Hallo Oliver,
du wirfst wieder einiges durcheinander. Der Stupor kann im vorliegenden Beispiel nur als vorübergehendes Symptom gewertet werden, nicht als Diagnose. Ein Stupor kann nicht knapp ein Jahr anhalten. Aus der Beschreibung des Falles läßt sich das auch nicht ableiten, man kann höchsten gelegentliche stupuröse Zustände unzterstellen. Deine Diagnose Stupor scheidet also aus.
Wenn du das gelegentliche Auftreten eines dissoziativen Stupors als Symptom für eine dissoziative Störung werten willst, dann kann man das so machen.
Was jedoch differentialdiagnostisch gegen eine dissoziative Störung spricht, ist der fehlende Verlauf Typisch wäre wenn dann eine Remission nach einigen Wochen bis Monaten, nicht ein sofortiges Eintreten eines unverändert anhaltenden Zustandes. Dafür spräche ein Trauma, du hast den Begriff Trauma jedoch unmedizinisch benutzt. Das, was Sharon in ihrer Fallbeschreibung berichtet, ist eine Stressphase, auf ein Trauma gibt sie keinen Rückschluß. BEi der Diagnose darf man sich nicht von der Wortwahl von Patienten oder Angehörigen leiten lassen, sondern man muß auf den Inhalt der Beschreibung achten. Als diagnostisches Kriterium eine zeitliche Nähe zu einem Trauma zu unterstellen ist also Spekulation.
Auch bei einer Ursache im Bereich Depression paßt das Bild nicht. Sicher gibt eine Symptomatik, die dem katatonen Stupor ähnelt. Aber differentialdiagnostisch wird vor allem nach dem Kriterium des Verlaufs zu unterscheiden sein, bei solchen depressiven Motilitätspsychosen haben wir wesentlich kürze Episoden, auch unbehandelt. Hier wird jedoch von einem fast ein Jahr andauernden Zustand berichtet. Also auch Depression erscheint als unwahrscheinlich. Mit dem Vorschlag, die „diagnostizierte“ Depression durch Verhaltenstherapie anzugehen, zeigst du auch, das du nur unreflektiert allgemeine Empfehlungen referierst.
Warum aber VErdacht auf Schizophrenie? Es liegt eine affektive Störung vor, fehlender affektiver Rapport, Parathymie (inadäquate Gefühlsäußerung), Paramimie (inadäquaten Mimik), sozialer Rückzug, allgemeiner Interessensminderung. Das Bild zeigt sich auch außerhalb der stupurösen Zustände. Daneben haben wir katatone Symptome, nämlich den Mutismus und den gelegentlichen Stupor.
Noch mal möchte ich abschließend meine Verstimmung zum Ausdruck bringen, die Verve mit der hier die beiden klinisch völlig unerfahrenen Psychologen die einhellige Meinung der beiden ärztlichen Teilnehmer angreifen erscheint mir unangemessen. Du liest zwar alles schön in deinem Psychiatrielehrbuch nach, aber die Anwendung des Wissens scheitert bei dir offenkundig an vollständig fehlender psychiatrischer Erfahrung. Und bitte argumentiere nicht damit, das du als Student mal ein Praktikum gemacht hast.
verärgerten Gruß
Yoyi
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