Hallo Tychi,
ein paar kleine Reflexionen zu Deinem interessanten Posting:
Du hoerst ja oft, dass du du selbst sein sollst, dass du so
leben
sollst, wie es dir entspricht, dass die Meinungen anderer
nicht viel
zaehlen, dass du einfach authentisch sein sollst.
Der Imperativ lautet: spiel keine Rollen, verbieg dich nicht, leb deine Wünsche aus, schüttle die gesellschaftlichen Forderungen ab, steig aus der Gesellschaft aus!
Damit sprichst Du einen wichtigen Aspekt an, der aber doch noch etwas anders gelegt ist, als das was bei Dir nachher folgt; hier wird angenommen jeder Mensch habe ein eigentliches Selbst, das von seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen sekundär, also im Nachhin, überlagert wird; der Soziologe Norbert Elias spricht hier von der Vorstellung eines „homo clausus“, eines Einzel-Menschen, der von außen mit gesellschaftlichen Bällen/Eindrücken beworfen wird, und so deformiert wird; dies hält er für eine lächerliche Vorstellung, weil für ihn der Mensch sein „Selbst“ immer und lediglich in Interaktion mit anderen entwickeln kann, nie das Selbst eines einzelnen Menschen sein kann;
eine solche homo-clausus-Vorstellung findet sich übrigens in gewisser Weise auch in einer (pseudo)-Rousseauistischen Forderung „Zurück zur Natur“ oder im früh-Marx’schen Topos der „Entfremdung“.
Ich behaupte nun: Dieses Selbst, dass du authentisch leben
sollst,
existiert nicht.
So verstanden, stimme ich zu.
Es ist ein Fantasma. Alles was ist, sind
aktuelle
Wuensche und Gefuehle. Die Tatsache, dass diese eine gewisse
Konstanz
und Kontinuitaet aufweisen koennen, laesst uns vermuten, dass
es
einen eigentlichen Kern, unser Selbst, gaebe, aber ich glaube,
dass
dieser Kern in Wahrheit in jedem Moment neu entsteht.
Dass das Selbst in jedem Moment neu entsteht, ist eine sehr akzeptable Annahme, die Frage ist aber: Ist dieser neue Zustand des Selbst (des Bewusstseins) unabhängig von dessen Vorgänger-Zustand bzw. wie und in welcher Form ist er davon abhängig?
Es gibt keinen reinen, unverschmutzten Quell eigener Wuensche,
sondern unser Bewusstsein entsteht in jedem Moment neu als
Ergebnis
der Vergangenheit und der gegenwaertigen Umwelt.
Hier würde ich mit den Worten Sartres antworten: Es gibt kein Bewusstsein, sondern nur ein Bewusstsein von…; Das heißt, dass das Bewusstsein nicht als Substrat aller Eindrücke verstanden werden darf, sondern als Teil dieser. Übrigens auch bei Freud ist der Trieb (wenn ich ihn hier mal als „Quell eigener Wünsche“ verwenden darf) immer an ein Trieb-Objekt gebunden.
Nimm an, du sitzt bei den langweiligen Schwiegereltern an der
Kaffeetafel und machst gute Mine, obwohl du viel lieber eine
Fahrradtour machen willst.
Das kenn ich gut 
Es gibt Leute die sagen: „Warum
machst du
diesen Scheiss denn mit? Sei du selbst! Pfeif auf die
Schwiegereltern, mach deine Fahrradtour, befreie dich von den
Wuenschen anderer!“ Ich sehe hier keine Spur von einem
manifesten
Selbst, sondern es gibt einfach nur zwei situationsbedingte,
vorueberggehende Wuensche, naemlich den, die Radtour zu machen
und
den, die Komoedie weiterzuspielen, um den Frieden zu wahren.
Ja, aber das ist eine recht bekannte Tatsache; in gewisser Weise baut darauf die ganze Psychoanalyse auf: auf einer Ambivalenz der Gefühle und Wünsche, die zu Kompromissbildungen führen müssen, welche sich z.B. darin manifestieren, dass Du „versehentlich“ zu Deinem Schwiegervater sagst: Gib mir ein Rad!, statt: Gib mir einen Rat! usw.
Schon in der naechsten Woche kann alles ganz anders sein.
Es kann aber auch wieder das exakt gleiche sein.
Viele Grüße
franz