Gotthelfs Deutsch

Wieder wende ich mich an die des Schweizerdeutschen Mächtigen, und wieder wegen Gotthelf.

Obwohl seine Geschichten mich wirklich faszinieren, seine Sprache mich begeistert, geht er mit manchen Sachen regelrecht auf den Geist.

Z. B. die penetrante Art Mädchen nach dem grammatischen Geschlecht anzusprechen.

Nun sagt man ja auch unter Schwaben, dass alle Frauennamen mit „S“ beginnen: s’Lise, s’Bärbele, ‚Rickele, s’Else etc., wobei "s‘" die gekürzte Form von „das“ darstellt.

Aber wie kommt er dazu, einen Akkusativ „ihns“ für das Personalpronomen zu verwenden? Statt „es“?

„Es (gemeint ist eine ausgewachsene, aber nicht verheiratete Frau) war überzeugt, daß Christen, sobald er wußte, wer es sei, ihns sitzenließe, und das wollte es nicht ertragen.“

aus „Elsi, die seltsame Magd“

Gibt es diese Form heute noch in irgend einem Tal?

Wenn man danach gugelt, so findet man einige tausend Mal den Namen „Ihns“ und eben Stellen von Gotthelf.

Und wie in aller Welt kommt „gäb wie“ zur Bedeutung „obwohl, obgleich“?

Konjunktiv II von geben? Etwa: „Es mag da geben, was es wolle …“

Ich muss mir doch noch das Idiotikon besorgen!

Gruß Fritz

Wieder wende ich mich an die des Schweizerdeutschen Mächtigen,
und wieder wegen Gotthelf.

Hallo Fritz,

mal so ganz allgemein: im Zug der Diskussionen um die Rechtschreibreform hat sich die deutsche Kulturnation doch im wesentlichen drauf geeinigt, dass Rechtschreibung und ähnliche Einschränkungen der künstlerischen Freiheit für Schriftsteller völlig inakzeptabel sind. Insbesondere sind die Schriftsteller selbst dieser Meinung.

Deine Kritik an Gotthelf ist also so, wie wenn man Picasso vorwerfen würde, er hätte seine Farben nicht nach RAL-Norm gemischt. Und dann mischt du dich auch noch in eine Fremdsprache ein! Tz tz tz…

Gruss Reinhard

Hallo, Reinhard,

entweder ich oder du weiß nicht, worum es geht.

Ich fragte nach zwei Wörtern.

Sonst nichts.

Fritz

Hallo, Fritz,

Ich muss mir doch noch das Idiotikon besorgen!

… oder für den Anfang das „Wörterbuch zu den Werken von Jeremias Gotthelf“ http://www.buchhandel.de/detailansicht.aspx?isbn=978… Buch anschauen

Gruß
Kreszenz

Hallo Fritz,

Gibt es diese Form heute noch in irgend einem Tal?

„Ihns“ und „es“ fängt schon hier in Basel an.
Wobei „Ihns“ hier eher am aussterben ist.

MfG Peter(TOO)

Hallo Reinhard,

Deine Kritik an Gotthelf ist also so, wie wenn man Picasso
vorwerfen würde, er hätte seine Farben nicht nach RAL-Norm
gemischt. Und dann mischt du dich auch noch in eine
Fremdsprache ein! Tz tz tz…

Nein, ein solcher Vorwurf wäre ganz einfach sinnfrei !

Zu den Zeiten Gotthelfs gab noch gar keine einheitliche deutsche Rechtschreibung.

Es entspräche also der Anwendung von DIN-Normen auf ein Gebäude aus dem Mittelalter.

MfG Peter(TOO)

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Hallo, meine liebste Kreszenz,

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Vielen vielen Dank!

Und beste Grüße
Fritz

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ihns
Hallo,

ich habe jetzt einen Hinweis gefunden.

Aber wie kommt er dazu, einen Akkusativ „ihns“ für das Personalpronomen zu verwenden? Statt „es“?

„ihns“ ist demnach Akkusativ aller dreier Geschlechter; kann also

ihn, sie und es

bedeuten.

Gruß Fritz

Hallo,

interessanterweise gibt es ein (vermutlich mehrere, aber mir fällt gerade nur dies eine ein) ähnliches Phänomen im Englischen. In den Ozarks wird teils als Allzweck-Pronomen das Wort „thar“ verwendet, welches dann „Du, er, sie, es“ und auch „Dich, ihn, sie, es“ heißt.

Gruß,

Myriam

Hallo, Miriam,

zur Vergewisserung: thar oder that?

Und ist dann das thar jenes: Thar he/she blows!!?

Solche Universalpronomen scheinen inzwischen überall aufzutreten.

Das Generalrelativum: wo.

Und im Spanischen, so hat man mir gesagt, das: donde.

Jetzt rätsle ich aber noch, weshalb ein „s“ eine Akkusativendung sein kann.

Gruß Fritz

Berndeutsch in Gotth. Dialekt-Standard-Kontinuum

Guten Tag

Wie bereits gesagt, Gotthelfs Werke sind im Standarddeutsch der
Deutschschweiz geschrieben, jedoch im verschwundenen Dialekt-
Standard-Kontinuum. Der berndeutsche Dialekt kann also mitten im
standarddeutschen Satz auftauchen und wieder verschwinden.

Nun sagt man ja auch unter Schwaben, dass alle Frauennamen mit
„S“ beginnen: s’Lise, s’Bärbele, 'Rickele, s’Else etc., wobei

Berndeutsche Frauennamen Namen in Gotthelfs Werktiteln (gesprochene
Schreibung):
ds Eysy, ds Anne Bäbi, ds Ärdbèrymaréyly

Aber wie kommt er dazu, einen Akkusativ „ihns“ für das
Personalpronomen zu verwenden? Statt „es“?

NOMINATIV
ääs, äs, 's = es
Unbetontes Pronomen: „Är het gfragt, wär’s syg.“ (Er fragte, wer es
sei.)
Betontes Pronomen: „Är het gfragt, wär ääs syg.“ (Er fragte, wer es
sei.)

DATIV
ììm, èm = ihm
Unbetontes Pronomen: „Är gìt èm ès Müntschi.“ (Er gibt ihm einen
Kuss.)
Betontes Pronomen: „Är gìt ììm ès Müntschi.“ (Er gibt ihm einen
Kuss.)

AKUSATIV
ääs, äs, 's = es
Unbetontes Pronomen: „Är hèt’s gäärn.“ (Er hat es gern. Er liebt es.)
ììns, ìns = es
Betontes Pronomen: „Är laat ììns hocke.“ (Er lässt es sitzen.)

Und wie in aller Welt kommt „gäb wie“ zur Bedeutung „obwohl,
obgleich“?

Weil auch im Dialekt der Konzessivsatz durch eine konzessive
Konjunktion eingeleitet wird (siehe Archiv):
„Är ìsch ggange, gäb wy sì het wüescht taa.“ (Er ging, obwohl sie
schimpfte.)

Die indirekte Rede kann mit den Subjunktionen ‚das‘ (= dass) oder
‚gob‘ (= ob) eingeleitet werden:
„Sì het ne gfragt, gob er o chöm.“ (Sie fragte ihn, ob er auch
komme.)
„Sì het ys nid gseyt, das er chunnt.“ (Sie sagte uns nicht, dass er
komme.)

Konjunktiv II von geben? Etwa: "Es mag da geben, was es wolle

Die Konjunktionen ‚gäb (wy)‘ und ‚gob‘ haben nichts mit dem Verb
‚gää‘ (= geben) zu tun.

Gruss

Rolfus

Hallo, Miriam,

Hallo Frizz,

zur Vergewisserung: thar oder that?

thar

Und ist dann das thar jenes: Thar he/she blows!!?

Möglicherweise verwandt, sozusagen „das dort“ als Erweiterung zu „dort“. Oder ein Mischmasch aus den altertümlichen Pronomen thou/thee.

Gruß,

Myriam

Danke, Rolf,

das hat mich jetzt sehr weiter gebracht.

Gruß Fritz

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Wörterbüchlein zu Werken Gotthelfs
Guten Tag

… oder für den Anfang das „Wörterbuch zu den Werken
von Jeremias Gotthelf“

Leider enthält dieses dünne Bändchen von Bee Juker
(Rentsch, 1972) nur Begriffe aus einigen Werken
Gotthelfs; die Erklärungen scheinen aber korrekt zu
sein.

Heute würde man bei den Begriffen bestimmt angeben, ob
es sich um Deutschschweizer Standarddeutsch oder um ein
Berndeutsch handelt. Da ist auch der Schweizer Leser
manchmal am Berg, weil auch berndeutsche Ausdrücke
manchmal in standarddeutscher Schreibung auftauchen …

Gruss

Rolfus