Gott und Teufel

Hallo, ich habe zufällig gehört, dass der Teufel von Gott erschaffen wurde. Weiß jemand Näheres? Und was haltet ihr von folgendem Spruch? „Wer an Gott nicht glaubt, muss sich vor dem Teufel nicht fürchten.“
Danke für die Diskussion!
Franz

Hallo Franz Josef,

Zitat

Das Zitat scheint verwandt mit jenem aus Umberto Eco’s Buch „Der Name der Rose“, in dem der blinde Bibliothekar Jorge von Burgos ein verloren geglaubtes klassisches Werk des Aristoteles über die Komödie vergiftet. Sein Motiv: Lachen töte die Furcht, ohne die es keinen Glauben geben könne. Wer den Teufel nicht mehr fürchte, brauche keinen Gott mehr: dann könne man auch über Gott lachen.

Der Satan

Zum Teufel selbst, einige Eckpunkte ohne Anspruch auf Vollständigkeit, an denen man sich - wie ich meine - aus frühchristlicher Sicht orientieren kann:

Lt. Jeffrey Burton Russell (siehe auch unten), kommt das Wort „Teufel“ indirekt vom hebräischen Satan, „einer der verhindert“. (Das kann ich nur als gelesen wiedergeben).

Nun aber zum Satan…

Geistermächte im frühen Christentum

Im frühen Christentum ist nicht das Problem wichtig, ob Gott, Engel, Satan überhaupt existieren oder nicht, es wird vorausgesetzt, dass es diese Größen gibt. Wichtig ist es, den „Richtigen“ anzurufen, den der sich offenbart hat.

Grundsätzlich besteht Rivalität und spiegelbildliche Entsprechung zwischen Jesus Christus und dem Gegenspieler oder den Widersachern. Die letzte Zeit vor dem Ende wird dramatisch gestaltet durch den Konflikt der Gerechten und Auserwählten mit einem Feind oder mit einer oder mehreren Gestalten, die sie in die Irre führen.

Vorstellungen von Geistermächten finden sich auch in verschiedenen Texten: Dämonen wirken auf der Erde, deren Anführer Satan, aus dem Himmel verbannt wurde (Lk 10,18; Apk 12,13), Exorzismen (Mk 3,22), der Tod wird als Geistermacht gesehen: Jesus besiegt den, der die Macht des Todes hat, den Teufel (Hebr 2,14) bzw. erfolgt nach Kor 15,26 die Übewindung des Todes im Rahmen des Sieges über die „Feinde“, die in Ps 110,1 genannt sind, jene die Gott zu Füßen des neben ihm Sitzenden legen will. Auch jüdische Textbelege für Mächte, Gewalten, Herrschaften, Throne gibt es.

Klaus Berger, den ich hier zu Rate zog (Theologiegeschichte des Urchristentums), zieht als Fazit, dass sich die Tradition der Unterwerfung der Geistermächte unter den Erhöhten ([Anm. von mir] Jesus Christus) wahrscheinlich aus der Psalmenlektüre des Frühjudentums in christlicher Sicht entwickelte. Er schließt also auch häretische Ursprünge, wie z. B. die verschiedenen Ausprägungen der christlichen Gnosis, aus.

Kirchenväter

All das wird natürlich auch Thema für Kirchenväter und es entwickelt sich nach und nach eine „klassische christliche Sicht“ beim hl. Augustinus von Hippo (354 - 430) (Aus Jeffrey Burton Russell - Biographie des Teufels: Das radikal Böse und die Macht des Guten in der Welt)

_Die ersten Wesen, die Gott schuf, waren die Engel, außerordentlich mächtige und intelligente Geschöpfe, denen Gott freien Willen verlieh. Gleich nach ihrer Erschaffung benutzten die Engel ihren freien Willen um eine moralische Wahl zu treffen. Die meisten beschlossen, Gott zu lieben; einige, angeführt von Satan, beschlossen, ihren eigenen Willen and die Stelle von Gottes Willen zu setzen. Diese sündigen Engel wurden aus dem Himmel verstoßen. Dann schuf Gott die materielle Welt, einschließlich der Menschen, denen er ebenfalls die Gabe des freien Willens schenkte. Satan, der Adam und Eva um ihr Glück beneidete, ging hin und führte sie in Versuchung. Die ersten Menschen wurden von Satan keineswegs zur Sünde gezwungen, vielmehr setzten sie ihren freien Willen ein, indem sie dessen Versuchung nachgaben. Ihre Sünde entfremdete die Menschheit von Gott und ließ uns unter der Herrschaft des Teufels zurück.

Von dem Augenblick der Erbsünde an bis zur Menschwerdung Christi beherrschte Satan die Welt. Die Inkarnation brach seine Macht, stellte die menschliche Freiheit wieder her und öffnete den Weg zur Versöhnung mit Gott. Christus und seine Gemeinde führen nun einen schwierigen, aber letztlich siegreichen Kampf gegen die Macht des Teufels, die schließlich und endgültig beim Wiederkommen Christi zerstört werden wird, wenn alle Dinge wieder in die Harmonie mit Gott zurückgeführt werden._

Soweit mein „erlesenes“ Wissen zum Thema Teufel. :wink:

freundlichen Gruß
fliegerbaer

„Wer an Gott nicht glaubt, muss sich vor dem Teufel nicht fürchten.“

Es verhält sich m.E. genauso wie Rechts zu Links:
Wenn es kein Rechts gibt, dann kann es auch kein Links geben. Wo sollte das Links sein, wenn es kein Rechts gibt?

Links und Rechts gehören einer einzigen eindimensionalen Dimension an. Diese Dimension haben wir den Namen der Richtung gegeben.

Wenn der Teufel das genaue Gegenteil von Gott ist und Gott aber nicht existiert, dann kann es auch keinen Teufel geben.

Falls Gott existiert, existiert auch sein Gegenteil. Der Teufel. Diese beiden Entitäten gehören wiederum auch genau einer Dimension an analog zur Rechts-Links-Logik.

Kein Rechts, Kein Links. Kein Gott, Kein Teufel. Alles ist abhängig voneinander insbesondere polare Gegensätze.

Das sind meine Gedanken dazu.

Hallo,

ich habe zufällig gehört, dass der Teufel von Gott
erschaffen wurde. Weiß jemand Näheres?

FAQ:1518 hast Du schon gelesen?

Gruß
Kreszenz

Hallo,

Gott soll zu gütig sein/wirken, um wirklich böse strafen zu könnnen.
Wenn aber alles gütig ist, kann man den zu Rekrutierenden mit nichts mehr drohen, also braucht eine gütige Religion einen mächtigen, fiesen Bösewicht.
Erinnert an: guter Cop, böser Cop.

Und natürlich wäre es Unfug, nicht an Gott, trotzdem aber an den Teufel zu glauben. Beide sind Teile einer Religion.

Es gibt allerdings auch Religionen, die ohne Bösewicht auskommen oder eher ein Abbild der menschlichen Gesellschaft mit vielen Nuancen sind.

Die christliche Religion ist ja eine rel. neue, schnell per römischem Imperialismus emporgekommene Erscheinung.

Der Chromagnon-Mensch (also unsereins) lebt seit ca. 40.000 Jahren in Europa, vermutlich immer mit irgendwelcher Religion, denn wir haben wohl überwiegend den Bedarf danach.
Wer weiß, ob die einzig richtige Religion, wenn es eine solche denn gibt, nicht längst vergessen ist? Oder noch in ferner Zukunft liegt?

Womöglich sind wir die ungläubigen Barbaren der Zukunft und kommen ergo alle in eine uns noch unbekannte Hölle.
Wahrscheinlicher ist m.E., dass unsere `Seelen´ dort landen, wo die aller Tiere landen - asexuelle Einzeller, Viren und Bakterien ev. ausgenommen, die leben im Prinzip einfach, bzw. als 2 hoch x weiter, solange sie nicht alle sterben.

Gruß, Paran

Hallo.

Die christliche Religion ist ja eine rel. neue, schnell per
römischem Imperialismus emporgekommene Erscheinung.

Damit wäre es einmal an der Zeit anzumerken, dass es einige Religionen neben dem Christentum gibt, welche den Glauben an den einen G’tt teilen, aber eben viele andere Konzepte, Dogmen, … des Christentums nicht teilen. In diesem Sinne gibt es sogar „neuere“ Religionen, wie auch ältere, welche auf den Teufel verzichten und damit die Gefahr des einhergehenden Dualismus.

Gruss,
Eli

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Links und Rechts gehören einer einzigen eindimensionalen
Dimension an. Diese Dimension haben wir den Namen der Richtung
gegeben.

Kein Rechts, Kein Links. Kein Gott, Kein Teufel. Alles ist
abhängig voneinander insbesondere polare Gegensätze.

Ein bischen Vorsicht bei den Analogien. Man könnte sonst überrascht sein, wenn man sich nicht auskennt.

Schau Dir mal das Möbius Band an. Kein Rechts, kein Links, kein Oben, kein Unten, sondern nur eine zusammenhängende Seite und eine zusammenhängende Fläche

Genauso muss man nur ein wenig aus seinem einseitigen Denken heraustreten, um in den Aussagen „Der Teufel ist ein Geschöpf Gottes und hat sich zum Gegenspieler Gottes entwickelt“ kein Problem erkennen zu können.

Gruß
Thomas

Ahriman und Mithra
Hi Fliegerbaer.

Du hängst dich ja ganz schön rein. Dafür - unserem kürzlichen Dissens zum Trotze – ein Sternchen von mir.

Im frühen Christentum ist nicht das Problem wichtig, ob Gott, Engel, Satan überhaupt existieren oder nicht, es wird vorausgesetzt, dass es diese Größen gibt.

Der Vater aller „Teufel“ ist jedenfalls Ahriman, der Finstergott aus dem Zoroastrismus, ursprünglich ein Helfergott des Mithra, der von Zarathustra zum Gegenspieler des „guten“ Ahura Mazda etabliert wurde. Laut zoroastrischer Mythologie sind der gute und der böse Gott Zwillingsbrüder, von denen sich der eine für das Gute und der andere für das Böse entschied. Ahriman befehligt ein Heer aus Dämonen (vom Zoroastrismus degradierte vedische Gottheiten), z.B. Indra, Nanhaitya, Saurva, Akoman und Asmodi (der vom Judentum als Dämon übernommen wird). Auch Asasel, der Wüstendämon, gehört zu Ahrimans Truppe und wird im späteren Judentum die Gestalt von Leviathan und Rahab annehmen, den Dämonen des Chaos.

So haben sich Juden- und Christentum in Sachen Dämonen und Teufel fleißig bei der altiranischen Mythologie bedient, wie natürlich auch in anderen Zusammenhängen. Die christliche Theologie hat den zoroastrischen Gathas nämlich eine Menge zu verdanken. Ohne Übertreibung kann man sogar sagen: Alle Grundkonzepte des Christentums, wie z.B. der endzeitliche Kampf einer Erlöserfigur gegen den „Satan“, die Auferstehung der Toten und das Jüngste Gericht, stammen aus den Gathas.

Grundsätzlich besteht Rivalität und spiegelbildliche Entsprechung zwischen Jesus Christus und dem Gegenspieler oder den Widersachern. Die letzte Zeit vor dem Ende wird dramatisch gestaltet durch den Konflikt der Gerechten und Auserwählten mit einem Feind oder mit einer oder mehreren Gestalten, die sie in die Irre führen.

Die Versuchungsstory hat eine merkwürdige Logik. Erstens scheint es der „Heilige Geist“ zu sein, der Jesus in Versuchung führt, da er es ist, der ihn in die Wüste schickt. Dahinter wiederum scheint „Gott“ als Auftraggeber des HG zu stecken. Satan wirkt hier wie ein subalternes Organ dieser kleinen Konspiration, die an die Versuchung des Hiob erinnert.
Das ist insofern merkwürdig, weil „Gott“ an der Loyalität seines „Sohnes“ zu zweifeln scheint.
Die moderne Exegese – z.B. Bultmann – leugnet die Authentizität der Geschichte. Der Dialog zwischen Jesus und Satan, so Bultmann, sei nur ein Reflex rabbinischer Diskussionen. Die Auseinandersetzung zwischen Jesus und Satan könne auch auf einen alten mesopotamischen Mythos, den Kampf zwischen Marduk und dem Chaosdrachen, zurückgehen.

Klaus Berger, den ich hier zu Rate zog (Theologiegeschichte des Urchristentums), zieht als Fazit, dass sich die Tradition der Unterwerfung der Geistermächte unter den Erhöhten ([Anm. von mir] Jesus Christus) wahrscheinlich aus der Psalmenlektüre des Frühjudentums in christlicher Sicht entwickelte. Er schließt also auch häretische Ursprünge, wie z. B. die verschiedenen Ausprägungen der christlichen Gnosis, aus.

Diese „Tradition“ hat aber eine außerchristliche Quelle noch vor dem Judentum. Im Mithraismus werden die Dämonen durch Mithra unterwofen, welcher einige auffallende Parallelen zur Jesus-Figur hat, z.B. die Mittlerschaft zwischen Himmel und Erde, die Gottmenschlichkeit und die Erlöserfunktion. Die Römer feierten seinen Geburtstag am 25. Dezember, also an genau dem Tag, den später der Katholizismus als Geburtstag seines Helden beanspruchte – natürlich, um so die Verdrängung des Mithraismus zu fördern.

Chan

OT: Re: Ahriman und Mithra
Hi Ch’an

Hi Fliegerbaer.

Du hängst dich ja ganz schön rein. Dafür - unserem kürzlichen
Dissens zum Trotze – ein Sternchen von mir.

Wow, diese Größe findet man selten, daher sehr überraschten Dank von mir. Da schneide ich mir eine Scheibe ab.

Zum Inhalt später.

freundliche Grüße
fb

Hallo,

ja, das auch. Und verm. noch etliches mehr.

Ich frage mich, ob uns Menschen Religion so wichtig ist, weil wir unbedingt Einfluss nehmen möchten, wo wir es nicht können (z.B. bei Krankheiten oder ausweglosen Situationen in denen man eigentlich nur abwarten kann - und wer kann unter Adrenalin schon abwarten?) oder ob Religionen eher von Bedeutung sind, um ein Zusammenleben in rel. großen Gruppen zu regeln oder ev. erst zu ermöglichen.
Verm. spielt beides eine Rolle, aber es würde mich interessieren, was der ausschlaggebende Faktor ist.

Gruß, Paran

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Religion ist ein Geschäftmodell. Als solches soll es möglichst erfolgreich sein. Wie in der Werbeindustrie werden potentielle Mitglieder gelockt indem Versprechungen gemacht aber auch Ängste geschürt werden.
„Unsere Religion ist die beste, einzig wahre. Trete noch heute bei und erhalte Mitgliedervorteile wie ewiges Leben im Paradies und ein Treffen mit Gott persönlich.
Mach nicht den Fehler und trete einer anderen Religion bei, denn sonst wirst du für alle Ewigkeiten in der Hölle gefoltert werden!“

Es gibt tatsächlich Christen die Atheisten dazu raten sich sicherheitshalber zum Christentum zu bekennen damit sie, falls sie sich irren sollten, nicht in die Hölle kommen.

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Religion ist ein Geschäftmodell. Als solches soll es möglichst
erfolgreich sein. Wie in der Werbeindustrie werden potentielle
Mitglieder gelockt indem Versprechungen gemacht aber auch
Ängste geschürt werden.

Schon etwas absurd, ausgerechnet bei meiner Anmerkung, dass Religion nicht mit dem Christentum gleichzusetzen sind, nun genau dieses wiederum passiert.

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Hallo Franz,

dass der Teufel von Gott erschaffen wurde

Die wichtigsten christlichen Religionen sehen das so. Gott erschuf, außer sich selber, alles, also auch den Teufel. Wer an dieses System glaubt, muss sich sehr wohl vor der ewigen Verdammnis fürchten. Die Leute haben tatsächlich Angst davor. Sie beten Rosenkränze, setzen sich in die Kirchen, spenden, fasten, pilgern 1000 km. Warum? Weil ihnen das so Spaß macht?

„Wer an Gott nicht glaubt, muss sich vor dem Teufel nicht fürchten.“

Wer diesen Glauben ablegt, spürt, wie ihm ein Stein vom Herz fällt.

Gruß,
FraLang

Hallo El Borbah,

was die heutigen, großen Religionen angeht, gebe ich Dir absolut recht.

Aber es fällt doch auf, dass so ziemlich jede menschliche Kultur, selbst rel. kleine isolierte Gemeinschaften, in irgendeiner Weise religiös sind (den Glauben an Geister oder den Einfluss verstorbener Vorfahren packe ich mal zum religiösen Glauben dazu - es geht hier wie dort um unbeweisbaren Glauben an höhere Mächte).
Will sagen, der Ursprung und Bedarf nach Religiösität muss etwas recht Ursprüngliches sein, verm. bietet oder bot er evolutionär Vorteile.

Möglicherweise eben, um das Zusammenleben von Gemeinschaften, in denen nicht mehr jeder jeden gut kannte oder verwandt war, zu regeln - ein soziales Schmiermittel sozusagen und der vage Ansatz eines Rechtssystems.

Später kam sicher die Organisation von Kämpfen mit anderen, konkurrierenden Menschengruppen (sprich Kriege) dazu.

Ich will hier nicht für Religionen werben, aber ich kann nicht übersehen, dass Religiösität eben schon sehr lange sehr weit verbreitet ist.
Man kann ja vage hoffen, dass der Mensch aus dieser Phase herauswächst, ebenso wie aus dem Zustand der nur vom Nahrungsangebot kontrollierten Vermehrung.
Beides wäre für eine Zukunft ohne Hunger und völligem Umweltdesaster sehr von Nutzen.

Aber das ist ein weites Feld.

Gruß, Paran

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Carl Zuckmeyer
Hallo Franz,

Wer an Gott nicht glaubt, muss sich vor dem Teufel nicht fürchten.

Zuckmeyer lässt seinen „General Harras“ jedenfalls sagen, er habe von Gott kaum eine Ahnung, jedoch dem Teufel habe er „Ooge in Ooge gegenüberjestanden“.
Ich denke 'mal, wenn im Leben etwas so richtig verhext ist, dann vermag der kleine verführte menschliche Wille auch nicht viel dagegen.

Gruss,
Mike

Hallo.

Warum? Weil ihnen das so Spaß macht?

Warum nicht? Ich weiss, es ist sinnlos die Diskussionen hier zu versachlichen, aber was spräche dagegen? So geht es hier bei den Frage um Objektivität und Generelität und eben nicht um subjektive Eindrücke.

In diesem Sinne, warum sollte es ihnen keinen Spass machen?

Gruss,
Eli

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Ich hab ja das Christentum garnicht erwähnt als ich von Religion als Geschäftsmodell schrieb. Zum Beispiel im Islam spielt die Hölle eine ziemlich Große Rolle.
Ich beziehe mich in erster Linie auf das Ursprungsposting: „Wer an Gott glaubt, muss den Teufel nicht fürchten.“

Nur weil du sagst, es gibt Religionen die auf die Idee der Hölle und des Teufels verzichten, ist meine Aussage absurd? So als ob deine Meinnug darüber bestimmen würde was gesagt werden darf und was nicht.
Es gibt Cristen, die sagen es gäbe keine Hölle, weil sich das nicht mit ihrem Bild von einem gütigen, barmherzigen Gott in Einklang bringen lässt. Und es gibt Christen, die sich auf die Bibel berufen und von einem Hass Gottes gegenüber bestimmten Menschen sprechen und dass Gott diese Menschen bestrafen wird - Und jeder der kein Christ ist, wird in die Hölle kommen.

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Hallo El Borbah,

was die heutigen, großen Religionen angeht, gebe ich Dir
absolut recht.

Aber es fällt doch auf, dass so ziemlich jede menschliche
Kultur, selbst rel. kleine isolierte Gemeinschaften, in
irgendeiner Weise religiös sind (den Glauben an Geister oder
den Einfluss verstorbener Vorfahren packe ich mal zum
religiösen Glauben dazu - es geht hier wie dort um
unbeweisbaren Glauben an höhere Mächte).
Will sagen, der Ursprung und Bedarf nach Religiösität muss
etwas recht Ursprüngliches sein, verm. bietet oder bot er
evolutionär Vorteile.

Ich denke es gibt viele Möglichkeiten wie man versuchen könnte zu erklären warum Religionen so weit verbreitet sind ohne dass man annehmen müsste, dass es tatsächlich einen Gott gibt.
Man könnte Religiösität durchaus als ein psychologisches „Problem“ sehen.
Erstens sucht jeder Mensch nach Erklärungen und einem Sinn.
Fast jede Kultur hat(te) ihren Schöpfungsmythos (welcher in der Regel stark von anderen Schöpfungsmythen abweicht).
Dann ist da noch die Angst vor dem Tod und die Frage ob das dann Alles war. Keine Angst haben zu müssen, weil man im Optimalfall im Paradies ewig weiter lebt, dürfte eine starke Motivation für Religiösität sein.
Der Mensch hat das Bedürfnis geliebt zu werden. Die Vorstellung, dass ein allmächtiger Gott, der die Menschen und Alles geschaffen hat, einen bedingungslos liebt, könnte für Viele schon Grund genug sein an einen Gott glauben zu wollen.
Der Mensch strebt nach Höherem. Er will sich nicht gleichsetzen mit Tieren, bzw er will sich nicht als Tier mit einem etwas besser entwickelten Gehirn sehen während er erkennen muss, dass er die gleichen tierischen Triebe hat wie jedes andere Tier auch. Die Vorstellung, von einem allmächtigen Gott nach dessen Bild geschaffen worden zu sein, rückt den Menschen in ein ganz anderes Licht gegenüber Tieren.
Jeder Mensch war ein mal ein Kind das der „Willkür“ seiner Eltern (oder anderer Erwachsenen) ausgesetzt war. Man hat als Kind Liebe erfahren und/oder Unterdrückung, Strafe und Hass. Und als Kind ist man dieser „Willkür“ in der Regel machtlos ausgesetzt. Als Erwachsener hat man dann das Bild vom allmächtigen „Vater“ der bestimmt was mit einem geschieht und von dem man geliebt wird; und vom Teufel von dem man bestraft wird (Gott kann durchaus alleine die Rollen des liebenden Barmherzigen und des hasserfüllten Bestrafers einnehmen.)

Möglicherweise eben, um das Zusammenleben von Gemeinschaften,
in denen nicht mehr jeder jeden gut kannte oder verwandt war,
zu regeln - ein soziales Schmiermittel sozusagen und der vage
Ansatz eines Rechtssystems.

Hier könnte man vielleicht von einem Nutzen von Religion sprechen. Eine gemeinsame Religion verbindet eine Gesellschaft. Die Regeln die durch einen Gott gegeben sind, haben eine stärkere Wirkung als Regeln die sich ein Mensch ausgedacht hat. Nicht umsonst sind/waren Staatsvertreter großer Kulturen oft auch Stellvertreter eines Gottes (Pharao, Pabst…) oder zumindest waren Sagenhelden oft Abkömmlinge der Götter, also Halbgötter.
Die Enstehung von Gesetzen ist von einer Vorstellung von Moral geprägt, sowie ein Zusammenleben von Gruppen nur (einigermaßen) reibungslos möglich ist wenn sich Jeder in seinem Handeln auf eine gemeinsame Moral beruft.
Moral ist aber auch ohne Religion bzw ohne einen Gott, der bestimmt was gut und böse ist, gegeben. Eine Moral die sich zum Beispiel aus Mitleidsfähigkeit, „Nächstenliebe“, dem Wunsch nach Harmonie und nicht zuletzt aus der Angst vor Rache ergibt.
Nehmen wir einmal einen Urmenschen, der keine Gesetze und Regeln kannte. Dieser fühlte sich auf natürliche Weise mit seiner Sippe, in der er aufwuchs, verbunden und ihr gegenüber verpflichtet. So wie eine Tiermutter den Trieb hat ihre Jungen zu versorgen und zu beschützen, hat der Urmensch das „Bedürfnis“ das Überleben seiner „Spezies“ zu sichern. Der Überlebenskampft beinhaltet auch den Kampf gegen Konkurenten. Viele Tierarten verteidigen ihr Revier, in dem sie Nahrung finden und sich fortpflanzen, bis aufs Blut oder darüber hinaus. Trifft der Urmensch auf einen Fremden, einem Mitglied einer anderen Sippe, wird er sich nicht von Natur aus mit ihm verbünden wollen sondern ihn als Konkurenten sehen, als „Fressfeind“ der sich mit den eigenen „Weibchen paaren“ könnte. Bei der Entscheidung, diesen Fremden anzugreifen und zu töten, spielt nicht nur der Überlebenstrieb eine Rolle, sondern wohl auch die Überlegung ihn besser nicht anzugreifen - Die Sippe des Fremden könnte sich für den „Mord“ rächen wollen. Ist die konkurierende Sippe stärker und in der Überzahl, könnte das das Ende der eigenen Sippe bedeuten.
Bei Tieren findet so eine „Überlegung“ wohl nicht statt, sondern nur ein instinktiver Rückzug im Angesicht einer „Übermacht“.
Das Alles könnte man vielleicht als Ursprünge nennen für das was wir heute als Moral bezeichnen.

Später kam sicher die Organisation von Kämpfen mit anderen,
konkurrierenden Menschengruppen (sprich Kriege) dazu.

Kriege sind in der Regel das Ergebnis von Gier und dem Verlangen nach Macht. So wie Firmen „feindliche“ Aktionen gegenüber Konkurenten tätigen, um sie zu ruinieren oder zuübernehmen, sind Religionen (bzw deren Führer) von den gleichen Motiven getrieben. Religionskriege hatten immer das Ziel komkurierende Religionen in ihrer Verbreitung zu bremsen und die Macht und den Wohlstand der eigenen Religion zu stärken.

Ich will hier nicht für Religionen werben, aber ich kann nicht
übersehen, dass Religiösität eben schon sehr lange sehr weit
verbreitet ist.
Man kann ja vage hoffen, dass der Mensch aus dieser Phase
herauswächst, ebenso wie aus dem Zustand der nur vom
Nahrungsangebot kontrollierten Vermehrung.
Beides wäre für eine Zukunft ohne Hunger und völligem
Umweltdesaster sehr von Nutzen.

Aber das ist ein weites Feld.

Gruß, Paran

Hier könnte man vielleicht von einem Nutzen von Religion sprechen. Eine gemeinsame Religion verbindet eine Gesellschaft. Die Regeln die durch einen Gott gegeben sind, haben eine stärkere Wirkung als Regeln die sich ein Mensch ausgedacht hat. Nicht umsonst sind/waren Staatsvertreter großer Kulturen oft auch Stellvertreter eines Gottes (Pharao, Pabst…) oder zumindest waren Sagenhelden oft Abkömmlinge der Götter, also Halbgötter.
Nicht umsonst ist es in einigen Religionen verboten die Gesetze Gottes anzuzweifeln oder auch nur zu hinterfragen.

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Zwei Ebenen der Religiosität
Hi El Borbah.

Könnte es sein, dass du das Religionsthema zu eindimensional analysierst? Es geht hier, meine ich, nicht nur um Herrschaft und naive Welterklärungsmodelle als Vorläufer späterer Naturwissenschaft. Das sind sekundäre Phänomene, die natürlich auch Geltung haben, aber nicht wirklich das primäre Motiv von Religiosität sind.

Eine unbestreitbare historische Tatsache ist nach meiner Kenntnis, dass nicht nur die frühen, sondern auch einige hochentwickelte Formen der Religiosität im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Rauschmitteln stehen, der quasi eine empirische Grundlage der religiösen Systeme vermittelte. Die Mutter aller Religionen, der Vedismus, basierte weitgehend auf dem Einsatz des soma, eines Rauschgetränks, das als ´König´ und ´Hüter des Leibs´ hymnisch verehrt wurde. Der Begründer des Zoroastrismus, Zarathustra, ein Priester des vedischen Gottes Ahura Mazda, hat solche Praktiken bei vedischen Schamanen kennengelernt und aus diesen Erfahrungen sein eigenes Konzept entwickelt, das erste (relativ) monotheistische System mit Ahura Mazda als Obergott, das großen Einfluss auf die Entwicklung des Christentums und des Islam hatte. Die spezifischen Erfahrungen bei solchen Ritualen werden ´Ekstase´ genannt, also ´Außer-sich-Sein´, und waren auch den Anhängern anderer Systeme bekannt, wie z.B. beim Mithras-Kult, bei den griechischen Mysterien von Eleusis und möglicherweise auch bei manchen Richtungen der Gnosis. Im Juden- und Christentum ist ebenfalls von ekstatischer religiöser Erfahrung die Rede, z.B. bei Propheten und bei ´Jesus´, dem im NT einige Ekstasen nachgesagt werden. Ob man das im Kontext von Rauschmitteln sehen kann, lässt sich nur hypothetisch mutmaßen. Auszuschließen ist das jedenfalls nicht, da in jenen antiken Zeiten Religiosität und Rausch nun einmal miteinander verbunden waren.

Das also würde ich als die primäre Ebene der Religiosität bezeichnen. Die sekundäre spielt sich auf der Ebene des Sozialen und der Welterklärungsmodelle ab. Was den sozialen Aspekt betrifft, kann man sicher nicht sagen, dass Religion nur den Zweck hatte, Herrschaft zu legitimieren und das Volk zu verdummen. Diese ´Verschwörungstheorie´ würde voraussetzen, dass die herrschende Schicht selbst nicht oder zumindest kaum religiös war. Das war aber nicht der Fall. In Mesopotamien beriefen sich die Könige darauf, von Gott Enlil und anderen Göttern zur Herrschaft beauftragt worden zu sein, ohne selbst daran auch nur im geringsten zu zweifeln. Und sie waren, zwar Könige, so doch auch Sklaven innerhalb dieses von Göttern ´kontrollierten´ Systems, die nach einer sehr strengen Tagesordnung leben mussten. Wie der König sich kleidete, was er aß und wie er mit den Göttern umging, das wurde von seinem Hofstaat peinlich genau registriert. Es gab ständig Debatten zwischen ihm und seinen Beratern über die Deutung vermeintlich göttlicher Zeichen. Zeichendeutung war damals so etwas wie eine Wissenschaft, mit der der König, aber vor allem seine Berater, vertraut sein mussten, da ihre Anwendung die persönlichen und die Staatsgeschäfte beeinflusste. Die soziale Leben war – nach heutigen Maßstäben – komplett paranoid. Der König wie der kleine Bauer deuteten jedes Missgeschick oder Unglück als göttliche Strafe für falsches Handeln. Das Schuldgefühl war hier schon, wie auch bei den späteren Monotheismen, eine Grundlage des sozialen Aspektes von Religion. Die auf Deutung spezialisierte Priesterschaft versetzte sich durch den Gebrauch von Rauschmitteln in ekstatische Zustände, um näher an die Götter heranzukommen und so die Zeichen oder Geschehnisse noch besser deuten zu können.

Auch in der späteren, schon deutlich zivilisierteren römischen Republik war solcher Aberglaube – auf der sekundären Ebene der Religion, meine ich – absolut Usus. Staatsgeschäfte und militärische Operationen wurden in der Regel erst getätigt, nachdem die Zeichen der Götter gedeutet wurden.

Der funktionalistische Ansatz der Interpretation von Religiosität, dem du anzuhängen scheinst, ist natürlich nicht falsch, aber er spiegelt nur einen Teil der Gesamtwahrheit wieder. Das Religionsphänomen ist sehr komplex und lässt sich unter einem einzigen Aspekt sicher nicht vollständig erklären.

Chan