Gibt es Literatur über Bilder?

Ich suche Texte bekannter Schriftsteller und Dichter, die sich direkt oder
indirekt mit Bildern befassen. Texte somit, in welchen ein Bild aus irgend einem
Grund eine Rolle spielt. Vielleicht wird es detailliert geschildert, vielleicht
birgt es die Lösung eines Kriminalfalles, vielleicht blendet das Bild jemanden so
sehr, dass sich sein Leben verändert. Menschen werden in Bilder hineingezogen,
verlieben sich in ein Bild (Women in the Window) und so weiter.

Ich wäre froh, wenn mir jemand beim Suchen helfen könnte.

Aber ja doch: Fontane!
Hallo Bernhard,

Ich suche Texte bekannter Schriftsteller und Dichter, die sich
direkt oder indirekt mit Bildern befassen. Texte somit, in welchen ein Bild aus irgend einem Grund eine Rolle spielt.

mein Tip für Dich:

Theodor Fontane: L’Adultera.

Wenn Du ein bißchen googelst oder im Gutenberg-Projekt nachsiehst, erfährst Du einiges mehr.

Gruß Gudrun

Grüß Dich,

ganz unsystematisch meine Favoriten in diesem Zusammenhang:

Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“
Hermann Hesses „Demian“

und, ganz ohne Bild auskommend: Heissenbüttels „Wassermaler“.

Dann natürlich Lion Feuchtwangers „Goya“, der Kampf des Malers um Bilder und mit seinen Bildern.

Vor vielen Jahren mit Begeisterung gelesen ein Jugendbuch, von einem europäischen Autorenkollektiv unter Regie von Otfried Preussler: „Das Geheimnis der orangefarbenen Katze“ - Bilder treten aus ihren Rahmen und werden zu den Agierenden in einer Art Traumhandlung.

Lyrisch: Georg Trakl, „Verklärter Herbst“ und „Rondel“: Die Bilder werden jeweils nicht als solche konkretisiert - gemalte Gedichte.

Schöne Grüße

MM

Danke für die bisherigen Tips. Nun suche ich auch noch etwas lustigere Texte, es
können auch Gedichte sein. Gibt es zum Beispiel etwas mit Bildern von Kästner?
Den Text „Einer von Albi“ (über Toulouse Lauctrec) aus dem Pyrenäenbuch von
Tuchholsky habe ich mir schon vorgemerkt.

Peter Handke „Die Lehre der St. Victoire“

und der Anfang von
Peter Handke „Versuch über den geglückten Tag“

Das finde ich besonders nett:

Jensen und Freud zusammen

_Wilhelm Jensen. Gradiva. Ein pompejanisches Phantasiestück
In: Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva“. Frankfurt am Main: Fischer, 1995. S. 128-216
Wilhelm Jensen – Gradiva online (Gutenberg) – Brief Jensens an Sigmund Freud

Dem Archäologen Norbert Hanold fällt bei einem Rombesuch ein Reliefbild auf.
Zuhause in Deutschland gelingt es ihm davon einen Gipsabdruck zu kaufen. Er tauft die darauf abgebildete Dame „Gradiva“, auf den eigentümlichen Schritt der Dame hinweisend. Mit der Zeit verliebt, ja vernarrt er sich in das Bild, meint die Dame in Wirklichkeit zu sehen und fährt – mehr gezogen als freiwillig – nach Pompeji um nach ihr zu suchen. Er hat Gradiva in seinen Überlegungen und Träumen nach dem Ort am Fusse des Vesuvs versetzt. Dort trifft er tatsächlich (oder geträumt?) die junge, zweitausend Jahre alte Dame.
Zunächst denkt man wohl an Pygmalion von George Bernard Shaw, das aber erst zehn Jahre später auf die Bühne kam. Gemeinsame Quelle sind wohl die Metamorphosen Ovids. Dort schaffte ein König eine Statue, nennt sie Galatea genannt und verliebt sich in sie. Dieser Stoff ist ein beliebtes Motiv der Literatur, man siehe Richard Powers: Galatea 2.2. Jensen ist mit Ovids Metamorphosen vertraut, sein Protagonist Hanold zitiert sie (S. 164).

Sigmund Freud hat Gradiva eingehend untersucht. Zur Entstehung der Erzählung findet sich daher einiges in: Sigmund Freud, Wilhelm Jensen, Bernd Urban, Hg. Der Wahn und die Träume in W. Jensens ’ Gradiva’. Dazu ein Brief Jensens vom 25. Mai 1907 an Sigmund Freud.
Wieder (siehe Im Frühlingswald) blitzt Jensens Aversion gegen das Weibliche auf, zumindest schreibt er dsie seinem Norbert Hanold zu: „das weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein Begriff aus Marmor und Erzguß gewesen, und er hatte seinen zeitgenössischen Vertreterinnen desselben niemals die geringste Beachtung geschenkt“ (S. 134); „denn selbst eine solche [junge Dame], mit der er ausnahmsweise ein paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer Begegnung grußlos als ein nie gesehenes, wildfremdes Gesicht an“ (S. 141). Mehrmals kommt asexuelle Stimmung auf, wie auch Freuds Randnotiz feststellt (S. 144, S. 148).
Was mich Wilhelm Jensen nicht mehr den Romantikern (trotz Romreise, Suche nach dem Ideal, zahlreichen Träumen) zuordnen läßt, ist, daß er surreale Begebenheiten übergangslos gegen reale setzt, diese aber oft rational begründet.
„Den Himmel hielten jetzt unzählbare blitzende und flimmernde Sterne übersät, jedoch nicht in der herkömmlich-unbeweglichen Weise, sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob der Perseus, die Kassiopeia und die Andromeda mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen, sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen aufführten, und auch unten auf dem Erdboden, schien’s ihm, beharrten die dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten nicht ganz auf dem nämlichen Standpunkt. Das konnte auf dem von altersher schwanken Boden der Gegend freilich nicht grade wundernehmen, denn die unterirdische Glut lauerte überall nach einem Aufbruch und ließ auch ein weniges von sich in die Rebstöcke und Trauben emporsteigen, aus denen der Vesuvio gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten Abendgetränken Norbert Hanolds zählte“ (S. 172).

So kann Norbert beim zweiten Mal nicht mehr glauben, Gradiva werde beim Weggehen vom Erdboden verschluckt und er überprüft es (S. 182). Insgesamt suchte er für eine natürliche Erklärung: „Denn daß sie wirklich noch lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte sich doch wohl nur in einem Traum zutragen – die Naturgesetze erhoben dagegen einen Einwand –“ (S. 197).
Besonders mit den Randbemerkungen Freuds ist Gradiva auch heute noch lesenswert.
Bei Amazon nachschauen
Sigmund Freud, Wilhelm Jensen, Bernd Urban, Hg. Der Wahn und die Träume in W. Jensens ’ Gradiva’. Frankfurt am Main: Fischer, 1995. Broschiert, 223 Seiten_