Glockengeläut

Drei Töne sind’s. Aber nur aus der HiFi-Anlage. Um diese Zeit läutet draußen nichts mehr. Stille Nacht, Heilige Nacht. Jede Nacht. Der Sommer war heiß, und so heiß er war, so schnell ging er auch wieder vorbei. Jetzt wird es wieder früh dunkel, und man kommt in die Stimmung, Kerzen anzumachen. Zieht sich zurück. Ich mag die Menschen nicht - zur Zeit. Viel zuviel Schein, viel zu wenig Sein.Ganz schlimm sind die, die dann von ihrem Sommerurlaub erzählen, und ihren Aufrissen auf Malle oder sonstwo. Kotz…

Vielleicht bringt das dunkle Halbjahr sie ja ein wenig zur Besinnung, oder vielmehr zur Besinnlichkeit. Ich bin schon da, in meinem weißen Raum - weiße Wände, weiße Möbel, weiße Kerzen. Nur der Wein ist rot. Sogar meine Kleidung ist weiß. Und doch fühl ich mich nicht „weiß“, in mir drin - eher… dunkelorangerot oder so. Die Müdigkeit eines anstrengenden Jahres steckt mir wohl ein wenig in den Gliedern. Bin über viele weite Wiesen und grüne Hügel gelaufen. Es ist nicht so, daß ich nie rausgehe, aber selbst in der größten Menschenmenge scheint’s mir, als sei ich allein. Und das Schlimmste ist, das stört mich noch nicht einmal. Ein wenig Rückzug von der Welt. Die können mich alle mal, die Anderen, wer auch immer das ist. Mir doch egal. Reduktion auf’s Wesentliche, Ballast abwerfen. „Ergebnisorientiert“ nennt man das wohl. Die Menschen werden fremd und fremder, und zugleich banaler.

Come home, come home… Irgendwann. Nach Norden, soweit es geht. Bis zum Rand der Welt, um über ihn hinaus zu schauen, einen kurzen Blick zurück zu werfen und davon zu fliegen. Die eine oder andere Begleiterin wird mich da wohl erwarten, wenn es soweit ist. Bis dahin muß jede mit sich selbst klarkommen. Bis zu dem Tag, an dem man nichts mehr tut, weil nichts mehr ist. Nur noch Leere, reines Sein, Neuordnung, neues Spiel, neues Glück. Andere Regeln als jetzt, andere Anforderungen an einen selbst und eine neue Reihenfolge, in der der Geringste - wer weiß das schon? - zum Mächtigen werden kann - nein, nicht ganz. Wo nichts ist, ist auch keine Macht. Da, wo selbst der Geringste IST. Wo er einfach nur dasitzt, strahlt und strömt, wo das „Oben“ der Götter mit dem „Unten“ der niederen Kreaturen verschmilzt und das große Fest der Vereinigung in aller Stille geschehen kann. Der Moment, in dem die Demütigen ihre Demut ablegen und die Hochmütigen den Hochmut, weil Mut nichts mehr wert ist, weil nur noch Emotionslosigkeit herrscht, Gleichschaltung, Hinnehmen des Unvermeidlichen und Unbestreitbaren, der einen Erkenntnis, daß der Mensch sich im Kreis dreht, was man jetzt, wo man sich selbst außerhalb dieses Karussels begeben hat, erst realisiert. Dort macht sich Zeitlosigkeit breit…

Ich wünsche Euch einen ruhigen Schlaf…

D.

Mehr Möglichkeiten sind da nicht drin.

Diese momentane Krise der inneren Zustände der Menschen, in der keine bewußte Zielverfolgung erwacht, wie z.B. solch eine, die Begriffe von der Welt und von sich selbst zu erweitern, verschärft sich immer mehr. Oder die Schere derer, die ein Interesse entwickeln und jener, die immer mehr in eine Schläfrigkeit verfallen, klafft mehr und forscher auseinander. Oder scheint es nur so zu sein?

Menschen wie Du und ich, die dazu bereit sind, das Wissen um die Sinnsuche im Leben zu erforschen, und zu suchen in den tiefsten Sphären am hintersten Horizont ihrer selbst beschränkten Seele, sind rar. Raritäten. Menschen, die die wahre und erbarmungslose Auseinandersetzung mit sich selbst nicht scheuen, die einer Selbstmeisterung mit diesen Themen, dem Ich-bin und den „Warumfragen“ aus dem Wege gehen, dagegen viele an der Zahl. Der Weg der Erkenntnis ist der härteste. Hast Du einmal den Fuß auf diesem Weg, willst Du nicht mehr zurück. Du hast Blut geleckt und fragst Dich, in mageren Zeiten, wenn Du Seelenkomplizen brauchst, warum da nicht mehr Vampire sind, die das bereits aufgesogene Leben aus sich heraus saugen wollen. Die sich selbst aussaugen um sich leer zu machen, für das Wesentliche. Die den nicht Kampf scheuen, der nicht mit wirklicher Gewissheit das Ziel des Sieges beinhaltet. Ungewissheit. Aber immerhin das Wissen um die Entwicklung birgt, die solche Erkenntisse mit sich bringt, daß in guten Momenten der seelische Reichtum unerschöpflich ist.

Wieder alleinsein. Auch damit. Wozu das ganze? Oder doch lieber so, wie die anderen…

Ach, wie gerne wäre ich im Club der Millionäre
doch da kommt man nicht so ohne weit’res rein
da muß man schon Erfinder oder Schwerverbrecher sein.
Ach, wie gerne wäre ich im Club der Millionäre
oder Erbschleicher vielleicht oder’n Lottogewinn,
mehr Möglichkeiten sind da nicht drin.

Und immer wieder ein klares „nein“! Dann lieber dieses unerhört intensive Seelenleben, welches einen mit einmaligen Einsichten reich beschenkt. Sind diese Weisheiten denn zu abstrakt? Kann ich mir davon Brot und Wein kaufen? Und nochmal, leider: auch hier ein „nein“…

Was will ich…? Den Pfad weiterverfolgen?.. meine Schuhe sind so schwer… Oder ist es der Rucksack, den ich mir (warum nur…?) von Woche zu Woche, ja manchmal täglich voller packe und den ich trage, wie ein angeborenes Körperteil, dessen ich mich nicht entledigen kann? …will? Ballast, nun? Oder doch Notwendigkeiten, die ich brauche, um meine selbständig erworbenen Erkenntnisse und hart erarbeiteten Erklärungen für das Leben, das ich, nein: das wir zu leben haben, zu meistern. Ist der Rucksack auch nur eine Krücke? Die vielleicht eine bessere Reputation hat als die Krücken anderer (ich denke da an den Porsche (Ratenzahlung) meines Nachbarn oder den Urlaub auf Malle…) ?

Mache ich mir auch nur etwas vor? Bin ich doch so, wie alle anderen? Aber ich lebe ja auch schließlich Tür an Tür mit ihnen. Wie soll ich mich da ganz dem Einfluß erwehren? Ist das überhaupt möglich? Wer tut das eigentlich bewußt? Will ich das eigentlich? Ach Gott… das sind doch gar nicht die Fragen. Ich will einfach unter ihnen sein und meinen Weg gehen und beides miteinander vereinbaren können. Einfach. Ist es eben nicht . Und…ja… wo? Wo sind die, die das auch so wollen. Wo finde ich diese Menschen…? Diese Über-Den-Tellerrand-Rüber-Gucker. Die Mitstreiter. Diese Menschen, die eine Über-Den-Horizont-Hinaus Sehnsucht haben und nicht nur diese… (aber es wäre schon mal ein Anfang). Nein, solche, die bereit sind, dieser Sehnsucht auch zu folgen. Eben… den Weg zu gehen. Den einen Weg.

Hinterm Horizont geht’s weiter
ein neuer Tag,
Hinterm Horizont immer weiter
zusammen sind wir stark!

Ja, das lernen wir: In einer Gemeinschaft sind wir stärker. Und wieso haben wir das Gefühl, daß es gar nicht mehr um Gemeinschaft geht? Dieses Gefühl, die Gemeinschaft behindert uns eigentlich nur noch darin, weiter zu kommen? Wieso wollen wir sie abschütteln, wenn wir uns auf der anderen Seite nach ihr sehnen? Sex, Party, Urlaub, Wohnen, ja, das alles wollen wir nicht alleine (naja, und können es teilweise gar nicht) mit uns selber teilen. Das ist es. Wir können nicht etwas mit uns teilen. Wir wollen mit anderen teilen. Uns mitteilen. Mindestens. Und haben auch die Sehnsucht nach der Verschmelzung. Ja, manchmal auch Sehnsucht nach Hingabe bis zur Selbstaufgabe nur, um einmal wieder zu erleben, wie es ist, wenn sich nicht alles um einen selber dreht. Der Ausgleich. Auch eine Sehnsucht.

Der Schein. Wie kann man sich reich fühlen, mit dem eigenen Sein, wenn andere lieber dem Schein fröhnen und dem Sein abschwören? Wenn die anderen das Sein nicht anerkennen wollen, ja, wenn sie es noch nicht einmal ahnen, worum es geht, wenn also auch niemand den Reichtum in mir sehen kann und will… bin ich dann immer noch reich? Bin ich nicht nur reich, wenn die anderen meinen Reichtum sehen können? Ich armer Mensch, daß ich so denken muß. Also wirklich. Anstatt daß ich die Güte habe (steht das auch für Reichtum?) und mit mir zufrieden bin, wurmt es mich eher, wenn andere mich nicht erkennen wollen. Anerkennen wollen mit dem, was ich bin und habe. Haben.

„Haben“- habe ich ja hier nur das Sein. Ich habe mein Sein. Hört sich das aber genügsam an. Bin ich mir genug? Ach, immer dieses Streben und alles mitnehmen und bloß nichts loslassen. Warum laß ich nicht einfach den Rucksack liegen? Warum tu ich mir das eigentlich an? Das, was dort drin ist, ist doch immer da, ich brauche es nur zu greifen und … hallo!!! Wie soll ich es denn greifen, wenn ich nicht weiß, wo es ist, wenn es nicht im Rucksack, fein einsortiert zu finden ist? Kann ich mich wirklich darauf verlassen, daß das, was ich brauche, an Ort und Stelle auffindbar ist, wenn ich es nicht immer mit mir trage. Zur Sicherheit? Welche Sicherheit habe ich, das wiederzufinden, was ich mir erarbeitet habe, wenn ich es nicht ständig als Päckle bei mir trage?

Keine. Und das… gehört das nicht auch zu dem Weg, den ich eingeschlagen bin? Eine Zielverfolgung ohne Gewissheit, was das Ziel mit sich bringt? Eine Erkenntnis. Ich bin auch nicht besser als die anderen. Auch ich brauche meine Sicherheiten. Nur liegen die Prioritäten woanders. Nein, das kann ich nicht annehmen. Das will ich nicht wahrhaben. Ich - auch nicht besser oder schlechter als die anderen? Ich gehöre immer noch dazu? Soll ich mich jetzt freuen oder es reuen? Ja, ich muss erstmal mit mir selber klarkommen. Aber dann, da, hinter dem Horizont, wartet dann auch die eine oder andere Begleitung. Du hast Recht. Meine Demut muß sich genauso wie der Hochmut auf den Mut reduzieren. Das andere, der reien Mut bleibt schon im rechten Ausmaß vorhanden, wird greifbar sein. Aber der Mut selber darf nicht verkommen. Es ist das gesunde Maß, die intelligente Graustufe zwischem dem schwarz-weiß, von Demut und Hochmut. Es ist ein Mittel, aber keine Mittelmäßigkeit. Und in dieser Ruhe, ja, da kann sich Zeitlosigkeit breit machen. Stille. Und da ist dann auch Platz zum Sein. Bleib dran, Du Menschenfreund!

Ich sende Dir gute und liebevolle Gedanken. Denke ich doch jeden Tag an Dich.

(Lyrics by U.Lindenberg)