ich traue mich kaum zu fragen, da man ja stets GANZE Arbeitszeugnisse einstellen soll.
Das Problem hierbei ist: ich bin derjenige, der bald ein Arbeitszeugnis schreiben muss (ich habe schon entsprechende Seiten gefunden, auf denen die verschiedenen Umschreibungen etc. zu finden sind) und ich mache mir schon einige Gedanken. Schließlich möchte ich keine unterschwelligen Botschaften mitteilen, die überhaupt nicht gewollt sind.
Zur eigentlichen Frage: nachdem es für bald jede Formulierung darauf anzukommen scheint, in welchem Kontext sie fällt, wollte ich fragen, ob es hier auch Ausnahmen gibt. Ich habe folgende (zumindest in der Umgangssprache gängige Formulierung) in den einschlägigen „Übersetzungsseiten“ nicht gefunden: kann man „sie erfüllte ihre Aufgabe auf eine Art und Weise, die nichts zu wünschen übrig ließ“ oder etwas in der Richtung (im Sinne eines einfachen Ausschlusses der Kritikmöglichkeit) schreiben, ohne dass man (mehr oder weniger) ZWINGEND damit etwas Negatives verbinden muss? Kann das auch einfach das heißen, was es auf den ersten Blick zu heißen scheint?
Zur eigentlichen Frage: nachdem es für bald jede Formulierung
darauf anzukommen scheint, in welchem Kontext sie fällt,
wollte ich fragen, ob es hier auch Ausnahmen gibt.
> Es gibt weder verbindliche Regeln, noch Ausnahmen. Es handelt sich um Sprache. Die Besonderheit der Sprache in Arbeitszeugnissen besteht darin, dass sie bei absichtlich guten bis sehr guten Bewertungen in Superlative geht, die der Seriösität eines Berichts egentlich nicht standhält. Es gibt vielleicht eine orientierende Möglichkeit der Interpretation:
Versuche dir immer zu jeder Formulierung vorzustellen, was im Gegenteil gemeint sein könnte.
Ist die von dir geprüfte Forumulierung wirklich so gut, dass sie das Gegenteil vollkommen ausschließt oder läßt die Formulierung vielleicht doch offen, dass etwas anderes gemeint sein könnte?
Je offener eine Formulierung gegenüber anderen möglichen (schlechten) Bewertungen ist, desto eindeutiger stellt sie eine vernichtende Kritik dar.
Der Terminus
"sie erfüllte ihre Aufgabe auf eine Art und
Weise, …"
ist schon außerhalb der Sprache von Arbeitszeugnissen eine hochproblematische Bewertung, die nur schlechtes vermuten lässt.
„…die nichts zu wünschen übrig ließ“ bedeutet in diesem Kontext: Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass es jemand noch schlechter machen könnte.
Ausschluss möglicher Kritik:
immer und ohne jede Ausnahme
stets zu unserer vollsten Zufriedenheit
hervorragend und übertrefflich
überzeugend in jeder Hinsicht
vollkommen und einwandfrei
absolut perfekt
Die Doppelung von Adjektiven und EIgenschaften geht immer Richtung „EIns“
EInfache Nennenung von positiven Eigenschaft geht Richtung „zwei“
„Drei“ gibt es eigentlich schnon gar nicht mehr. Ein Arbeitszeugnis ist entweder „sehr gut“, „gut“ oder ein Absturz. Es ist kein persönliches Feedback für den / die StelleninhaberIn, sondern der Ausweis einer beruflichen Befägigung.
Weder solltest Du auf das hören, was Mr. Ahnungslos Dir geantwortet hat, noch solltest Du Dich auf die ganzen URLs verlassen, die zum größten Teil unbrauchbar sind.
Sinnvoll ist, Du besorgst Dir einen Zeugnisgenerator, besuchst Lehrgänge (Haufe könnte da was haben), oder deckst Dich mit Fachliteratur ein und übst ein paar Jahre.
Die erste Lösung ist vermutlich die sinnvollste.
Alternativ wäre ein Zusatz: „Dieses Zeugnis enthält keinerlei verschlüsselte Botschaften *g*“ denkbar, erfahrungsgemäß wird dieser aber ignoriert.
Danke Euch beiden schon einmal. Nur geht es mir nun so ähnlich wie Faust: „[…] und bin so klug als wie zuvor“… Zwei Antworten, zwei Meinungen.
Der Vorschlag, die Zeugnisbewertungen wirklich professionell (hinsichtlich einer Art „Ausbildung“) anzugehen, ist ja keine schlechte Idee – und wenn ich in ein paar Jahren in die Situation komme, so etwas regelmäßig machen zu müssen, scheint das auch ein vernünftiger Weg zu sein. Wegen eines einzigen (vermutlich auch nicht soo wichtigen) Zeugnisses wäre es aber ein einigermaßen unverhältnismäßiger Aufwand. Dennoch möchte ich natürlich nicht in womöglich offensichtliche zeugnisgeheimsprachbedingte Fettnäpfchen treten…
„…die nichts zu wünschen übrig ließ“ bedeutet in diesem
Kontext: Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass
es jemand noch schlechter machen könnte.
Ausschluss möglicher Kritik:
immer und ohne jede Ausnahme
stets zu unserer vollsten Zufriedenheit
hervorragend und übertrefflich
überzeugend in jeder Hinsicht
vollkommen und einwandfrei
absolut perfekt
Der Ausschluss jeder möglichen Kritik geht schon ein wenig in die Richtung, die ich mir gedacht hatte. Mir ging es dabei eher um eine verallgemeinerte Zusammenfassung der dann im Folgenden näher ausgeführten Einzeltätigkeiten. Vielleicht sollte ich Deine Beispielsätze aufnehmen und präzisieren – und, um auf Nummer sicher zu gehen, eine hypothetische Darlegung wählen:
Wenn es also heißt: „Frau Dr. Glüh Birne erfüllte ihre Aufgabe als Lampenpoliererin auf eine Art und Weise, die nichts zu wünschen übrig ließ. Sie brachte immer und ohne jede Ausnahme alle Lampen zum Glänzen. Die ihr auferlegten Pflichten wurden stets zu unserer vollsten Zufriedenheit ausgeführt, da ihre Poliertechnik hervorragend und unübertrefflich ist. Die anschließend durch die polierten Lampen bewirkte Helligkeit überzeugte in jeder Hinsicht, weswegen wir vollkommen zufrieden mit ihrer einwandfreien Arbeit waren. Frau Dr. Glüh Birnes Arbeitsmoral ist als absolut perfekt zu beschreiben.“
Dann war „erfüllte ihre Aufgabe als Lampenpoliererin auf eine Art und Weise, die nichts zu wünschen übrig ließ“ als vorbereitende Einleitung zu verstehen – exakt so, wie es die eigentliche semantische Bedeutung der Aussage ist. Mein Problem war (bzw. vielmehr ist immer noch), inwieweit es ein „Geheimabkommen“ in der ominösen Welt der Zeugnisbewerter gibt im Sinne von „Immer wenn „die nichts zu wünschen übrig ließ“ geschrieben wird, ist das genaue Gegenteil der darauf folgenden Aussagen gemeint“ gibt?
das beispielhaft formuliertes Abeitszeugnis für Frau Dr. Glüh Birne ist nun wirklich eines, an welchem zu erkennen ist, dass der Arbeitgeber keinen Zweifel an ihrer herausragenden Kompetenz und Arbeitshaltung aufkommen lassen will.
Dabei darf sich der Text natürlich nicht zu sehr in Richtung Satire bewegen. Hier ist aber erkennbar, dass die Vorzüge von Fr. Glüh Birne unter verschiedenen Aspekten mehrfach ausgelobt werden. Das halte ich für ein Indiz für ein ernstgemeintes, sehr gutes Zeugnis.
Was nun die Formulierung in Arbeitszeugnissen im Allgemeinen betrifft, würde ich nicht von einem Code sprechen, sondern von einem Jargon. In diesem Jargon gibt es einen ungefähren Konsens, einen sprachlichen Mainstream darüber, wie Beurteilungen abgefasst werden können. Man könnte auch sagen eine Sprachkomplizenschaft, die in Fachkreisen eine allgemeine Anerkennung findet.
Ein Code wäre eine Verschlüsselung mit einer festgelegten Definition, die nur Initiierten zugänglich ist. Wer hätte im Bereich der Arbeitszeugnisse das Recht so etwas zu definieren? Die Arbeitgeberinstitutionen, die Gewerkschaften?
Von einem solchen Geheimbund weiss ich nichts und bezweilfe auch, dass es einen solchen gibt.
Er ist zwar äu0erst klein, damit macht man aber nichts falsch, da jeder, der mit dem Bereich zu tun hat, sofort erkennt, was gemeint ist.
Und BITTE: Verlasse Dich nicht auf die Tipps eines Menschen, der absolut nicht weiß, wovon er redet.
Ist nur ein gut gemeinter Rat, da der Mitarbeiter, um den es geht, Schaden davon trägt.
Wenn man derart formuliert, lacht sich jeder Personaler kapuzt, denn solche Mitarbeiter lässt man auf keinen Fall und unter keinen Umständen gehen!
Denen rollt man den roten Teppich aus, verdreifacht das Gehalt, entlässt stattdessen vier andere, aber einen so perfekten Mitarbeiter hält man - oder aber schreibt ihm ein übertriebenes Zeugnis, damit er die Schnauze hält und endlich geht.
Es gibt noch eine weitere Möglichkeit (wie in meinem Fall): der Vertrag für das Projekt läuft nach 9 Monaten aus. Das Projekt ist beendet und verlief wirklich (!) sehr gut, aber nun kommen andere Aufgaben. Vergleichbar mit Michael Schumacher, wenn er 2004 statt 2006 aufgehört hätte. Er wurde mit Ferrari 5 Jahre in Folge Weltmeister und (wir nehmen einfach mal an, dass er jedes Jahr dasselbe Auto gehabt hätte) kann nun seinem Auto das beste Zeugnis ausstellen, das es gibt. Wenn das neue Projekt aber „Beschäftigung mit dem Ackerboden“ lautet und nicht mehr „Gewinn der F1-Weltmeisterschaft“, benötigt er einen Traktor und keinen Ferrari-Rennwagen. Es war im Vorfeld klar, dass ab 2005 ein neues (fachfremdes) Projekt kommt…
Es gibt noch eine weitere Möglichkeit (wie in meinem Fall):
der Vertrag für das Projekt läuft nach 9 Monaten aus. Das
Projekt ist beendet und verlief wirklich (!) sehr gut, aber
nun kommen andere Aufgaben.
Ist ja kein Thema, ich sage auch nicht, dass ehrliche 1er-Zeugnisse nicht existieren - aber hier wird derart übertrieben, dass es nicht mehr ernstzunehmen ist.
Vergleichbar mit Michael
Schumacher,
*g* Ich glaube, der bekäme auch ohne jedes Zeugnis einen adäquaten Job *g*
Wie gesagt: Sehr gut beurteilen ist das Eine, übertreiben ist etwas anderes.
Und bei einer WIRKLICH sehr guten Arbeitsleistung gibt es immer noch den vor- oder letzten Satz, indem man die Umstände erläutern sollte.