Gibt es verschiedene Typen der Neutralität?

Hallo und Guten Tag,

die Schweiz, Österreich, Schweden und Finnland gelten (in Europa) alle als „neutrale“ Länder. Und doch scheint es mir, als ob diese Länder verschiedene „Arten“ der Neutralität (wenn es so etwas gibt) pflegen und insbesondere auch während der Zeit des kalten Krieges pfegten. D.h. die Neutralität Finnlands war/ist eine andere als die der Schweiz, die Österreichs von anderer Natur als die Schwedens. Oder irre ich mich da? Gibt es verschiedene „Arten“ der Neutralität oder ist „neutral“ einfach „neutral“?

Vielen Dank im Voraus für Antworten,

Jasper.

Ja, die gibt es.
Hallo,
wenn wir bei den Beispielen Schweiz und Österreich bleiben, ist zunächst auf den Entstehungszeitpunkt der Neutralität hinzuweisen. Die Wurzeln der schweizerischen Neutralität reichen bis in das 16. Jhdt. zurück, die schweizerische Neutralität wurde im Jahr 1815 auf dem Wiener Kongress durch Beschluss der Großmächte offiziell anerkannt. Im Gegensatz dazu entstand die österreichische Neutralität im Jahr 1955 durch ein Bundesverfassungsgesetz, mit dem die entsprechende Zusage Österreichs im Moskauer Memorandum umgesetzt wurde. Die Neutralität und damit die Bündnisfreiheit Österreichs war eine Voraussetzung für den Abzug der alliierten Truppen aus Österreich, die das Land bis 1955 besetzten. Es waren daher völlig unterschiedliche historische und politische Gründe für die Schaffung der Neutralität maßgeblich.
Es ist Sache des jeweiligen Staates, seine Neutralität auszugestalten (schon aufgrund der Souveränität jeden Staates, außerdem bedeutet Neutralität ja auch, dass man sich nicht von anderen Staaten seine innerstaatlichen Angelegenheiten vorgeben lässt), daher wird jeder neutrale Staat die Neutralität nach seinen Absichten und Interessen interpretieren. Hier spielen auch innenpolitische Interessen und Zustände eine Rolle. Zudem verändert sich die Auslegung des Begriffes „Neutralität“ auch vor dem jeweiligen zeitgeschichtlichen Hintergrund. Österreich war in den 60er bis 90er Jahren zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt eingekeilt, Wien lag wenige Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt. Schon damals gab es einen Wandel in der österreichischen Neutralitätspolitik, eine Abwendung vom ursprünglichen Schweizer Modell und eine Annäherung an die sowjetische Doktrin der Friedlichen Koexistenz. Heute gibt es kein geteiltes Europa mehr, Österreich ist Mitlied der EU. Man hat keine Angst mehr, zwischen den Machtblöcken zerrieben zu werden. Die Neutralität wird daher heute wieder völlig anders gesehen als bei ihrer Entstehung oder beim Höhepunkt des Kalten Krieges.
Ich persönlich bin der Meinung, dass – obwohl das Neutralitätsgesetz natürlich noch in Kraft ist – Österreich de facto seit dem EU-Beitritt 1995 nicht mehr als neutraler Staat anzusehen ist.
Grüße, Peter

Hallo,

streng genommen gibt es ja Neutralität nur im Kriegsfall. Und dann ist es eine zweiseitige Sache - sie muß ja nicht nur von einem Land erklärt sondern von den kriegsführenden Nationen auch akzeptiert werden. I, 1. und 2. Weltkrieg wollten ja manche auch neutral bleiben - aber wenn der jeweilige deutsche Generalstab da ne andere Meinung hat, dann ist das halt Essig damit.
Was man ansonsten betreibt, ist eigentlich eine Art Blockfreiheit - man schließt sich keinen militärischen Bündnissen an und versucht, niemanden zu verärgern dabei. Das ging (und geht) im Fall der Schweiz so weit, daß das Land sogar eine Mitgliedschaft in der UNO abgelehnt hat.
Wie schon gesagt gat das Ganze im Friedenszeiten ja nur theoretischen Wert. Das Ziel besteht ja darin, sich mit eventuellen zukünftigen Gegnern so gut zu stellen, daß die einen im Ernstfall erstens in Ruhe lassen und zweitens nicht mit Druck in ihre Bündnisse zwingen.
Da hat es die Schweiz recht leicht, Estens unterhält sie eine eigene Armee, die in dem unwegsamen Gelände jeden Angreifer das Leben schwer macht und zweitens kann sie auf Grund ihrer langen Treadition als neutraler Staat mit viel Unterstützung rechnen.
Trotzdem mußten sich die Schweiz und auch Schweden im 2. Weltkrieg Deutschland gegenüber sehr wohlwollend verhalten - eine chte Neutralität war das schon fast nicht mehr.
Vor den gleichen Problemen standen aber auch Österreich und Finnland zu Zeiten des Kalten Krieges. Die mußten gegenüber dem OStblock sicher einige Zugeständnisse machen, zu denen sie eigentlich keine Lust hatten, um bestehen zu können.
Insofern ist Neutralität im Einzelfall ja wohl immer etwas anderes als die reine Lehre - weil einfach die mögliche reaktion der möglichen gegner beachtet werden muß.

Gernot Geyer

Hallo,
hier muss ich doch ein paar Einwände anbringen:

streng genommen gibt es ja Neutralität nur im Kriegsfall.

Für einen dauernd neutralen Staat bestehen entsprechende Rechte und Pflichten schon in Friedenszeiten. Die völkerrechtlichen Vorwirkungen der Neutralität liegen darin, dass der dauernd Neutrale nichts tun darf, was ihm in zukünftigen Kriegen die Einhaltung der Pflichten der Neutralität unmöglich machen würde.

Und dann ist es eine zweiseitige Sache - sie muß ja nicht nur von
einem Land erklärt sondern von den kriegsführenden Nationen
auch akzeptiert werden.

Dauernde Neutralität kann durch einen zweiseitigen Vertrag (Staat der Vatikanstadt) oder multilateralen Vertrag (Schweiz, Belgien, Luxemburg, Laos), durch aufeinander bezogene einseitige Willenserklärungen (Österreich) oder durch einseitige Proklamation (Kambodscha, allerdings umstritten) begründet werden.

I, 1. und 2. Weltkrieg wollten ja
manche auch neutral bleiben - aber wenn der jeweilige deutsche
Generalstab da ne andere Meinung hat, dann ist das halt Essig
damit.

Das hat nichts mit Neutralität zu tun. Neutralität bedeutet nicht, auf Waffengewalt generell zu verzichten. Das Wort „neutral“ leitet sich ab vom lateinischen „ne uter“ und bedeutet „keiner von beiden“. Wenn zwei Staaten einen Konflikt führen, verhält sich neutral, wer keinen von beiden unterstützt. Wird der Neutrale aber in einen Konflikt gezogen, darf und muss er sich wehren. Art. 1 Abs. 1 des österreichischen Neutralitätsgesetzes lautet: „Zum Zwecke der dauernden Behauptung seiner Unabhängigkeit nach außen und zum Zwecke der Unverletzlichkeit seines Gebietes erklärt Österreich aus freien Stücken seine immerwährende Neutralität. Österreich wird diese mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln aufrechterhalten und verteidigen.“

Wie schon gesagt gat das Ganze im Friedenszeiten ja nur
theoretischen Wert.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten sieht das ein wenig anders: „Die dauernde Neutralität ist ein Grundsatz der schweizerischen Aussenpolitik. Sie dient der Sicherung der Unabhängigkeit der Schweiz und der Unverletzlichkeit ihres Staatsgebiets. Im Gegenzug verpflichtet sich die Schweiz, am Krieg zwischen anderen Staaten nicht teilzunehmen.“ Auch in Österreich hat die Neutralität bis heute praktische Auswirkungen und ist in der Rechtsordnung verankert, ich denke da beispielsweise an das Kriegsmaterialiengesetz, an §§ 252, 320 StGB und an die Auswirkungen auf den Außenhandel.
Dass die Neutralität kein abstraktes Prinzip ist, sondern nur in die außenpolitische Realpolitik eingebettet funktionieren kann, versteht sich von selbst.
Grüße, Peter

Hallo Peter,

ja sicher spielt die Neutralität auch in Friedendzeiten eine Rolle. Erstens weil damit ja Traditionen begründet werden, die dann auch im Ernstfall meist akzeptiert werden und zweitens weil eine Neutralität im Kriegsfalle ja voraussetzt, daß man sich nicht voher an einen Machtblock bindet.
Nur - ob es funktioniert, weiß man deshalb trotzdem nicht, weil ja im Frieden erst einmal alle friedlich sind.
Zudem haben es ja Staaten wie der Vatikan recht leicht. Erstens steht hier der Gewinn einer möglichen Eroberung in keinem verhältnis zum Prestigeverlust des Angreifers und zweitens hat er ja nur Italien als Nachbarn. Dagegen haben es Staaten, die zwischen 2 Machtblöcken agieren müssen, wesentlich schwieriger. Denen nutzt im Ernstfall auch eine vertragliche Absicherung wenig und schon gar keine einseitige Erklärung in irgendeiner verfassung oder so - wenn ein Nachbar einen Krieg für gewinnbar und das Ergebnis für höher als den Aufwand hält, dann wird ihn das nicht von einem Angriff abhalten.
Schweden und die Schweiz haben im 2. Weltkrieg brav getan, was Hitler wollte - zudem brauchte Deutschland die neutrale Schweiz für bestimmte Handels- und Devisenoperationen und als Basis für ihre NAchrichtendienste. Hitler hat schließlich Krieg gegen ganz Westeuropa geführt, gegen Rußland und hatte auch gebirgsjäger im Einsatz in Norwegen und Griechenland. Dem wäre es auf ein Land mehr oder weniger echt nicht angekommen - wenn er es denn gewollt hätte. Aber er brauchte ja nicht - die Schweiz war ja brav.
Und es ist ja auch augenfällig, daß der Vatikan sich nie zu einer ensthaften Verurteilung des Hitlerregimes aufgerafft hat - auch nicht angesichts der Massenmorde. Gegenüber der Sowjetunion hatte die Kurie solche Bedenken nie - aber von dort ging ja auch keine Bedrohung des eigenen Staates aus. Aber Mussolini und später auch Hitler - die hätten echt gefährlich werden können und die Herren Kardinäle einschließlich des Papstes hops nehmen können - das hat dann die neutrale Haltung doch wesentlich einseitiger werden lassen.

Natürlich nehmen wir an, daß es heute so aggressive Staaten nicht mehr geben wird, die eine Neutralität mißachten. Nur: Seid 1945 hat da in Europa auch noch keiner die Nagelprobe bestehen müssen, weil es einfach keinen Krieg mehr gab. Man kann also Beispiele für die Akzeptanz einer Neutralität im Ernstfall nur in der Zeit davor suchen. Und da sieht es nicht so übermäßig optimistisch aus.

Gernot Geyer

Hallo Gernot

  • zudem brauchte Deutschland die neutrale
    Schweiz für bestimmte Handels- und Devisenoperationen

diese nebulösen Handels- und Devisenoperationen hat nicht mal Israel Singer belegen können, obgleich auch er sie behauptet hat. Versteh mich richtig, es hat in kleinem Masse solche Dinge gegeben, die konnten aber nicht entscheidend ins Gewicht fallen.

Dem
wäre es auf ein Land mehr oder weniger echt nicht angekommen -
wenn er es denn gewollt hätte

Der gefährlichste Augenblick für die Schweiz war - rückblickend betrachtet - Frühjahr 1940, vor dem Angriff auf Frankreich, allerdings hat damals der Führer noch versucht, seine Kräfte haushälterisch einzusetzen, und er hat demzufolge den Aufwand gescheut; obgleich zu jenem Zeitpunkt weder der Wehrwille noch die Aufrüstung der Schweiz an ihrem Höhepunkt standen, war doch der Aufwand etwas grösser als bei einer Besetzung von Belgien, der Niederlande oder Skandinavien, die überdies alle in Richtung auf den damaligen Hauptfeind GB hin lagen.

Aus der subjektiven Sicht der Schweiz gab es auch weitere gefährliche Augenblicke. Dazu der Führer: „Wie viele Divisionen brauche ich, um die Alpenrepublik zu besetzen bzw. mit Italien zu teilen?“ Darauf die Antwort (Otto Wilhelm von Menge, Generalstabsoffizier, am 4.10.1940): 21. Hitler: „Gut, dann stelle ich das einstweilen zurück.“ Begründung war, dass die Mittel möglichst auf Grossbritannien zu konzentrieren seien - allerdings wurden sie ab Winter '40 statt dessen auf die UdSSR konzentriert.

Also war die Gefahr für die Schweiz zwar nicht vorbei, aber erstens: Sie war, aus militärischen Gründen, fürs Erste abgewendet; zweitens: Sie wurde faktisch immer kleiner, auch wenn die Schweiz das subjektiv nicht so glauben durfte; drittens: Es brauchte fortan aufgrund der geostrategischen Lage keinen Angriff, und nicht aufgrund von irgendwelchen angeblichen Devisenkäufen oder Nachrichtendiensten, welche es zwar gab, aber welche nicht entscheidend ins Gewicht fielen. Entscheidend in dieser Hinsicht war, dass die Schweiz zwischen D und Italien lag und nicht zwischen D und GB, sowie dass sie relativ schwer zu schlucken war (21 Divisionen sind wenig für die Eroberung der Welt, aber viel für die Eroberung eines Gebietes mit fünf Millionen Menschen).
Das galt bis 1945.
Gruss
Mike

Hallo Gernot!

Erstens weil damit ja Traditionen begründet werden, die
dann auch im Ernstfall meist akzeptiert werden und zweitens
weil eine Neutralität im Kriegsfalle ja voraussetzt, daß man
sich nicht voher an einen Machtblock bindet.
Nur - ob es funktioniert, weiß man deshalb trotzdem nicht,
weil ja im Frieden erst einmal alle friedlich sind.

Wenn sich ein Staat an einen Machtblock bindet, ist er nicht neutral. Und ob die Neutralität im Kriegsfall von anderen Staaten akzeptiert wird, spielt für die Neutralität zunächst keine Rolle. Was Neutralität bedeutet, habe ich oben dargelegt. Und jeder Staat weiß, wie sich ein neutraler im Falle eines Krieges verhält, nämlich neutral. Nicht mehr und nicht weniger sagt die Neutralität. Die innerstaatlichen Ausgestaltungen stellen Mittel zur Durchführung dieses Grundsatzes dar. Es bringt nichts, da Sachen hineinzuinterpretieren, die mit Neutralität nichts zu tun haben. Ich habe mir das alles ja nicht selbst ausgedacht, sondern die völkerrechtlichen Grundsätze der Neutralität dargelegt. Dass ein neutraler Staat im Konfliktfall nicht so tun kann, als wäre er auf einer unberührbaren Friedensinsel, und dass außenpolitische Handlungen je nach Sichtweise als Verletzung der Neutralität interpretiert werden können, versteht sich von selbst.
Grüße, Peter

Hallo Jasper,

ich habe nur mal kurz durch den Thread gelesen. Hier werden wohl auch zwei Begriffe munter durcheinandergeworfen, nämlich Neutralität und Blockfreiheit.

Gruß
Peter B.

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Hallo,

natürlich hatte eine neutrale Schweiz für Deutschland angenehme Seiten.
Schon einmal deshalb, weil sich damit diskrete Kontakte mit feindlichen bzw. anderen neutralen Ländern abwickeln liesen. Zum Beispiel wurde ja die Ausreise ungarischer Juden regelrecht erkauft - was meinst Du denn, über welche Bahnen die Verhandlungen und die Zahlungen liefen dabei? Es gab da so manche Geschäfte und Verhandlungen abseits öffentlicher Wege - da bot sich die Schweiz natürlich an.
Irgendwie mußte ja auch zuim, beispiel das eingeschmolzene Zahngold aus Auschwitz und den anderen Lagern umgerubelt werden, aus dem die Nazis in der Reichsbank schöne unverfängliche Goldbarren gemacht hatte. Und das das über die Schweiz lief, wird inzwischen wirklich nur noch von den beteiligen Schweizer Banken bestritten.
Und da rede ich nicht mal von dem, was die SS und andere kurz vor Kriegsende noch schnell auf Schweizer Nummerkonten deponiert hat. Ist ja auch erstens anonym gewesen und unterlag zweitens dem Schweizer Bankgeheimnis - und denken tun die Bankgnome in Zurich und Umgebung bei 7-stelligen Summen eh nicht mehr, was die Legalität betrifft. (Streite das ja nicht ab - ich bin Bankkaufmann und kenne die berühmten diskreten Wege in die Schweiz - die Schweizer haben uns dazu ausgiebig geschult.)
Sicher wäre vieles damals auch ohne die Schweiz gegangen notfalls. Und gan sicher war Hitler auch wirklich der militärische Aufwand zu hoch im vergleich zum Nutzen - zumal es ja keinen Grund gab, die Schweiz zu besetzen. Denn auch wenn man es heute nicht gern hört - es gab damals auch in der Schweiz eine nationalsozialistische Bewegung und viele Symphatien für Hitlerdeutschland. Also tat man den deutschen gern den einen oder anderen gefallen… na ja, zumindest, bis absehbar war, daß die Sache schiefging. Danach war natürlich schon immer jeder dagegen gewesen, ist ja klar. ISt wie bei den Österreichern - da hatten auch 45 alle ganz plötzlich vergessen, wie sie vorher Hitler zugejubelt haben und waren plötzlich nur noch Opfer.

Gernot Geyer

Hallo Peter,

„Blockfreie“, dass war doch wieder ein eigener Zusammenschluss von Dritt-Welt-Ländern ( http://de.wikipedia.org/wiki/Bewegung_der_blockfreie… ).

Ich meinte aber ausdrücklich die vier oben genannten europäischen, aber vom System her demokratischen und (auch vor 1989)marktwirtschaftlich orientierten Länder Schweiz, Österreich, Schweden und Finnland, die sich alle als neutral verstehen (und auch vor 1989 verstanden) - ob und wie die sich in der „Art ihrer Neutralität“ unterscheiden. So hundertprozentig neutral wie die Schweiz war nach meinem Eindruck z.B. Schweden nicht.

Gruß Jasper.

Ich meinte aber eigentlich ausdr

Hallo Jasper,

ich habe nur mal kurz durch den Thread gelesen. Hier werden
wohl auch zwei Begriffe munter durcheinandergeworfen, nämlich
Neutralität und Blockfreiheit.

Gruß
Peter B.

Eine Welt voller Schweizen…
Hallo Peter,

wäre das nicht die Lösung für den Weltfrieden? Alle Länder werden neutral wie die Schweiz und auch zueinander so neutral wie die Schweiz zu allen anderen Ländern ist, die ganze Welt besteht nur aus lauter Schweizen, die zueinander ganz und gar neutral sind. Es gäbe keine Kriege, keine Konflikte mehr, nur noch Frieden und Harmonie auf der Welt, wenn die ganze Welt aus lauter zueinander neutralen Schweizen bestünde.

Gruß Jasper

Hallo Jasper!

wäre das nicht die Lösung für den Weltfrieden? Alle Länder
werden neutral wie die Schweiz und auch zueinander so neutral
wie die Schweiz

Das ist der Gedankenfehler, der in diesem Thread immer wieder auftaucht. Wie ich schon mehrfach geschrieben habe, bedeutet „neutral“, sich aus Konflikten zwischen anderen Staaten herauszuhalten und keinen zu bevorzugen. Nicht mehr und nicht weniger. Theoretisch könnte ein neutraler Staat zwar jedem Konflikt zwischen anderen Staaten unbeteiligt zusehen, aber selbst eine aggressive Außenpolitik und Kriege führen. Faktisch haben dauernd neutrale Staaten aber ein großes Interesse an einer stabilen außenpolitischen Grundsituation. Das lässt sich auch, aber nicht nur auf die Neutralität zurückführen.
Tatsächlich ist die Neutralität aber ein Friedensinstrument. Es wurde daher ernsthaft in den Abrüstungsdiskussionen der vergangenen Jahrzehnte die Ansicht vertreten, dass die neutralen Staaten erst nach allen anderen abrüsten dürfen. Sie würden einen stabilisierenden Faktor darstellen, weil ihr Verhalten im Konfliktfall vorhersehbar ist und zu keiner Ausweitung des Konflikts führt, daher müssen sie bis zuletzt in der Lage sein, ihre Neutralität zu verteidigen. Nur stehen die Interessen vieler Staaten und Staatengruppen der Idee entgegen, sich stets neutral zu verhalten.

Frieden und Harmonie auf der Welt, wenn die ganze Welt
aus lauter zueinander neutralen Schweizen bestünde.

Ein derartiger Umgang der Staaten miteinander ist wünschenswert, aber leider unrealistisch.
Grüße, Peter

HAllo,

na ja, so in etwa läuft das auf das hinaus. was wir in den letzten Jahrzehnten als friedliche Koexistenz kannten. Einfach Akzeptanz des anderen und Nicht einmischung in dessen Angelegenheiten.
Nur sind alle militäreischen Verwicklungen der letzten Jahre gerade daraus entstanden bzw. ausgeweitet worden, weil genau das nicht getan wurde. Das hätte bedeutet, auf dem Balkan, im Irak, im Afghanistan und sonstwo NICHT einzugreifen. Und es wiederspricht der derzeitigen Doktrin. Menschenrechtsverletzungen auch üb er Grenzen hinweg zu verfolgen.
Nun könnte man ja die Toten in Afghanistan und im Irak und anderswo fragen, ob es das wert war - ich persöbnlich bezweifle es. Tot ist tot - auch wenn ich dafür vorher noch das Recht hatte, laut meine politische Überzeugung zu verkünden. Ich halte da im Zweifelsfall lieber das Maul und versuche, zu überleben. Ist zwar nicht so heldenhaft - aber gesünder.

Aber im Ernst: Das ist dann der Schatten einer wirklich praktizierten Neutralität. Man darf dann auch keinem anderen Angegriffenen beistehen.
Es wird ja immer mal diskutiert darüber, ob die Alliierten im krieg mehr hätten tun können, um die Judenvernichtung zu verhindern oder ob der Luftkrieg sich wirklich gegen die richtigen Ziele gerichtet hat oder ob die USa eher in den Krieg hätten eintreten sollen. Da werden Vorwürfe gegen Staaten erhoben, die tatsächlich gegen Hitler kämpften.
Aber wer fragt die Schweden oder Schweizer nach ihrer moralischen Mitschuld, die sie durchs Wegsehen auf sich geladen haben? Wie viele, die in den letzten Kriegsmonaten in den KZ noch umgebracht wurden, könnten noch leben, wenn diese Staaten irgendwann 1944 oder auch noch mit in den Krieg eingegriffen hätten und den Krieg somit um ein paar Monate verkürzt hätten?
Das ist ne gemeine Frage… ich weiß. Aber sie zeigt die Schattenseite der praktizierten Neutralität. Denn genau genommen hatten die Schweiz und Schweden diese Option ja nicht, wenn sie nicht dabei ihre traditionelle Neutralitätspoltik henerell aufs Spiel setzen wollten. Denn dann wäre die neutralität keine mehr gewesen und hätte für die Zukunft jedem potentiellen gegner das morale recht für einen Präventivschlag gegeben. Das kann also auch ein ausgesprochenes Scheißspiel sein, wenn man stillhalten muß, obwohl ibberlich alles nach einem Eingreifen schreit.

Gernot Geyer

Hallo, Jasper

1907 hat die ‚Haager Friedenskonferenz‘ definiert, welches Verhalten sie von einem neutralen Staat erwartet

  • im ‚Abkommen betreffend die Rechte und Pflichten der neutralen Mächte und Personen im Falle eines
    Landkriegs‘ (online):

http://www.admin.ch/ch/d/sr/i5/0.515.21.de.pdf

Gruss
Adam

begriffliche Klarstellung
Hallo Gernot!

na ja, so in etwa läuft das auf das hinaus. was wir in den
letzten Jahrzehnten als friedliche Koexistenz kannten. Einfach
Akzeptanz des anderen und Nicht einmischung in dessen
Angelegenheiten.

Sorry, dass ich hier schon wieder herummotze, aber auch (oder gerade) im (Völker)Recht sollte man die Begriffe auseinanderhalten. „Friedliche Koexistenz“ hat weder begrifflich noch inhaltlich etwas mit Neutralität zu tun. Bei der Friedlichen Koexistenz handelte es sich um eine sowjetische Völkerrechtsdoktrin insbesondere seit dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, die den Export der Weltrevolution ablehnte, aber den verstärkten ideologischen Kampf mit nichtmilitärischen Mitteln forcierte (siehe dazu später auch Art. 28ff der Verfassung der UdSSR vom 7.10.1977).
Auch wenn man die „friedliche Koexistenz“ hier untechnisch versteht und sie einfach als friedvolles Nebeneinander auffassen sollte: die Nichteinmischung beim anderen ergibt sich aus der staatlichen Souveränität. Neutralität ist - vereinfacht - die Nichteinmischung im Kriegsfall samt den entsprechenden vorbereitenden Maßnahmen im Frieden. Ein sagen wir mal „friedliches Zusammenleben“ und „Neutralität“ haben vielleicht die gleichen Friedensziele, sind aber trotzdem zwei verschiedene Sachen.
Grüße, Peter

Hallo Peter,

„Blockfreie“, dass war doch wieder ein eigener Zusammenschluss
von Dritt-Welt-Ländern (
http://de.wikipedia.org/wiki/Bewegung_der_blockfreie…
).

Jaein … Wikipedia, das Roulettespiel der Informationswelt. Als die Organisation der blockfreien Staaten entstand waren es zwar schon größtenteils die Entwicklungsländer, aber andererseits würde ich Schweden, Finnlaund und damals auch Österreich nicht als Entwicklungsländer sehen. Die Schweiz war assoziiertes Mitglied. Erst als der Kalte Krieg schon vorbei war, haben diese Staaten sich mehr oder weniger gelöst (die Schweiz ist im Gegensatz zur Liste im obigen Wiki-Artikel immer noch assoziiertes Mitglied).

Ich meinte aber ausdrücklich die vier oben genannten
europäischen, aber vom System her demokratischen und (auch vor
1989)marktwirtschaftlich orientierten Länder Schweiz,
Österreich, Schweden und Finnland, die sich alle als neutral
verstehen (und auch vor 1989 verstanden) - ob und wie die sich
in der „Art ihrer Neutralität“ unterscheiden. So
hundertprozentig neutral wie die Schweiz war nach meinem
Eindruck z.B. Schweden nicht.

Die Schweiz war immer wirklich neutral im Sinne einer Nichteinmischung. Das geht lange in die Geschichte zurück, weil man bereits (ich meine 17.Jhdt) festschrieb sich nicht einzumischen wenn sich die Nachbarn zanken. Was die Schweiz nicht daran hinderte, in Kriegszeiten der größte Waffenmarkt der Welt zu sein.
Österreich und Finnland waren sozusagen mundneutral in Zeiten des kalten Krieges. Sie gingen schon davon aus, dass die NATO sie verteidigen würde, sollten die Russen was probieren. Trotz offizieller Neutralität hat es oft genug größere Übungen mit NATO-Verbänden gegeben und es existierte auch eine so etwas wie eine bilaterale Kommunikation auf militärischer Ebene mit der NATO. Im Falle Finnlands wurde das von Seiten vieler NATO-Staaten auch akzeptiert da Finnland sozusagen Frontstaat des Kalten Krieges war und die offizielle Neutralität auch der NATO so etwas wie eine Pufferzone gab (also anders als in Deutschland). Was Österreich betraf, so gab es da wohl immer etwas Vorbehalte und besonders schön kamen die zum Vorschein als Waldheim damals die österreichischen Geiseln aus dem Iran bekam indem er gewissermaßen als erster seinen Separatfrieden mit dem Regime Khomeini machte.
Die Schweden sind geschichtlich ein Sonderfall weil sie bereits im 2.Weltkrieg eigentlich immer eine Kommunikationsrolle und manches Mal während des Kalten Krieges eine diplomatische Ausgleichsrolle einnahmen. Kaum eine humanitäre Aktion des 2.Weltkrieges fand ohne schwedische Beteiligung statt. Deswegen und dem Beispiel einer wherhaften Neutralität wie in der Schweiz folgend, war Schweden eigentlich das Land, das gleichzeitig aktiv und akzeptiert neutral war. Und gerade die Schweden wiederum sicherten sich über die Organisation der blockfreien Staaten oft genug den notwendigen Einfluß auf die UNO.

Gruß
Peter B.

Gruß Jasper.

Ich meinte aber eigentlich ausdr

Hallo Jasper,

ich habe nur mal kurz durch den Thread gelesen. Hier werden
wohl auch zwei Begriffe munter durcheinandergeworfen, nämlich
Neutralität und Blockfreiheit.

Gruß
Peter B.

Hi!

die Schweiz, Österreich, Schweden und Finnland gelten (in
Europa) alle als „neutrale“ Länder.

Und was ist eigentlich mit Irland?

Grüße,
Tomh