Hallo Sannah,
hab jetzt mal den Brockhaus hergenommen, um mehr oder weniger bruchstückhaft Erinnertes zu strukturieren und gebe Dir das Gefundene als weiter destilliertes Exzerpt wieder:
Protestanten - Reformierte - Calvinisten - Lutheraner. Nach
meiner Theorie ist „Protestanten“ die allgemeinste
Bezeichnung,
Bis hierher einverstanden. Sammelbegriff für alle reformatorischen Bewegungen, die es seit dem frühen 15. Jahrhundert gegeben hat (nicht erst Punkt 1517…).
er sich Lutheraner und Calvinisten unterordnen,
während Reformierte meist synonym mit den Calvinisten
gebraucht werden.
Hier nicht mehr einverstanden.
Wegen der besonderen politischen Bedeutung der Lutherischen Reformationsbewegung wird diese einerseits und die reformierten Kirchen andererseits unterschieden.
Bei den Reformierten findet man etwa zeitgleich mit Luther und unabhängig von ihm Zwinglianer und Calvinisten, mit mehr oder weniger bedeutenden zeitlichen Verschiebungen Gruppen wie Quaker, Mennoniten, Täufer, Baptisten, Unitarier, Herrnhuter und viele andere. Ob Valdenser und Hussiten gemeinhin zu den Reformierten gerechnet werden, hab ich nicht recherchiert.
Wo liegen die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede?
Gemeinsam ist allen Protestanten die Ablehnung des Papsttums und der übrigen Organe und Instanzen der katholischen Kirche und der kirchlichen Tradition als zwei von drei Säulen der Religion und die Berufung auf das Wort Gottes als einzige legitime Säule.
Luther zeichnet sich im Gegensatz zu den reformierten Kirchen in einem politisch bedeutsamen Punkt dadurch aus, dass er die parallele Existenz eines weltlichen und eines Reiches Christi postuliert und spätestens 1525 unbedingten Gehorsam gegenüber der weltlichen Herrschaft fordert, insofern ein für die deutschen Zaunkönige und -fürsten sehr gut brauchbares Bekenntnis anbietet.
Calvin und Zwingli sind mit unterschiedlichen Schwerpunkten radikaler. Der Zwinglianismus hat regelrecht kulturrevolutionäre Züge: Keine Bilder, keine Klöster, keine Orgel, kein Gesang. Unbedingte Souveränität Gottes, die keinen weltlichen Souverän neben sich erlaubt - insofern ein Bekenntnis, welches nur in einer republikanischen Verfassung umsetzbar ist.
Der radikalere Ansatz Zwinglis ist erkennbar im Abendmahlsstreit - während Luther die wirkliche Präsenz Christi beim Abendmahl postuliert und bloß die materielle Umwandlung von Brot und Wein kraft priesterlicher Eigenschaft bestreitet, „entzaubert“ Zwingli das Abendmahl noch vollends und betont seinen symbolhaften Charakter als „Zeichen“.
Bei Calvin bedeutend die Prädestinationslehre (im Gegensatz zu Luthers Konzept von der freien Entscheidung, dem Bekenntnis als zentraler Bedingung für die Erlösung). Ausgeprägt in der Vorstellung, die ohne ihr Zutun durch den Herrn Auserwählten seien bereits im diesseitigen Leben erkennbar, z.B. an Erfolg und Reichtum.
Aus subjektiver Sicht eines Pfarrersenkels: Mischformen sind unter dem Einfluss der jeweiligen politischen Wetterlage in formal theologisch nicht gut nachvollziehbarer Weise entstanden. Die mir relativ am besten bekannte ist die unter dem Einfluss von Melanchthon entwickelte Ev. Landeskirche in Württemberg, die formal theologisch aus dem Calvinismus abgeleitet ist, aber etwa betreffend ihr Verhältnis zur Obrigkeit viel stärker lutheranische Züge trägt und u.a. wegen unterschiedlicher Konfessionen im Haus Württemberg heftige Sträuße mit dem Katholizismus ausgefochten hat, aber heute diesem im Vergleich zu kleineren reformierten Kirchen durchaus nahe steht.
Soweit ein paar Krümelchen, mit denen ich an Berufenere übergeben darf.
Schöne Grüße
MM