Hallo, Falk,
„Psychoanalytische Forschung“ ist für mich ein Oxymoron.
Modelle mit so vielen latenten Variablen lassen sich doch gar
nicht schätzen. 
Du kennst meine Auffassung und ich muß sie ja nicht immer zum Ärger unser psychoanalytisch orientierten Freunde hier nennen. Außerdem ist „Schulenstreit“ hier ja per Brettbeschreibung verboten. 
Aber offenbar gibt es so etwas wirklich.
Ja, und zwar nicht nur im Rahmen der Neuro-Psychoanalyse. Allerdings muß ich noch erwähnen, daß psychoanalytische Forschung weniger im Rahmen der Psychologie stattfindet. Sie findet vorwiegend in eigenen Journals und in eigenen Forschungsgesellschaften organisiert statt.
Das ist sehr allgemein. Wie groß schätzt Du den Einfluss von
Forschungstraditionen im Vergleich zur Hochphase der Schulen
ein?
Ich war ja damals nicht dabei. Allerdings hat man heute manchmal den Eindruck, daß die Annahme von Publikationen in Journals steigt, wenn man - ich nenn es jetzt einmal so - das Paradigma berücksichtigt, daß viele Autoren in diesen Journals teilen.
Oder andersherum: wie groß war der Einfluss der Schulen
in der Vergangenheit wirklich: War die gesamte akademische
Psychologie in Schulen eingeteilt, oder gab es lediglich
einzelne Institute mit extremen Haltungen?
Die Schulen hatten bedeutenden Einfluß auf die Perspektive, unter der geforscht wurde. Ein Beispiel: Zur Hochzeit des Behaviorismus schrieb man Artikel regelmäßig in behavioristischer Fachsprache. Auch die aufkommenden Zweifel am Paradigma waren oft in dieser Fachsprache verfaßt. Heute dürfte man solche Artikel nur unter Schwierigkeiten verstehen.
Ich habe den
Eindruck, dass Schulen heute völlig unbedeutend sind.
Das liegt vielleicht daran, daß heute eine gewisse Forschungstradition das Denken dominiert: der Kognitivismus. Es fällt dann gar nicht mehr auf, daß das eigentlich auch nur eine von mehreren Denkweisen ist. Es sei denn, man liest auch Artikel aus anderen Richtungen.
Kennst Du einen Wissenschaftler, der
sich den Grundannahmen einer „Schule“ unterwirft?
So etwas wird ja nicht öffentlich an das schwarze Brett gehängt. Aber wenn man in die scientific community sozialisiert wird, bekommt man mit, daß es verschiedene Forschungsgruppen mit unterschiedlichen Traditionen und Perspektiven gibt. Das hat ganz konkrete Auswirkungen, z.B. wenn man promovieren möchte. Als Doktorand ist man --> Schüler eines Doktorvaters oder einer Doktormutter.
Beste Grüße,
Oliver Walter