Gibt es psychische Krankeiten schon immer?

Hallo,

gibt es eigentlich psychische Krankheiten schon immer? Tiere haben ja meines Wissens (kaum) psychische Störungen? lg ShangriLa

Moin,
Ja, die gab es schon immer.
Eine psychische Störung wird als
„eine erhebliche Abweichung im Erleben oder Verhalten, die die Bereiche des Denkens, Fühlens und Handelns betrifft.“
definiert.
Und weite meint wiki:
"Als weiteres Kriterium für eine Diagnose einer psychischen Störung wird neben der Abweichung von der Norm auch psychisches Leiden auf Seiten der Betroffenen vorausgesetzt.

Beim ersten Punkt kommt es auf das Tier an. Lebt es Solitär und ist die Abweichung nicht so gross, dass es schnell auffällt und Beute wird - wen stört es? Verhält es sich in Bezug auf die Paarung anders findet es keinen Partner. Ist die psychische Abweichung genetisch, wird sie nicht weiter gegeben - ende.
Ist es ein Herdentier gilt ähnliches. Ist die Abweichung nicht zu groß, ist es eine ‚Variante‘ in der Population, geht sie über ein bestimmtes Maß wird das Individuum ausgegrenzt und das war’s dann.
Im Prinzip können also auch Tiere ‚psychisch krank‘ sein. Mein Hund z.B. hat eindeutig einen Schaden.

Daher haben auch beim Menschen schon immer psychische Abweichungen bestanden. Entweder die Person wurde ‚etwas merkwürdig‘ empfunden oder von Geistern besessen - von guten oder von schlechten - je nach Mode.
Epilepsie oder Schizophrenie werden z.B. noch heute von manchen Völkern - sogar von Teilen der kath. Kirche, als ‚Besessenheit‘ interpretiert.
Gruss…lux

Hallo ShangriLa,

Tiere
haben ja meines Wissens (kaum) psychische Störungen?

Tiere können sehr wohl psychische Störungen/ Erkrankungen haben.
Wie würdest du es sonst nennen, wenn

  • einzeln gehaltene Papageien sich Federn ausrupfen (obwohl keine körperlichen Ursachen wie Juckreiz auslösende Milben vorhanden sind) und extrem viel schreien
  • Zootiere (gerade in früheren Zoos mit extrem kleinen Käfigen/Gehegen) monoton hin und her oder im Kreis laufen oder ihren Kopf an Gegenstände schlagen
  • stereotype (wiederholte) Verhaltensweisen anderer Art
  • extreme Aggressivität gegenüber Artgenossen, die das arttypische Verhalten bei weitem übersteigt
    -etc.?

Einem Menschen mit vergleichbaren Verhaltensweisen würde man zumeist eine psychische Störung/ Erkrankung attestieren.

Dass solche Verhaltensweisen viel häufiger bei Zoo- und Haustieren als bei freilebenden Tieren zu beobachten sind, hat zwei Gründe:

  • ein sich derart verhaltendes freilebendes Tier würde nicht lange überleben (ausgestoßen werden, für Raubtiere auffällig sein, zu wenig Zeit mit Nahrungssuche verbringen)
  • die Haltung von Zoo- und Haustieren, insbesondere wenn sie ihrer Wildform noch sehr ähnlich sind oder dieser entsprechen, geht zwangsläufig mit einer Lebensweise einher, die nicht ihrer natürlichen entspricht; manche (insbesondere früher weit verbreitete, aber immer noch anzutreffende) Haltungsformen widersprechen sogar ganz klar den Bedürfnissen der Tiere (der Papagei im Mini-Käfig z.B.: Papageien leben in ihrem Lebensraum in Schwärmen, haben einen festen Partner sowie verbringen ihren Tag gehäuft mit bestimmten anderen Individuen (man könnte sagen: sie haben Freunde) und legen weite Strecken zurück - der Papagei im Mini-Käfig kann sich nicht angemessen bewegen, verkümmert geistig und hat keine passenden Sozialkontakte).

Auch Verhaltensweisen, die beim Menschen als „depressive Verstimmung“ oder „Trauer“ gelten würden, gibt es bei Tieren. So z.B., dass ein Tier nach dem Tod des Partners weniger als gewöhnlich frisst (obwohl es dazu keinen körperlichen Anlass gibt, die Tiere nicht einen Partner zur Futtersuche/Jagd benötigen) und sich anders verhält (mehr schläft).

Viele Grüße,
Nina

Hallo,

gibt es eigentlich psychische Krankheiten schon immer?

Du hast schon recht mit deiner kritischen Frage. Oft werden heute Krankheiten von Marketingstrategen erst erfunden, wenn die Vermarktung eines Medikaments oder einer Therapie lukrativ erscheint.

Allerdings gibt es psychische Krankheiten wohl schon so lange, wie es Lebewesen gibt. Mit Sicherheit war man aber früher hauptsächlich mit der bloßen Lebenserhaltung beschäftigt, so dass man sich nicht so viele Gedanken um seine seelischen Befindlichkeiten machen konnte. Es werden wohl eher die krasseren Fälle gewesen sein, die auffielen und denen man je nach Zeit, Religion und Gusto unterschiedlich begegnete.

Tiere
haben ja meines Wissens (kaum) psychische Störungen?

Nur, weil wir relativ wenig darüber wissen, heißt das ja nicht, dass es so was bei Tieren nicht gibt. Aber davon ab: Hast du noch nie einen Hund gesehen, der traurig ist, sich schämt, sich freut? Oder eine Katze, die tödlich beleidigt ist? Oder einen Eisbär, der Hospitalismus hat und im Gehege pausenlos auf und ab rennt? Oder ein Tier, dessen Partner gestorben ist?

Schöne Grüße
Miss E. Tat

Hallo Miss E. Tat,

haben ja meines Wissens (kaum) psychische Störungen?

Nur, weil wir relativ wenig darüber wissen, heißt das ja
nicht, dass es so was bei Tieren nicht gibt. Aber davon ab:
Hast du noch nie einen Hund gesehen, der traurig ist, sich
schämt, sich freut? Oder eine Katze, die tödlich beleidigt
ist? Oder einen Eisbär, der Hospitalismus hat und im Gehege
pausenlos auf und ab rennt? Oder ein Tier, dessen Partner
gestorben ist?

zum Beispiel des Hundes oder der Katze, sich schämen oder beleidigt sein:
Ist die Katze wirklich beleidigt, wenn man sie nicht gekrault hat (oder geht sie eher, weil sie von diesem Menschen nichts zu erwarten hat), weil sie geschimpft wurde (oder geht sie eher aus Angst weg)?
Der sich schämende Hund - weiß er wirklich, dass er etwas falsch gemacht hat, oder reagiert er auf die Gestik und Mimik und dann die Worte eines Menschen, der das Falschgemachte (die runtergeworfene Vase, die Urinpfütze…) bemerkt hat? Hat der Hund also „nur“ gelernt: „Wenn ein Mensch so und so guckt, wird es unangenehm für mich?“ Es ist bekannt, dass Hunde die Mimik und Gestik von Menschen sehr gut interpretieren können.
Oder hat er mitunter auch „nur“ gelernt „Wenn ich eine Urinpfütze in den Flur setze, weil ich’s nicht mehr halten konnte, werde ich geschimpft“ (und „schämt sich“ somit auch schon, bevor ein Mensch darauf aufmerksam wurde) aber er weiß gar nicht, was daran verkehrt ist (nämlich, dass Menschen es eklig finden und putzen müssen)?

Zur Scham gehört für mich jedenfalls dazu, dass man weiß, _warum_ das, was man getan hat, falsch ist.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich will bei weitem Tieren nicht ihre Gefühle absprechen. Nur können diese je nach Art ganz unterschiedlich ausgedrückt werden - auch gegensätzlich wie beim Menschen. Genauso können Dinge, die rein optisch dem Gefühlsausdruck beim Menschen ähneln, eine ganz andere Bedeutung haben.

Ich denke diesbezüglich mal an Nymphensittiche: Laien finden es oft so putzig, wenn ein Nymphensittich die Haube extrem aufstellt und sich scheinbar - nach Menschenvorstellung - damit „herausputzt, präsentiert“. Oft wird es von Laien für ein Balzverhalten gehalten. Nymphensittiche verhalten sich aber bei extremer Angst so. (Fürs „Präsentieren“ wird die Haube weitaus weniger aufgestellt.)

Viele Grüße,
Nina

… ein Nachtrag zu

Bitte nicht falsch verstehen: Ich will bei weitem Tieren nicht ihre :Gefühle absprechen. Nur können diese je nach Art ganz :unterschiedlich
ausgedrückt werden - auch gegensätzlich wie beim Menschen. Genauso :können Dinge, die rein optisch dem Gefühlsausdruck beim Menschen :ähneln, eine ganz andere Bedeutung haben.

… oder Schimpansen - ihr nach menschlichen Maßstäben so freundlich wirkendes Lachen/Grinsen, das so häufig auf Zoo-Postkarten zu finden ist, hat nicht die selbe Bedeutung wie beim Menschen, sondern wird bei Wut und in Angriffssituationen gebraucht.
Sich tief in die Augen sehen bei Katzen - kein Ausdruck von Interesse und Nähe, sondern Ablehnung, teils eine Vorstufe zum Angriff.

Viele Grüße,
Nina

Hallo,
die Psychologie beschäftigt sich mit dem Erleben und dem Verhalten - sich irgendwie erlebt und sich verhalten haben die Menschen schon immer - also werden die entsprechenden Abweichungen / Störungen auch immer vorhanden gewesen sein.

Bei den Tieren muss ich Dir ganz laut widersprechen: es gibt eine eigene Disziplin Tierpsychologie und auch Tiere haben psychische Störungen - das wohl beste Beispiel hierfür sind falsche Tierhaltungen, die zu Fehlverhalten (monotone und sinnlose Bewegungen, Verstümmelungen, Kannibalismus).

Viele Grüße

Hallo,
ist ja alles richtig - ängstliche Nymphensittiche und aggressive Chimpansen, aber hier geht es ja um psychische Störungen und Angst und Aggressivität sind erstmal keine Störungen, sondern ein natürliches Verhalten - und wo es ein „natürliches“ Verhalten gibt, ergibt sich wie von selbst, dass es auch zu Störungen kommen kann.

Viele Grüße

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Hallo Chili,

ist ja alles richtig - ängstliche Nymphensittiche und
aggressive Chimpansen, aber hier geht es ja um psychische
Störungen und Angst und Aggressivität sind erstmal keine
Störungen, sondern ein natürliches Verhalten - und wo es ein
„natürliches“ Verhalten gibt, ergibt sich wie von selbst, dass
es auch zu Störungen kommen kann.

selbstverständlich - dem stimme ich ja auch zu :smile:
Natürlich sind Angst und Aggressivität keine Störungen (darum schrieb ich in einem anderen Posting auch extra, dass Störungen da zu vermuten sind, wo sich derartiges Verhalten übersteigert zeigt).

Ich bezog mich mit dem Posting auf

Aber davon ab:
Hast du noch nie einen Hund gesehen, der traurig ist, sich
schämt, sich freut?

und wollte lediglich darauf hinweisen, dass man z.B. Trauer, Scham und Freude oft nicht so einfach erkennen kann.
Was beim Hund wie Scham oder Trauer wirkt, kann auch andere Ursachen haben. Und andere Tiere fehlinterpretiert man eben viel rascher (Schimpanse, Nymphensittich).

Um den Schluss zurück zu den psychischen Störungen zu schließen:
Auch diese erkennt man als Laie sicherlich oft nicht.
Manches Verhalten, das beim Tier als etwas Positives wirken kann, ist eigentlich eine psychische Störung (Tiger, die im Käfig auf und ab gehen - früher war eine solche Tierhaltung ja üblich, und meine Oma meinte noch, der Tiger ginge auf und ab, um sich zu präsentieren).
Anderes, das man als Laie für eine psychische Störung halten kann,
gehört aber zum arttypischen Verhalten (manche Papageien klopfen gegen Äste - man könnte es für stereotypisches Verhalten halten, jedoch gehört dies zur Balz und wird in der Natur genauso ausgeübt).

Kurz und gut:
Bei der Interpretation sollte man vorsichtig sein und sich nicht zu sehr an anderen Tierarten (inkl. Mensch) orientieren.

Viele Grüße,
Nina