also hat die CDU die Wahl nicht gewonnen - bis jetzt zumindest nicht.

Anders sieht es allerdings für die aus, die von vornherein nicht zu den Favoriten gehören, für die also die Hoffnung auf eine Mehrheit illusorisch ist wie den SSW: DER hat so oder so auch die Wahl „gewonnen“, eben mit diesem Platz in den Ausschüssen und der „Zünglein an der Waage“-Rolle. Ein relativer Gewinn sozusagen.

Auch die CDU hat „relativ“ gewonnen, indem sie mehr Stimmen als bei den letzten Wahlen bekommen hat.

Aber „der Gewinner“ ist der, der am Ende unter’m Strich übrig bleibt.

Gruß,

Malte.

Hallo,

Das Ziel ist es, die Regierung zu stellen. Nur zu diesem Zweck
wird gewählt, zu keinem anderen.

Moment! Du kannst doch nicht einfach die gesamte Legislative unter den Teppich kehren. Dank der Gewaltenverschränkung ist es zwar so, dass die Mehrheitsverhältnisse in den Parlamenten die jeweiligen Regierungen festlegen, dies ist aber bei Weitem nicht die einzige Aufgabe.


PHvL

Gewinner ist …
… meine Lieben,

bei einer Landtagswahl nicht der, der die Regierung stellt. Denn es handelt sich
um eine Parlamentswahl. Gewinner ist also, wer die Mehrheit im Parlament hat.
Die CDU hat hier eine einfache Mehrheit gewonnen.
Nun geht es aber in einem zweiten Schritt darum, Mehrheitsbündnisse für die
zukünftigen Abstimmungen (Regierungsbildung, Ministerpräsident/in, Gesetze) zu
schließen. Für eine Regierungsbildung schien dies gelungen, für die Wahl
eines/einer Ministerpräsidenten/in nicht. Da hier eine Pattsituation entstand,
gibt es hier keinen Gewinner.
Fazit: Von den Parteien her gesehen hat die CDU die Wahl gewonnen. Von der
Mehrheitsbildung im Parlament her gesehen, ist dies momentan noch offen und es
gibt keine Mehrheit.

Gruß
Bolo2L

Gewinner/Verlierer - Sieger/Unterlegene
Hallo!
Abstrakt betrachtet stellt sich für mich das Problem eindeutig dar.
Jeder der aus einer Aktion mit mehereren Beteiligten, bezogen auf die relevanten Kriterien mit einem Zugewinn hervorgeht (z.B. Stimmen bei der Wahl, Kenntnisse nach einem Kursus, Geld beim Spiel etc.) ist ein Gewinner. Wer schlechter da steht als vorher ist Verlierer. Der mit dem höchsten Zugewinn (absolut, nicht prozentual) ist der Sieger, und davon gibt es nur einen. Alle anderen sind die Unterlegenen.
Somit können also durchaus mehrere Gewinner und Verlierer aus einer Wahl hervorgehen, aber nur ein Sieger.
Mit freundlichen Grüßen
Alexander Berresheim

Hi,

Jeder der aus einer Aktion mit mehereren Beteiligten, bezogen
auf die relevanten Kriterien mit einem Zugewinn hervorgeht
(z.B. Stimmen bei der Wahl, Kenntnisse nach einem Kursus, Geld
beim Spiel etc.) ist ein Gewinner.

in diesem Zusammenhang wurde das Wort Gewinner hier aber eindeutig nicht verwendet sondern eben im Sinne von „Sieger“.

Grüße,
J~

Hi,

bei einer Landtagswahl nicht der, der die Regierung stellt.
Denn es handelt sich
um eine Parlamentswahl. Gewinner ist also, wer die Mehrheit im
Parlament hat.

das mag formal richtig sein, stimmt aber trotzdem nicht wirklich. Das (Pflicht-)Ziel jeder Partei ist es die politische Macht zu übernehmen. In den meisten Fällen wird dies natürlich durch Parlamentsmehrheit erreicht, aber eben nicht immer.

Grüße,
J~

Hi Christopher,

ich habe die von dir beanstandete Formulierung heute noch
gelesen („Die CDU hatte die Wahl vor einem Monat
gewonnen“
, dpa) und mich auch geärgert.

ich denke genau die Undifferenziertheit die du ansprachst hat auch mich geärgert. Und gestern abend ging es munter weiter als die Medien von einen Rücktritt Simonis’ sprachen als dieser noch gar nicht feststand. Auch der erhabene NDR machte mit und fügte später in den fertigen Rücktrittstext ein schamhaftes „-vorerst-“ ein (die Quelle ist leider nicht mehr online/auffindbar). Überhaupt scheinen Wörter wie voraussichtlich, ggf, wahrscheinlich usw. nicht sehr beliebt.

die durch einen
einfachen Maßstab ausreichend zu erfassen und bei der nur der
Erstplatzierte von Bedeutung wäre.

Wie wahr! Hätte doch beinahe der letztplatzierte SSW die Regierung quasi mitgebildet.

Man handelt als Journalist gewiss klüger, die Fakten beim
Namen zu nennen: größter Zugewinn gegenüber der vorherigen
Wahl,

„die CDU hat den größter Zugewinn gegenüber der vorherigen Wahl“
verbraucht aber mehr Zeilen als:
„die CDU hat die Wahl gewonnen“
:smile:

Da ich unter
„Manipulation“ einen willentlichen Vorgang verstehe, würde ich
den Vorwurf auf Schlamperei oder mangelndes Gespür abmildern.

Für ein Privatgespräch gäbe ich dir recht. Wenn ich aber etwas beruflich als Fachmann betreibe sollte die Messlatte höher liegen. Ich möchte es nun fahrlässige Manipulation nennen :wink:

Viele Grüße,
J~

Hi,

Ich versuche mal, meine politische Meinung außen vor zu
lassen:

es fällt auch mir schwer :wink:

Nun ist hier die Frage, was der Wettbewerb ist und was das
Ziel.

Das
Ziel ist es, die Regierung zu stellen. Nur zu diesem Zweck
wird gewählt, zu keinem anderen.

Richtig. Wenn ich mich nicht täusche, ist die Erlangung von Macht auch ein gesetzliche Gebot an die Parteien. Die Aussage von n-tv ist also nicht korrekt.

Anders sieht es allerdings für die aus, die von vornherein
nicht zu den Favoriten gehören, für die also die Hoffnung auf
eine Mehrheit illusorisch ist wie den SSW: DER hat so oder so
auch die Wahl „gewonnen“, eben mit diesem Platz in den
Ausschüssen und der „Zünglein an der Waage“-Rolle. Ein
relativer Gewinn sozusagen.

Den höchsten relativen Gewinn aller Parteien in S-H hat, da stimme ich dir zu, der SSW erlangt. Auch durch den „Gewinn“ eines Grundmandats. Vereinfacht ausgedrückt ist also der SSW die Gewinnerin, nicht die CDU :wink:

Viele Grüße und hoffen wir das Beste für unser Land,
J~

Wo liegt das Problem?
Hi Jame
Wenn ich die Zahlen noch richtig im Kopf habe war die CDU sowohl der einer der Gewinner, als auch der Sieger der Wahl in Schleswig-Holstein.
Alles andere (z.B. Koalitionen) sind Folgen von anschließenden Vereinbarungen zwischen den Parteien und hat mit der wahl überhaupt nichts zu tun.
Mit freundlichen Grüßen
Alexander Berresheim

Hi,
wann ist eigentlich jemand der Gewinner von etwas? Klar
schöpft man meist auch aus einer Niederlage einen Gewinn. Aber
wie ist es z.B. bei einer Wahl?
Mit Verwunderung las ich vorhin auf n-tv, dass „die CDU die
Wahl in S-H gewonnen“ habe[1]. Das ist falsch. Oder doch
nicht? Ist das eurer Meinung nach Manipulation oder nicht?

Wenn man Politikern nach Wahlen zuhört, haben immer alle gewonnen. Da hat in Österreich erst kürzlich einer versucht, aus einer Halbierung der Stimmenanzahl noch einen Gewinn zu machen, weil er nicht noch mehr verloren hat. „Wir haben das Wahlziel erreicht“ ist der klassische Satz dazu. Und schon hat er gewonnen.

Insgesamt würde ich meinen, gewinnen hängt vom Kontext ab. Die Partei mit den meisten Stimmen hat imho sehr wohl die Wahl gewonnen, wie bei einem Wettessen derjenige, der die meisten Knödel in einer bestimmten Zeit in sich reinstopft, gewonnen hat. Deswegen muss der Knödelstopfer noch nicht Sportler sein und die Partei noch nicht die regierende.

Ich weiß nicht, wie das in D gehalten wird, aber hierzulande kriegt auch üblicherweise der Vorsitzende und/oder Spitzenkandidat der Partei mit den meisten Sitzen in der Vertretung (Parlament, Landesversammlung, was auch immer) den Auftrag, eine Regierung zu bilden. Wenn er/sie scheitert, wird halt der Zweitplatzierte beauftragt. Auf die Weise konnten seinerzeit der Zweitplatzierte (FPÖ) und der Drittplatzierte (ÖVP) die berüchtigte Schwarz-Blau-Koalition von 2000 bilden, weil die SPÖ als Erstplatzierte keine Alleinregierung, aber auch keine Koalition zustande brachte

Livia

PS: Unvergessener Sager Schüssels im September 1999: „Wir werden unter keinen Umständen an einer Regierung teilnehmen, wenn wir nicht zumindest Zweite sind.“
Die Wahlen waren übrigens im Herbst 1999, aber es dauerte eben aufgrund der SPÖ-Unfähigkeit bis Februar 2000, bis die Regierung gebildet war. Die SPÖ war damals Wahlsieger mit 65 Mandaten, ÖVP und FPÖ hatten je 52 Mandate, wobei die FPÖ ein paar Stimmen mehr hatte als die ÖVP.
Okay, jetzt bin ich off topic, aber das regt mich immer noch auf, weil sich seither in Sachen Wahrheitsliebe des Schüssels wie auch Fähigkeit der SPÖ nichts geändert hat.

Überhaupt scheinen Wörter wie
voraussichtlich, ggf, wahrscheinlich usw. nicht sehr beliebt.

Natürlich nicht!! Alle Menschen lieben klare, einfache Botschaften. Auch im Alltag ist es dir wohl lieber, wenn dir deinE PartnerIn sagt: Der Kaffee ist fertig, und nicht: „Voraussichtlich wird der Kaffee in etwa 10 Sekunden fertig sein.“

Wahrscheinlich, voraussichtlich, gegebenenfalls sind nicht nur elendiglich lang (und fressen in Titel gleich mal eine ganze Zeile, in der man auch was sagen könnte statt zu schwafeln), sie schwächen auch ab. Es klingt unsicher, so als wüsste „die Zeitung“ nicht so recht bescheid. Wer will schon so da stehen?

„die CDU hat den größter Zugewinn gegenüber der vorherigen
Wahl“
verbraucht aber mehr Zeilen als:
„die CDU hat die Wahl gewonnen“

Und zweiteres liest sich einfach besser. Es ist nicht Aufgabe der Journalisten, ihre Leser zu überfordern oder ihnen Rätsel aufzugeben. Um sieben Uhr in der Früh, knapp nach dem Aufstehen, beim ersten Kaffee wäre die erste Schlagzeile für die meisten schlicht unlesbar.

ergänzend,
Livia

Hi,

ich würde es so sehen: In SH hat die CDU die Landtagswahl gewonnen, aber die SPD
hoffte, die Wahl des/der Ministerpräsidenten/in zu gewinnen. Das sind ja zwei
Wahlen. Zwischendrin gibt es evtl. Koalitionsverhandlungen oder Verhandlungen zur
Duldung einer Minderheitenregierung. Es hätte (bei planmäßigem Verlauf) so
ausgesehen, dass die CDU die Parlamentswahl und die SPD die Wahl zur
Ministerpräsidentin gewonnen hätte. Nun wird es vermutlich so sein, dass die CDU
beide Wahlen gewinnt.
Ciao
Bolo2L