Hallo Franzi,
Vielleicht kann ich mir ja einen Pluspunkt zurückerobern, wenn der Administrator mir erlaubt, eine kurze Passage von Jürgen Habermas zu zitieren, der damit genau Deinen Standpunkt vertritt:
Jürgen Habermas, Glauben und Wissen, Suhrkamp S. 16:
„Wenn wir mit Max Weber den Blick auf die Anfänge der „Entzauberung der Welt“ lenken, sehen wir, was auf dem Spiel steht. Die Natur wird in dem Maße, wie sie der objektivierenden Beobachtung und kausalen Erklärung zugänglich gemacht wird, entpersonalisiert. Die wissenschaftlich erforschte Natur fällt aus dem sozialen Bezugssystem von erlebenden, miteinander sprechenden und handelnden Personen, die sich gegenseitig Absichten und Motive zuschreiben, heraus. Was wird nun aus solchen Personen, wenn sie sich nach und nach selber unter naturwissenschaftliche Beschreibungen subsumieren? Wird sich der Commonsense am Ende vom kontraintuitiven Wissen der Wissenschaften nicht nur belehren, sondern mit Haut und Haaren konsumieren lassen? Der Philosoph Winfrid Seilars hat diese Frage 1960 (in einem berühmten Vortrag über „Philosophy and the Scientific Image of Man“) gestellt und mit dem Szenario einer Gesellschaft beantwortet, in der die altmodischen Sprachspiele unseres Alltages zugunsten der objektivierenden Beschreibung von Bewusstseinsvorgängen außer Kraft gesetzt worden sind.
Der Fluchtpunkt dieser Naturalisierung des Geistes ist ein wissenschaftliches Bild vom Menschen in der extensionalen Begrifflichkeit von Physik, Neurophysiologie oder Evolutionstheorie, das auch unser Selbstverständnis vollständig entsozialisiert. Das kann freilich nur gelingen, wenn die Intentionalität des menschlichen Bewusstseins und die Normativität unseres Handelns in einer solchen Selbstbeschreibung ohne Rest aufgehen. Die erforderlichen Theorien müssen beispielsweise erklären, wie Personen Regeln - grammatische, begriffliche oder moralische Regeln - befolgen oder verletzen können.
Sellars’ Schüler haben das aporetische Gedankenexperiment ihres Lehrers als Forschungsprogramm missverstanden. Das Vorhaben einer naturwissenschaftlichen Modernisierung unserer Alltagspsychologie hat sogar zu Versuchen einer Semantik geführt, die gedankliche Inhalte biologisch erklären will. Aber auch diese avanciertesten Ansätze scheinen daran zu scheitern, dass der Begriff von Zweckmäßigkeit, den wir in das darwinsche Sprachspiel von Mutation und Anpassung, Selektion und Überleben hineinstecken, zu arm ist, um an jene Differenz von Sein und Sollen heranzureichen, die wir meinen, wenn wir Regeln verletzen - wenn wir ein Prädikat falsch anwenden oder gegen ein moralisches Gebot verstoßen.“
Ich gebe ihm ja recht, und Dir damit ebenso, als daß nur der Aspekt der Vereinfachung solche Sprachbilder legitimiert.
Nun gibt es Tausende davon, die zu unserem Sprachschatz gehören, und zwar recht unterschiedliche. Und nicht alle dienen nur der reinen Vereinfachung einer Aussage. Einige aber doch! Das komplexeste darunter ist sicher das Wort „Mensch“, das irgendwo in meiner augenblicklichen Lektüre rein aus Gründen der Vereinfachung benutzt wurde, was überhaupt zu meiner Frage hier im Forum führte.
Jemand gebrauchte das Wort „Mensch“ also im Sinne einer Implikatur, um mit Grice zu sprechen, als Vereinfachung eines Gedankenganges. Ich hätte lieber eine passendere Bezeichnung für diese spezielle Anwendung eines Sprachbildes gehabt, wo es also hauptsächlich um eine Vereinfachung geht, womit dieses Wort sich legitimieren läßt.
Von der Komplexität des ganzen Themas „Sprachbilder“, hatte ich echt keine Ahnung, das sogar ein regelrechtes Forschungsprojekt in den USA begründet.
Jedenfalls zeigt Habermas auf, was auch Dein Anliegen zu sein scheint, daß reine und totale Wissenschaftlichkeit bereits ein Gefälle darstellt, das am Ende den Menschen verfehlt.
in diesem Sinne D’ accord !!!
ganz herzlich
Friedhelm