Gibt es die psychologischen Schulen noch?

Hallo,

mit der folgenden Frage beziehe ich mich ausschließlich auf die psychologische Forschung: Sind die Schulen heute nur noch Psychologiegeschichte? Existieren die klassischen Schulen in Forschung noch immer? Haben sich neue Schulen gebildet?

Aus meiner Sicht, sind alle Fragen mit „Nein“ zu beantworten. Was meint ihr dazu?

Viele Grüße

Falk

Hallo Falk
Selbstverständlich gibt es die unterschiedlkchen Schulen noch. Es gibt allerdings Wandlungen und Annäherungen. So gibt es Annäherunen in einigen Punkten zwischen Verhaltenstherapie, Psychonanalyse und tiefenpsychologisch fundierter Behandlung, um nur mal die 3 Schule zu nennen, die alle drei separat von allen Krankenkassen anerkannt und übernommen werden.
Gruß,
Branden

Hallo Branden,

in bezug auf die Therapieverfahren gebe ich Dir vollkommen Recht. Meine Frage bezog sich allerdings auf die Forschung. Hier existieren Psychoanalyse, Tiefenpsychologie und Behaviorismus, um im Beispiel zu bleiben, meines Wissens nicht mehr. In der wissenschaftlichen Psychologie haben diese drei Schulen zwar Spuren hinterlassen, sind inzwischen aber Geschichte.

In der heutigen akademischen Psychologie kann man m.E. höchstens zwischen jenen Psychologen, die Methoden der Biopsychologie einbeziehen, und jenen die sie nicht einsetzen, unterscheiden. Damit käme man zur Unterscheidung von Biopsychologie und Kognitiver Psychologie. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass diese zwei Fronten so stark ausgeprägt sind, dass man von Schulen sprechen könnte. In einer empirischen Wissenschaft bleibt meines Erachtens gar kein Raum für Schulen. Warum sollten sich Wissenschaftler (Psychologen) gegenüber empirischen Daten (biologischen Maßen), verschließen? Es geht schließlich darum, Theorien empirisch zu überprüfen.

Falk

Hallo, Falk,

die Antworten auf Deine Fragen hängen zum guten Teil davon ab, was Du unter den „klassischen“ Schulen verstehst. Du erwähntest unten Psychoanalyse und Behaviorismus. Hinsichtlich dieser beiden „Schulen“ kann man Deine Fragen bejahen. Psychoanalytische Forschung gibt es nach wie vor. Das trifft auch für behavioristische Forschung einer bestimmten behavioristischen Strömung zu.

Außerdem gibt es in der psychologischen Forschung gewisse Forschungstraditionen, d.h. Forschergruppen, in denen die Forschung jeweils an bestimmten Leitideen und Methoden orientiert ist und die von bestimmten Forschern geführt werden.

Zu Deiner unten angesprochenen Kontrastierung von Biopsychologie und Kognitiver Psychologie: Die Biopsychologie (und die Neurowissenschaften insgesamt) greifen ja häufig Modelle der Kognitiven Psychologie auf. Deshalb ist es aus meiner Sicht auch falsch, wenn man aufgrund des Aufschwungs der Neurowissenschaften meint, daß sich die Psychologie dadurch erledigt habe.

Grüße,

Oliver Walter

Hallo Oliver,

Psychoanalytische Forschung gibt es nach wie vor. Das trifft
auch für behavioristische Forschung einer bestimmten
behavioristischen Strömung zu.

„Psychoanalytische Forschung“ ist für mich ein Oxymoron. Modelle mit so vielen latenten Variablen lassen sich doch gar nicht schätzen. :smile: Aber offenbar gibt es so etwas wirklich. Ich frage mich nur, wieviel die Methoden der Neuro-Psychoanalyse mit Freuds „Forschungs“-Paradigma zu tun haben. Wenn man mit bildgebenden Verfahren nach dem Über-Ich sucht, hat das abgesehen vom Begriff Über-Ich nichts mit Psychoanalyse zu tun.

Außerdem gibt es in der psychologischen Forschung gewisse
Forschungstraditionen, d.h. Forschergruppen, in denen die
Forschung jeweils an bestimmten Leitideen und Methoden
orientiert ist und die von bestimmten Forschern geführt
werden.

Das ist sehr allgemein. Wie groß schätzt Du den Einfluss von Forschungstraditionen im Vergleich zur Hochphase der Schulen ein? Oder andersherum: wie groß war der Einfluss der Schulen in der Vergangenheit wirklich: War die gesamte akademische Psychologie in Schulen eingeteilt, oder gab es lediglich einzelne Institute mit extremen Haltungen? Ich habe den Eindruck, dass Schulen heute völlig unbedeutend sind. Es gibt vielleicht einzelne Vertreter, aber ihr Anteil halte ich für verschwindend gering. Kennst Du einen Wissenschaftler, der sich den Grundannahmen einer „Schule“ unterwirft?

Zu Deiner unten angesprochenen Kontrastierung von
Biopsychologie und Kognitiver Psychologie: Die Biopsychologie
(und die Neurowissenschaften insgesamt) greifen ja häufig
Modelle der Kognitiven Psychologie auf. Deshalb ist es aus
meiner Sicht auch falsch, wenn man aufgrund des Aufschwungs
der Neurowissenschaften meint, daß sich die Psychologie
dadurch erledigt habe.

Das sehe ich auch so. Ohne psychologische Maße und Theorien könenn die Neurowissenschaften keinen Beitrag zur Erklärung von Erleben und Verhalten leisten. Sie stellen aus meiner Sicht vielmehr vielversprechende Methoden und Grundlagen für die psychologische Forschung bereit, sofern man beide Gebiete überhaupt trennen möchte.

Viele Grüße

Falk

Hallo, Falk,

„Psychoanalytische Forschung“ ist für mich ein Oxymoron.
Modelle mit so vielen latenten Variablen lassen sich doch gar
nicht schätzen. :smile:

Du kennst meine Auffassung und ich muß sie ja nicht immer zum Ärger unser psychoanalytisch orientierten Freunde hier nennen. Außerdem ist „Schulenstreit“ hier ja per Brettbeschreibung verboten. :wink:

Aber offenbar gibt es so etwas wirklich.

Ja, und zwar nicht nur im Rahmen der Neuro-Psychoanalyse. Allerdings muß ich noch erwähnen, daß psychoanalytische Forschung weniger im Rahmen der Psychologie stattfindet. Sie findet vorwiegend in eigenen Journals und in eigenen Forschungsgesellschaften organisiert statt.

Das ist sehr allgemein. Wie groß schätzt Du den Einfluss von
Forschungstraditionen im Vergleich zur Hochphase der Schulen
ein?

Ich war ja damals nicht dabei. Allerdings hat man heute manchmal den Eindruck, daß die Annahme von Publikationen in Journals steigt, wenn man - ich nenn es jetzt einmal so - das Paradigma berücksichtigt, daß viele Autoren in diesen Journals teilen.

Oder andersherum: wie groß war der Einfluss der Schulen
in der Vergangenheit wirklich: War die gesamte akademische
Psychologie in Schulen eingeteilt, oder gab es lediglich
einzelne Institute mit extremen Haltungen?

Die Schulen hatten bedeutenden Einfluß auf die Perspektive, unter der geforscht wurde. Ein Beispiel: Zur Hochzeit des Behaviorismus schrieb man Artikel regelmäßig in behavioristischer Fachsprache. Auch die aufkommenden Zweifel am Paradigma waren oft in dieser Fachsprache verfaßt. Heute dürfte man solche Artikel nur unter Schwierigkeiten verstehen.

Ich habe den
Eindruck, dass Schulen heute völlig unbedeutend sind.

Das liegt vielleicht daran, daß heute eine gewisse Forschungstradition das Denken dominiert: der Kognitivismus. Es fällt dann gar nicht mehr auf, daß das eigentlich auch nur eine von mehreren Denkweisen ist. Es sei denn, man liest auch Artikel aus anderen Richtungen.

Kennst Du einen Wissenschaftler, der
sich den Grundannahmen einer „Schule“ unterwirft?

So etwas wird ja nicht öffentlich an das schwarze Brett gehängt. Aber wenn man in die scientific community sozialisiert wird, bekommt man mit, daß es verschiedene Forschungsgruppen mit unterschiedlichen Traditionen und Perspektiven gibt. Das hat ganz konkrete Auswirkungen, z.B. wenn man promovieren möchte. Als Doktorand ist man --> Schüler eines Doktorvaters oder einer Doktormutter.

Beste Grüße,

Oliver Walter

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Hallo Oliver,

den Gedanken, dass der Kognitivismus im Moment die Psychologie dominiert, finde ich sehr interessant. Bisher habe ich dies nicht so gesehen.
Die heutige Forschung wird sicherlich ebenso von Grundannahmen bestimmt, wie die Forschung in der Vergangenheit. Vermutlich sind wir uns dieser Grundannahmen aber größtenteils nicht bewusst. Für mich beinhaltet der Kognitivismus grundlegend nur Ablehnung des Blackbox-Paradigmas. Er erlaubt also die Modellierung mentaler Zustände und Prozesse. Dieser Ansatz ist in der Tat charakteristisch für die gegenwärtige Forschung. Allerdings kenne ich keine mit den Streitschriften der Behavioristen vergleichbaren Abgrenzzungen und Einschränkungen. Wenn der Kognitivismus also das Paradigma der aktuellen Forschung ist, dann ist er nach meinem Verständnis keine Schule (mehr). Dies hängt aber selbstverständlich davon ab, wie man „Schule“ definiert. Die gegenwärtigen Einschränkungen werden vermutlich erst mit dem nächsten Paradigmenwechsel deutlich werden, sofern die Vorstellung von Paradigmenwechseln überhaupt zutreffend ist.
Es wäre ein enormer Vorteil, diese Einschränkungen schon heute zu kennen. Vielleicht werden zukünftige Wissenschaftshistoriker, bestimmte starre Forschungsstrategien wie das Signifikanztest-Ritual, spöttisch zu einem Paradigma zusammenfassen. Ich persönlich glaube, dass man durch den Vergleich zu anderen Naturwissenschaften einige der Einschränkungen entdecken kann. Im Vergleich der Physik fällt mir zum Beispiel auf, dass der Psychologie die mathematische Fundierung fehlt. Auffällig finde ich auch, wie häufig in der Psychologie fast automatisch auf Korrelationen / Kovarianzen zurückgegriffen wird. Bis auf die Psychophysik und die Testtheorie, kenne ich nur sehr marginale Beispiele, in denen die Art des Zusammenhangs zwischen zwei oder mehr Variablen untersucht wurde. Stattdessen wird durch die Verwendung von Korrelationen / Kovarianzen oft automatisch angenommen, dass es sich um einen linearen Zusammenhang handeln müsse. In der Physik ist es aber Gang und Gebe die Art des Zusammenhangs zu untersuchen.

Viele Grüße

Falk

Hallo, Falk,

Vermutlich
sind wir uns dieser Grundannahmen aber größtenteils nicht
bewusst.
Allerdings kenne ich keine mit den Streitschriften der
Behavioristen vergleichbaren Abgrenzzungen und
Einschränkungen.

in den Anfängen des Kognitivismus wurden diese „Streitschriften“ natürlich geschrieben, z.B. Chomskys Rezension von Skinners Verbal Behavior. Du wirst die Abgrenzungen des heute dominierenden Paradigmas zum vergangenen leicht finden, wenn Du Dir in Lehrbüchern der Psychologie Beschreibungen zum Behaviorismus anschaust. Viel, was da steht, sind die Kampfparolen des Kognitivismus gegen den Behaviorismus. Besonders auffällig fand ich die Charakterisierung in einer älteren Auflage des Zimbardo.

Die gegenwärtigen
Einschränkungen werden vermutlich erst mit dem nächsten
Paradigmenwechsel deutlich werden, sofern die Vorstellung von
Paradigmenwechseln überhaupt zutreffend ist.
Es wäre ein enormer Vorteil, diese Einschränkungen schon heute
zu kennen.

Es gibt ja bereits sich vom Kognitivismus unterscheidende Traditionen, zum einen diejenige, die auf dem Darwinismus beruht, und zum anderen konstruktivistisch orientierte Strömungen.

Zu den großen Paradigmen in der Psychologie:

http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychologie/Ges…

Vielleicht werden zukünftige
Wissenschaftshistoriker, bestimmte starre Forschungsstrategien
wie das Signifikanztest-Ritual, spöttisch zu einem Paradigma
zusammenfassen.

Hier gibt es auch mehrere „Schulen“: die Fishersche, die Neyman-Pearsonsche und den Mischmasch, den man meistens in psychologischen Zeitschriften angewendet findet. Willi Hager hat das in einem Artikel in der Psychologischen Rundschau 2005 beschrieben.

Auffällig finde ich auch, wie häufig in der
Psychologie fast automatisch auf Korrelationen / Kovarianzen
zurückgegriffen wird.

Die Korrelationsstatistik ist halt am besten vertraut und erscheint so schön einfach. Ähnlich ist es mit der Klassischen Testtheorie, die ja ebenfalls Korrelationsstatistik ist. Obwohl man leicht nachweisen kann, daß die Annahme paralleler Tests höchst unrealistisch, die Korrelation zweier Tests daher meistens nicht gleich der Reliabilität ist und die Stichprobenabhängigkeit der Kennwerte eine starke Einschränkung bedeutet, bleibt die KTT grundlegend - obwohl es seit Jahrzehnten bessere Alternativen gibt. Erst durch TIMSS und PISA gibt es hier zumindest in einem Forschungsbereich Bewegung.

Grüße,

Oliver

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