Hallo Andreas,
jetzt bringst Du mich schon an den Rand des Terrains, das ein theologisch interessierter Laie guten Gewissens beackern kann.
Ohne alle Deine Argumente abzulehnen, glaube ich doch, die
Nähe zur katholischen Kirche ist größer - wie man schon am
Begriff Kirche selbst sieht.
Ich verstehe, was Du meinst, aber gebe zu bedenken: Trotz unterschiedlicher Ausprägungen und Auffassungen vom Wesen der Kirche ist der dritte Glaubensartikel so gut evangelisch wie katholisch - leider, möchte man sagen, weil das Wörtlein „eine“ dabei die Quelle von viel Unversöhnlichkeit ist.
Meines Wissens ist die Kirche nach orthodoxer Auffassung weder Lehrende noch Mittlerin des Glaubens, sondern lediglich Organisatorin von Gottesdienst und (dem orthodox sehr wichtigen) Gebet. Hat auch keine kirchenrechtlich legislative oder judikative Funktion. Wäre insofern sogar noch „liberaler“ als das ev-lutherische Zwischending zwischen Una Sancta und bloße Organisation der Gläubigen, ginge dann eher in Richtung der ev. Freikirchen.
Durch den Tod zur Vergebung der Sünden ist das
Erlösungswerk ein für allemal vollbracht und es bedarf keines
individuellen Einflusses des einzelnen Erlösungskandidaten
mehr.
Ist dieses „Problem“ durch die Erklärung zur
Rechtfertigunsglehre gelöst?
Betreffend ev/rk Auffassungen meine ich schon. Ob es ohne die Luthersche Pointierung je eines war, kann ich nicht beurteilen. Soviel ich weiß, war zu Zeiten des morgenländischen Schismas eine bedeutende Frage die orthodoxe Auffassung vom Erlöser als eine quasi selbständige Gottheit mit Elementen von Mithras, die römischerseits als ketzerische Infragestellung der Dreieinigkeit angesehen wurde.
D’accord. Aber das Bischofsamt an sich und die apostolische
Sukzession sind doch klar den Katholiken-Orthodoxen gemeinsam.
Hier stock ich schon. Ich glaube, dazu müssten wir einen Orthodoxen befragen: Ob das orthodoxe Bischofsamt eine über organisatorisches hinausgehende Funktion hat. Soviel ich weiß, wurde anlässlich des Schismas auch über die Bedeutung des Hl. Geistes gestritten, auch dieser würde aus römischer Sicht durch die Orthodoxie zu sehr als eigenständige Gottheit aufgewertet: Seine „automatische“ verlässliche Anwesenheit bei Gottesdienst & Gebet würde in Konsequenz einen Stellvertreter in menschlicher Gestalt überflüssig machen.
Z e n t r a l scheint die Rolle Mariens auch in RK-Kirche nur
für äußerlich. Auch hier geht es natürlich natürlich
hauptsächlich um Gott, Erlösung, Frohe Botschaft etc.
Es wurden daraus halt vor allem im 19. Jahrhundert von allen beteiligten Seiten Kampfparolen geschmiedet. Heute ist die Frage der Immaculata wohl wieder eher dort, wo sie hingehört. Dennoch scheint es mir bedeutend, ob die Erbsünde als eine körperliche Eigenschaft der Menschen aufgefasst wird - an der man als „Erbsünde-Positiver“ nichts machen kann: Die orthodox postulierte Theosis = Gottwerdung des Menschen ist dadurch ausgeschlossen.
Abgesehen davon, dass der Zölibat nicht dogmatisch ist
(sondern eine pragmatische Entscheidung, die geändert werden
kann), kann das Sakrament der Taufe von jedem Menschen
gespendet werden. In 99% ist es allerdings der Priester, das
stimmt.
Insofern ist grade die Taufe kein gutes Beispiel. Und so ein Prämonstratenserpater „in Fahrt“ verkörpert auch nicht unbedingt die Weltabgewandtheit schlechthin, während der Pastor, der mit Karfreitagsmiene seine sechs Kinder schlecht und recht großzieht, nur um die rk Konkurrenz zu ärgern, kein Sinnbild der Sinnenfreude ist. Aus diesem Punkt also wohl nichts abzuleiten.
Da hats auch Subjektives dran: Die Erinnerung an den strahlenden griechischen Mönch, der mit einem riesigen Pappkoffer voll gebettelter Kohlköpfe Richtung Kloster trampt. Der kam mir vor, als sei der ursprünglich evangelische Konvent Taizé eigenlich gar nichts Neues, sondern nur die Übernahme eines schon lange bestehenden Konzeptes.
Übrigens ist die Sakramentenlehre wieder eine Gemeinsamkeit
der Ostkirchen und der Katholiken.
Hier bin ich mit meinem Griechisch am Ende: Gibt es in der Orthodoxie alle rk Sakramente, oder bloß die ev, oder irgendwas dazwischen?
Aber als theologisches
Argument würde ich es nicht verwenden, zumal die Nähe
vielleicht eher aus einem gemeinsamen antirömischen Zug
entspringt.
Das kann gut sein: Allianz der „Nicht-Papisten“.
Wenn mir auch die Funktion nicht nur des Papstes, sondern auch der Kirche als Institution und Organismus dezidiert römisch-katholisch und nicht gut mit der orthodoxen Auffassung vergleichbar vorkommt: Betreffend die Bedeutung der dritten Säule des Glaubens, der Tradition, ist die Orthodoxie sicherlich eine sehr nahe Schwester der Catholica. Eine rumänische Freundin hat mir Dinge u.a. über die angemessene Verwendung von Basilikum und über Verrichtungen zum Totengedenken in den ersten sechs Wochen erzählt, die mir erstmal gänzlich fremd vorkamen und die einem wackeren Pastoren wohl das kalte Grausen verursachen würden. Interessant dabei die Begründung: Die Anweisungen dazu seien mündlich überlieferte, nicht in den Testamenten dokumentierte Jesusworte.
Ich fände es interessant, wenn ein orthodox erzogener Mitstreiter seine Meinung zu der Frage äußern würde.
Schöne Grüße
MM