Glaubensbezeichnungsfragen

Hallo Wissende!

Ich hoffe, ich bin hier richtig, sonst wechsele ich ins Brett „Geschichte“. In letzter Zeit diskutieren ich mit einem Freund hin und her bzgl. der Konfessionsbezeichnungen im 16. Jh., wir können uns irgendwie nicht einigen…

Protestanten - Reformierte - Calvinisten - Lutheraner. Nach meiner Theorie ist „Protestanten“ die allgemeinste Bezeichnung, der sich Lutheraner und Calvinisten unterordnen, während Reformierte meist synonym mit den Calvinisten gebraucht werden. Was ist denn nun richtig - wo liegen die kleinen Unterschiede, die eben selbige Unterscheidung ausmachen?

Wer kann helfen und Licht ins neblige Dunkel bringen - möglichst mit Quellenangabe, wer denn nun wie zu nennen ist?

Gruß und danke
Sandra

Hallo Sannah,

hab jetzt mal den Brockhaus hergenommen, um mehr oder weniger bruchstückhaft Erinnertes zu strukturieren und gebe Dir das Gefundene als weiter destilliertes Exzerpt wieder:

Protestanten - Reformierte - Calvinisten - Lutheraner. Nach
meiner Theorie ist „Protestanten“ die allgemeinste
Bezeichnung,

Bis hierher einverstanden. Sammelbegriff für alle reformatorischen Bewegungen, die es seit dem frühen 15. Jahrhundert gegeben hat (nicht erst Punkt 1517…).

er sich Lutheraner und Calvinisten unterordnen,
während Reformierte meist synonym mit den Calvinisten
gebraucht werden.

Hier nicht mehr einverstanden.

Wegen der besonderen politischen Bedeutung der Lutherischen Reformationsbewegung wird diese einerseits und die reformierten Kirchen andererseits unterschieden.

Bei den Reformierten findet man etwa zeitgleich mit Luther und unabhängig von ihm Zwinglianer und Calvinisten, mit mehr oder weniger bedeutenden zeitlichen Verschiebungen Gruppen wie Quaker, Mennoniten, Täufer, Baptisten, Unitarier, Herrnhuter und viele andere. Ob Valdenser und Hussiten gemeinhin zu den Reformierten gerechnet werden, hab ich nicht recherchiert.

Wo liegen die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede?

Gemeinsam ist allen Protestanten die Ablehnung des Papsttums und der übrigen Organe und Instanzen der katholischen Kirche und der kirchlichen Tradition als zwei von drei Säulen der Religion und die Berufung auf das Wort Gottes als einzige legitime Säule.

Luther zeichnet sich im Gegensatz zu den reformierten Kirchen in einem politisch bedeutsamen Punkt dadurch aus, dass er die parallele Existenz eines weltlichen und eines Reiches Christi postuliert und spätestens 1525 unbedingten Gehorsam gegenüber der weltlichen Herrschaft fordert, insofern ein für die deutschen Zaunkönige und -fürsten sehr gut brauchbares Bekenntnis anbietet.

Calvin und Zwingli sind mit unterschiedlichen Schwerpunkten radikaler. Der Zwinglianismus hat regelrecht kulturrevolutionäre Züge: Keine Bilder, keine Klöster, keine Orgel, kein Gesang. Unbedingte Souveränität Gottes, die keinen weltlichen Souverän neben sich erlaubt - insofern ein Bekenntnis, welches nur in einer republikanischen Verfassung umsetzbar ist.

Der radikalere Ansatz Zwinglis ist erkennbar im Abendmahlsstreit - während Luther die wirkliche Präsenz Christi beim Abendmahl postuliert und bloß die materielle Umwandlung von Brot und Wein kraft priesterlicher Eigenschaft bestreitet, „entzaubert“ Zwingli das Abendmahl noch vollends und betont seinen symbolhaften Charakter als „Zeichen“.

Bei Calvin bedeutend die Prädestinationslehre (im Gegensatz zu Luthers Konzept von der freien Entscheidung, dem Bekenntnis als zentraler Bedingung für die Erlösung). Ausgeprägt in der Vorstellung, die ohne ihr Zutun durch den Herrn Auserwählten seien bereits im diesseitigen Leben erkennbar, z.B. an Erfolg und Reichtum.

Aus subjektiver Sicht eines Pfarrersenkels: Mischformen sind unter dem Einfluss der jeweiligen politischen Wetterlage in formal theologisch nicht gut nachvollziehbarer Weise entstanden. Die mir relativ am besten bekannte ist die unter dem Einfluss von Melanchthon entwickelte Ev. Landeskirche in Württemberg, die formal theologisch aus dem Calvinismus abgeleitet ist, aber etwa betreffend ihr Verhältnis zur Obrigkeit viel stärker lutheranische Züge trägt und u.a. wegen unterschiedlicher Konfessionen im Haus Württemberg heftige Sträuße mit dem Katholizismus ausgefochten hat, aber heute diesem im Vergleich zu kleineren reformierten Kirchen durchaus nahe steht.

Soweit ein paar Krümelchen, mit denen ich an Berufenere übergeben darf.

Schöne Grüße

MM

Danke Martin,

da musste ich gleich noch einmal ein Sternchen raufpacken. Eigentlich brauche ich schon fast schon gar nicht mehr zu wissen, aber vielleicht findet sich ja trotzdem noch ein Berufener… :wink:

Ich weiß aber jetzt schon ganz genau, warum die hochgezogenen Augenbrauen, die ich beim Hören von Referaten einiger Kommilitonen in letzter Zeit gemacht habe, gerechtfertigt waren (daraus entstand dann die Diskussion)… Da würfelten manche nämlich die Glaubensbezeichnungen sehr bunt durcheinander.

Gruß sannah

Hallo Sannah,

weils so schön zum Advent passt, noch eine Geschichte aus der Gegend von Calw im Württembergischen, wo „das Wort allein“ eine besondere Bedeutung hat: Noch in den 1920er Jahren war Bibelfestigkeit keine besondere Qualität, sondern man wars halt.

Als die letzten Lücken in der Stromversorgung geschlossen wurden, wartete man in einer Gemeinde ziemlich sehnsüchtig auf den notwendigen Transformator, alles andere war fertig. Alldieweil der Hersteller und Lieferant auch im Württembergischen, wohl im Filstal irgendwo, saß, sparte man sich die teuren Worte und drohte telegraphisch mit Rücktritt vom Vertrag mit dem einen „Wort“: Mt11,3.

Beim Hersteller musste man nicht nachblättern, um das Telegramm zu entschlüsseln: „Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir eines anderen harren?“

Das Antworttelegramm bestand sparsamerweise ebenfalls aus einem einzigen „Wort“: EKG7,6.

Bei den Empfängern musste man auch nicht das Evangelische Kirchengesangbuch, Lied 7, Vers 6 aufschlagen, sondern konnte selbstverständlich auswendig:

„Er wird nun bald erscheinen
In seiner Herrlichkeit
Und Euer Klag und Weinen
Verwandelen in Freud
Er ists, der helfen kann
Halt Euer Lampen fertig
Seid seiner stets gewärtig
Er ist schon auf der Bahn.“

(Solche Güter wurden damals noch per Eisenbahn verschickt).

Die Gemeinde wars zufrieden, hielt ihre neuen elektrischen Lampen fertig, und die Post hatte keinen Pfenning zuviel bekommen.

In diesem Sinne

MM

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Hallo Martin,

erinnert mich an ein Rezept, das ich kürzlich in meinem (Missions) Kochbuch gefunden haben: Bibelkuchen!

1 1/2 Tassen 5. Mose 32, 14a
6 Stück Hiob 39, 14
2 Tassen Richter 14, 18a
4 1/2 Tassen 1. Könige 5,2
1/2 Tasse 1. Korinther 3,2
2 Tassen 1. Samuel 30,12 (2. Angabe)
2 Tassen kleingeschnittene Nahum 3,12
1 Tasse geschälte und geriebene 4. Mose 17,23 b
1 Prise Markus 9, 50
3-4 TL Jeremia 6, 20
3 TL Backpulver

Hat man alle Zutaten den Römer 11, 16 gerührt, dann folge man dem Rat des Königs Salomo in Sprüche 23, 14 und den Anweisungen Abrahams in 1. Mose 18, 6 (Schluss).

Dazu schiebe man den Römer 11, 16 in einen Hosea 7, 4 und lasse ihn gut über die Zeit von Matthäus 20, 12 (180°C Umluft) darinnen und wenn es endlich ans Kuchenessen geht, so gilt Lukas 14, 12-14.

(Ich schlage lieber nach…)

Gruß sannah

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