Neuer Tag, neues Glück,
probieren wir es mal:
a) der brutale Einbruch westlicher Lebensweise wird im Film
sehr deutlich u.a. mit dem riesigen Wandwerbeplakat am Haus
gegenüber dargestellt oder mit dem plötzlichen Verschwinden
bisheriger DDR-Produkte (Stichwort Spreewaldsgurken)
Was ist an einem Plakat, mag es auch riesig sein, brutal? Erst recht wenn es wahrscheinlich nur ein anderes, ebenso riesiges, der Parteipropaganda ersetzte?
Ein Plakat in einem Land als „brutal“ zu bezeichnen, in dem (zum Zeitpunkt des Films) bis vor wenigen Tagen noch gefoltert und gemordet wurde, das finde ich unanständig und geschmacklos.
b) von „die DDR war toll“ ist nie die Rede gewesen, weder in
meinem Beitrag noch im Film. Woher ziehst du diese Erkenntnis?
Aus der Aussage „Behaglichkeit der DDR-Welt“. Behaglich = positiv = toll. Aber vielleicht war das nicht ganz so von Dir gemeint.
c) habe ich in meinem Beitrag den Konjunktiv benutzt:
„symbolisch gesehen werden _könnte_“. Konjunktiv wird im
Deutschen u.a. bei Mutmaßungen benutzt.
Dann sollte man sich von dieser Darstellung aber auch im Text distanzieren, und sich nicht hinterher hinter grammatikalischen Ausreden verstecken.
d) eine gewisse Form der „Behaglichkeit“ hat es durchaus in
der DDR gegeben, allerdings hat der Begriff „Behaglichkeit“
eine andere Bedeutung als bei uns im Westen (nur zur Info: ich
bin im Westen geboren, aufgewachsen und lebe noch immer in den
alten Bundesländern, habe aber auch von 1989 reichlich
Kontakte zu DDR-Bürgern gehabt). So war Improvisation und
Nachbarschaftshilfe gezwungenermaßen stärker ausgeprägt als im
Westen - hier konnte man ja alles kaufen.
Sorry, das ist Unsinn. Ich lebe in einem Mehrparteienhaus und habe trotzdem(was ja angeblich unmöglich sein soll) gute Kontakte zu meinen Nachbarn. Gegenseitige Hilfe ist eine Frage des persönlichen sozialen Umfeldes, welches wiederum vom persönlichen sozialen Verhalten geprägt wird, nicht von irgendwelchen abstrakten Staatsformen.
e) die genannte „Behaglichkeit“ (eigentliche müsste es heißen:
das Zurückziehen in eigene Nischen) wird heute vor allem in
den ehemaligen Urlaubsgebieten der DDR vermisst. Es geht dabei
nicht um eine Rückkehr zum Planwirtschaftsurlaub. Vielmehr hat
sich z.B. auf Rügen die Stimmung am Strand gegenüber der Zeit
vor 1989 grundlegend gewandelt (viele behaupten zum Negativen)
Und eben diese „vielen“ können, von mir aus, die DDR gerne wieder errichten. Und wenn Du, als „Wessi“, Dich, zwecks hohem „Behaglichkeitgehalt“ gerne dazugesellen möchtest, dann habe ich nichts dagegen.
f) haben in der Realität als erste direkt nach der
Maueröffnung Versicherungsvertreter und Gebrauchtwagenhändler
die Situation ausgenutzt. Von daher kann man durchaus von
einer brutal hereinbrechenden West-Kultur reden
Man muss sich doch fragen, wer diese Leute hereingelassen hat. Mitnichten war es so, dass die BRD die DDR annektiert hat, dann könnte man von einem „brutalen Hereinbrechen“ sprechen. Aber die DDR hat geradezu darauf gedrängt sich der BRD anzuschließen.
Die Argumentation kommt mir ungefähr so vor, wie die von einem Teenager, der seine halbe Schule zur Geburtstagsparty einlädt und sich nachher beklagt, dass alles total chaotisch aussieht.
Offenbar ist nach 15 Jahren im Kopf noch immer nicht
zusammengewachsen, was sich zusammenwachsen wünscht.
Mir ist nicht so ganz klar, wer sich das noch wünscht. Ich kenne eine handvoll Leute, alle weit über 50, auf die das zutrifft. Mir ist auch nicht ganz klar, wieso ein 1871 zusammengezwungenes Kunstgebilde überhaupt zusammenbleiben muss.
Grüße,
Anwar