Hallo,
ich fürchte zwar unerquickliche Diksussionen, will aber doch antworten
und dann bin ich ja nunmal auch nicht so involviert in die
biblische Geschichte.
Aber ist es nicht so, dass die christliche Kirche einen
immerwährenden Hass auf das Judentum hatte?
Biblische Geschichte… was meinst Du damit? Geht es dabei um den historischen Zeitraum, in dem die Bibel entstanden ist? Jedenfalls ist die Kirche ein späteres Produkt, man kann trefflich darüber streiten, seit wann es eine verfaßte Kirche gibt, aber mit dem dritten Jahrhundert liegt man als Zeitangbae immer ganz gut (die drei „altkatholischen“ Regeln). Das NT ist oft als antisemitsch oder judenfeindlich bezeichnet worden. Antisemitisch ist dabei ein extrem dummer Anachronismus, denn es geht nicht um „Rassen“ (und auch nicht um Massenmord), sondern um Religionsverständnisse. Man kann sicherlich einige Stellen im NT als Judenfeindlich bezeichnen, insbesondere bei Joh. Es gilt aber, den historischen Kontext zu beachten: Im NT haben wir ein Zeugnis, wier eine Gruppe sich ablöst von einer - zu diesem Zeitpunkt - größeren Gruppe. Diese größere Gruppe hat teilweise die Christusanhänger aus ihren eigenen Reihen ausgeschlossen, was die gar nicht wollten. Wenn man also judenfeindliche Äußerungen liest, dann ist das erst mal - im historischen Kontext, die Reaktion einer Splittergruppe darauf, daß man sich nicht sonderlich nett behandelt fühlte. Wenn Du Dir mal die Mühe machst, die Paulusbriefe zu lesen, siehst Du einmal, wie er sich abgrenzt vom Judentum, ein anderes Mal aber betont er, daß das Heil zuerst den Juden, dann erst dem Rest der Welt gilt.
Schlimm ist natürlich die Wirkungsgeschichte dieser Konstellation.
Für die Entwicklung in der Frühzeit der Alten Kirche ist wichtig zu wissen, daß in der Antike der Grundsatz galt, um so älter etwas sei, desto wahrer ist es auch. Es gibt herrliche Erörterungen darüber, daß Mose älter ist als Platon und ellenlange Beweisführungen darüber, daß Platon alles nur von Mose gelernt haben kann. Das Problem der Christen war, daß man sie als „neu“ ansah oder aber als abgefallene Juden, als solche, die ihren „Volksnomos“ (mal kurz: Grundüberzeugung, daß jedes Volk seinen angestammten Göttern zu diesen hat, was in der Gesamtheit zum Erhalt des Kosmos, des RR etc. führt) nicht einhalten. „Neu“ wollte man nun nicht sein, denn dies wäre absolut indiskutabel gewesen, also hat man sich argumentativ in eine Traditionslinie mit dem Judentum gestellt, jedoch natürlich so, daß man selber sozusagen das „eigentliche Volk Gottes“ sei. Genau dasselbe hat man mit der hellenistischen Tradition gemacht. Während letzteres eher eine intellektuelle Auseinandersetzung war, ging die Auseinandersetzung mit den Juden tiefer, denn diese lehnten das Christentum ja religiös ab, weil sie eben nicht an Jesus als Messias glaubten.
Wenn man die Entwicklung bis hierher betrachtet, kann man noch nicht von einer ausgeprägten Feindlichkeit des Christentums sprechen, die ihm sozusagen genetisch anhaftet. All dies sind Argumentationsweisen, die sich völlig im Rahmen befinden, so auch bei jüdischen oder paganen Autoren zu finden sind.
Problematisch wird es erst nach der sogenannten konstantinischen Wende und der Reichskirche seit Theodosius. Die (antike) Überzeugung, daß die richtige Verehrung der Götter das Wohl des Staates fördert, schließlich verquickt mit den Christen und Juden gemeinsamen Absolutheitsanspruch sowie dem christlichen Missionsgedanken (der wiederum differenziert zu betrachten wäre), führt zu einer INtoleranz, bei der ich den Moment ansetzen würde, wo die religiös/intellektuelle (auch heftige) Auseinandersetzung und Abgrenzung zu einer Haltung führt, die ganz sicherlich ihre direkten Auswirkungen im Antijudaismus und moderneren Antisemitismus hat. Darin haben die christlichen Kirchen eine (meines Wissens) allen gemeinsame schreckliche Tradition. Den Begriff „immerwährend“ würde ich auch ablehnen, zum einen, weil das wirklich bedeuten würde, zum Christsein gehört auf alle Ewigkeit die Ablehnung des Judentums, zum anderen weil es wohl auch falsch wäre, allen Christen zu allen Zeiten der Vergangenheit eine derartige Haltung zu unterstellen.
Interessant ist wohl, daß mit der historisch-kritischen Exegese (Ende 19 Jh.) man auch theologisch auf die Idee gekommen ist, daß eine antijüdische Haltung den eigenen Grundüberzeugungen absolut widerspricht. Eine wissenschaftlich, historisch-kritische Exegese des NT gibt das nun mal nicht her, Juden als Christusmörder oder sonst irgendwelche Verbrecher hinzustellen, eher denn das Gegenteil. Es ist traurig zu sehen, wieviele, sicherlich begabte Exegeten, dann ab den 30er Jahren alle wissenschaftlichen Verfahren fallen lassen, um doch irgendwie zu beweisen, daß Juden an allem schuld sind.
Zum Schluß noch dies: Mehrere Gliedkirchen der EKD sind momentan dabei, zu diskutieren, in ihre theologischen Verfassungen die Heilzusagen Gottes an die Juden als zusätzliche Bekenntnisgrundlage einzuschreiben.
Was immer man davon halten mag, sie schreiben damit etwas in ihre Präambeln, was schon Paulus, der wohl als Gründer des Christentums zu gelten hat, gewußt hat und dessen SChriften allen Christen heilig sind…
Mh, hoffe, das war jetzt nicht zu lang,
Grüße,
Taju