Hallo Experten,
der 20.-Juli-Attentäter Goerdeler hat einige Schriften verfaßt, als er nach seiner Verurteilung im Gefängnis der Gestapo saß.
Ein Teil der Texte ist voriges Jahr veröffentlicht worden, die Tochter Goerdelers hält nicht alles davon für authentisch; und die FAZ zitiert ihn in ihrer heutigen Ausgabe u.a. mit folgendem Satz:
„Ich habe den Europa rettenden, England und USA befriedigenden Friedensplan fertig. Ich weiß, daß die Nazis, die unter meinem im Gefängnis ausgeübten Einfluß das Kriegsziel bereits begrenzt haben, mitmachen würden, die notwendigen inneren Reformen folgen automatisch, wenn meine Freunde und ich am Leben bleiben.“
Frage:
Kann das Wort „Nazis“ in dem sachlichen und zeitlichen Zusammenhang authentisch sein, und was bedeutet es in diesem Fall?
Mit herzlichem Gruß,
Wolfgang Berger
Hallo Michael,
so einfach ist das keineswegs, „Nazi“ hat etliche unterschiedliche Bedeutungen und Konnotationen, ein in der Hitlerzeit gebräuchlicher „Nazi“ war z.B. jemand, der erst spät der nationalen Bewegung beigetreten ist. Den können wir bei Goerdeler wohl ausschließen, aber den muß zuerst einmal vergessen haben, wer „Nazi“ in anderer Bedeutung verwenden möchte.
die Analogiebildung „Nazi“ und „Sozi“, wobei beides eine kaum abwertende Bezeichnung ist, kenne ich aus der Vergangenheit; wir linken Spinner haben das damals eine Extremismustheorie genannt und ihr den heute allgemeingültigen Begriff des Nazi als ernste Bezeichnung für jemanden, der national denkt und deswegen ein Unmensch ist, entgegengesetzt.
Problematisch an diesem Sprachgebrauch bei Goerdeler ist, daß ersterer „Nazi“ jedenfalls ein schnoddriger Ausdruck ist, der in dem Kontext eines Weltfriedensplanes unpassend erscheint.
Wenn nun „Nazi“ als politisch inkorrekt verfolgt wurde (was Du durch
(Mir direkt bekannt von damaligen „Graffitis“ und damaligen
Flüsterwitzen) andeutest), dann erstaunt zusätzlich noch die offenbar große Toleranz der Gestapo, in deren Gewahrsam Goerdeler schrieb.
Ohne das jetzt näher untersucht zu haben, wage ich mal die Vermutung, daß der „Nazi“ der Exilpresse mit dem „Nazi“ der Feindmedien zusammenhängt, der das zu Hitler stehende deutsche Volk und seine Verbündeten bedeutete, und z.B. bei „nazi troops“ ohne Anspielung auf deren jeweilige politische Einstellung blieb. Dieser „Nazi“ ist zwar nicht mehr schnoddrig, aber er ist ein entschieden deutschfeindlicher Kampfbegriff, der wiederum im gegebenen Kontext sowohl inhaltlich als auch stilistisch als Fremdkörper erscheint.
Mit herzlichem Gruß,
Wolfgang Berger