Diagnoseversuche bei fiktivem Fall (lang)
Hallo Sharon,
eine Beantwortung Deiner Frage ist schwierig, da die Symptome zu einer Vielzahl unterschiedlicher psychischer Störungen und auch medizinischer bzw. neurologischer Erkrankungen hinweisen können. Aus diesem Grunde ist zunächst eine medizinische/neurologische und anschließende (neuro-)psychologischer Diagnostik wesentlich. Letztere richtet sich nach den Ergebnissen der vorangegangenen Untersuchungen, den anamnestischen Berichten, der Verhaltensbeobachtung und der Symptomschilderung durch den Patienten bzw. Angehörigen, den Ergebnissen aus dem diagnostischen Interview. Testen sollte man (wenigstens) Kognition (formale und inhaltliche Denkstörungen, Gedächtnis, Intelligenz, kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit, kognitive Flexibilität), Orientierung, Aufmerksamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit, Symptomlisten, Affekt, Aphasie, Motorik; ausserdem natürlich das diagnostische Interview mit Erfragung des Symptomwahrnehmung und des Health-Belief-Modells, Krankheitseinsicht, exekutive Funktionen, Persönlichkeit etc. etc. Dieser Hinweis auf die Diagnostik ist aber nur sehr vorsichtig zu verwenden, da sich je nach den Ergebnissen weitere Fragestellungen/Inteviewinhalte/Tests empfehlen oder erübrigen bzw. die Testzusammenstellung geändert wird.
Was liegt uns danach vor?
Aufgrund der von Dir bereitgestellten fiktiven Daten kann man nur raten. Ich kann hier leider nicht alle denkbaren Diagnosen geben, dazu reicht meine Zeit nicht und auch nicht der Rahmen eines Postings.
- Versuch
Die geschilderten Sprachstörungen (Schweigen muss näher untersucht werden, ggf. neurologiosch bedingt), Störungen der exekutiven Funktionen (Herumstochern im Essen, stundenlanges Sitzen im Sessel) und die Probleme im Bereich der Gedächtnis- (reagiert nicht auf Ansprache der „traumatischen“ Vergangenheit) und Aufmerksamkeitsfunktionen (Starren??) können auf èin Frontalhirnsyndrom hinweisen. Bei diesen ist allerdings kein spezifisches Störungsmuster erkennbar, denn sie
sind hinsichtlich ihrer Intensität wie auch Qualität sehr unterschiedlich und führen zu einer Vielzahl von Symptomen auf emotionaler, motivationaler, affektiver und kognitiver Ebene und bedingen sich wechselseitig. Blumer und Benson versuchten 1975 eine grobe Unterteilung der beobachteten Verhaltenauffälligkeiten
in zwei Gruppen: eine Gruppe zeigt durch verringerte Spontanität und Initiative, Apathie, Antriebsmangel, Indifferenz und Schwerfälligkeit des Denkens; die andere zeigt demgegenüber Impulsivität, Ruhelosigkeit, Witzelsucht, Mangel an Taktgefühl und Distanzlosigkeit. Das Frontalhirnsyndrom kann durch eine Vielzahl von Ursachen entstanden sein, z.B. Unfälle, Schlaganfall, raumfordernde Prozesse im Hirn etc. etc.
Als Therapie werden verhaltenstherapeutische Interventionen empfohlen, die die Kommunikationsfähigkeiten steigern (z.B. Tokensystem, Kontraktmanagement, Kommunikationstraining, soz. Kompetenztraining, Förderung von Selbstmonitoring), berufliche Wiedereingliederung nach Begutachtung und Therapiefortschritten; ggf. Anpassung des Arbeitsplatzes an die Fähigkeiten des Patienten. Möglicherweise sind auch physiotherapeutische Interventionen notwendig, wenn beispielsweise durch hirnorganische Prozesse die exekutiven Funktionen durch Beeinflussung der motorischen Zentren beeinträchtigt sind. Du siehst: ein weites Feld, konkrete Angaben sind via Internet nur äusserts grob und schwierig möglich. Dies soll auch für meine weiteren Diagnoseversuche gelten.
- Versuch
Antriebslosigkeit, Affektverflachung, Apathie und Mutismus können auf eine depressive Störung hinweisen. Besonders die reduzierte Motivation und die resultierenden Handlungsdefizite sind ein Kernsymptom der Depressionen. Die Art der Störung ist diagnostisch zu klären, denn es existiert auch hier eine Vielzahl von Störungen, die darunter fallen.
Erfolgversprechend ist insbesondere (kognitive) Verhaltenstherapie, ggf. ergänzt durch Pharmakotherapie, Lichttherapie etc. etc. (ein weites Feld, siehe oben). Möglich sind ganz grob: Beeinflussung durch Konditionierung und Löschung; Wahrnehmungsveränderung; Verändern der Informationsverarbeitung; Umattribuierung; Änderung von Selbstkonzept und Kompetenzerwartung; Änderung von Ergebniserwartungen und Valenzen; Änderung somatischer Faktoren.
- Versuch
Störung aus dem psychotischen Störungskomplexen, beispilesweise Schizophrenie. Hierfür sprechen die als „negativ“ bezeichnete Symptome wie Affektverflachung, Willensschwäche, Anhedonie etc. Ausserdem liegen soziale/berufliche Leistungseinbussen vor. Zu beachten ist, dass „positive“ Symptome zu fehlen scheinen, ausser ggf. Katatonie (Mutismus, Negativismus, Haltungsstereotypien? genau abklären!) - dies macht dann eine Diagnose eher unwahrscheinlich.
Die motivationalen und Handlungsdefizite können bei der hebephrenen Schizophrenie (desorganisierter Typus nach DSM IV) imponierend sein. Emotionale Verflachung als eine Grundlage dieser Defizite ist zumindest denkbar. Allerdings findet man bei diesem Typus oft auch stereotype, ritualisiert wiederkehrende Verhaltensweisen und einen raschen Wechsel zwischen unterschiedlichen Verhaltensweisen (z.B.
Lachen und traurigem Gesichtsausdruck). Soweit absichtsvoll gehandelt wird, ist dieses Handeln wenig kohärent, wenig persistent und großteils nicht zielführend (Stochern im Essen???). Es ist eher unwahrscheinlich, dass dieser Typus vorliegt, muss aber abgeklärt werden. Ähnliches gilt für die katatone Schizophrenie, die ohne Fremdkontrolle aufgrund mangelnder Handlungsmöglichkeiten zur Verwahrlosung führen kann - da die Patientin aber in der Lage zu Alltagshandlungen ist (Waschen etc.), halte ich auch dies für eher unwahrscheinlich.
Die üblichen Behandlungsverfahren schizophrener Psychosen bestehen vor allem aus sich wechselseitig ergänzender Pharmakotherapie und psychosozialer Betreuung.
- Versuch
Die posttraumatische Belastungsstörung. Nach ICD-10 und DSM-IV
ist diese Störung u. a. wie folgt charakterisiert: Wiedererleben der traumatischen Erfahrungen (in Träume, Gedanken, sog. „Flashbacks“ etc.), Vermeidung von mit dem Trauma verbundenen Reizen (Gedanken, Menschen, Orten, etc.), Reduktion der allgemeinen Erlebensfähigkeit (sozialer Rückzug, Verlust an emotionaler Reagibilität etc.), Erin-nerungslücken an das Trauma, Symptome wie Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme etc. Vieles würde zu den Symptombeschreibungen passen. Ob sich ein einzelnes Trauma findet oder der bekannte Symptomkomplex der Patientin sich eher auf eine chronische Belastung zurückführen lässt, ist zu eruieren. Ggf. ist dann eine andere Diagnose zu stellen, denn „Trauma“ wird als Diagnosegrundlage genau definiert. Eine chronische Belastungssituation kann eine Ursache weiterer psychischer Störungen sein (möglich ist z.B. eine „Anpassungsstörung mit Angst“ oder eine „nicht näher bezeichnete Angststörung“ -> hierzu müssen allerdings Angstsymptome eruiert werden, die in der Symptombeschreibung jedoch ganz grob mit „keine Angst“ verneint wurden…). Der Diagnose eher entgegen steht das scheinbare Fehlen von Wiedererleben der traumatischen Situation und das fehlende erhöhte Arousal. Dies ist genau zu eruieren.
Bei den Belastungsstörungen werden primär verhaltenstherapeutische Interventionen mit dem Schwerpunkt auf kognitiven und Konfrontationsverfahren angewandt.
Leider reichen weder Zeit noch Raum für eine weitere Eruierung Deines Falles. Ich hoffe dennoch, dass Dir meine Hypothesen eine Hilfe sind und betone noch einmal, dass sie weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Korrektheit erheben - denn immerhin handelt es sich um einen fiktiven Fall, bei dem nur wenige Informationen zum Patienten und seinem Zustand vorliegen.
Viele Grüße,
Der Captain