Graf Helldorf oder wer sonst?

Hallo liebe Experten,

ich bastle gerade an einem Plot für ne Story, die vor dem realen Hintergrund der olympischen Sommerspiele 1936 spielen soll.

Und ich finde irgendwie nirgends den genau in diesem Zeitraum amtierenden Polizeipräsidenten von Berlin. Wahrscheinlich zu doof für die Guglrecherche…

Juli 1935 wurde besagter Helldorf also Berliner Polizeipräsident und 1944 im Zuge des Hitler-Attentates hingerichtet, soviel steht man fest.

Seine Amtszeit betreffend schwanken die Angaben zwischen 1942, 1943 und bei Wiki sogar bis zu seiner Exekution.

Die Simon-Wiesenthal-Stiftung erwähnt überdies, er hätte die Progromnacht 1938 dahingehend kommentiert, dass er die marodierenden Nazi-Schergen höchstpersönlich einzeln abgeknallt hätte, wäre er zu der Zeit noch im Amt gewesen (ausgerechnet!)

Also war er nu Sommer 1936 Präsident oder nicht? Wäre für das Zeitkolorit meiner Geschichte sehr von Vorteil, da im ganzen 3. Reich selten eine so dermaßen hochgradig sinistrre Gestalt wie er sein Unwesen getrieben hatte und ich ihm dann auf alle Fälle eine höchst prominente Rolle in der Story zuschanzen würde.

Danke schon mal im voraus

Gruß Awful Annie

Hallo !

Etwas dazu aus Goebbels Tagebüchern :

Tagebucheintrag Goebbels’ zur Pogromnacht
10. November 1938
„… Helldorf läßt in Berlin die Juden gänzlich entwaffnen. Die werden sich ja auch noch auf einiges andere gefaßt machen können. Moskau proklamiert aufs Neue die Weltrevolution. Unter den großen und weisen Weltmarschall Stalin. Aber das klingt ja alles so hohl. Moskau hat auch in der Tschechenkrise sein ganzes Prestige eingebüßt. Das kann mit Phrasen nicht mehr aufgeholt werden … In Kassel und Dessau große Demonstrationen gegen die Juden, Synagogen in Brand gesteckt und Geschäfte demoliert. Nachmittags wird der Tod des deutschen Diplomaten vom Rath gemeldet. Nun aber ist es gut. Ich gehe zum Parteiempfang im alten Rathaus. Riesenbetrieb. Ich trage dem Führer die Angelegenheit vor. Er bestimmt: Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen. Das ist richtig. Ich gebe gleich entsprechende Anweisungen an Polizei und Partei. Dann rede ich kurz dementsprechend vor der Parteiführerschaft. Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telephone. Nun wird das Volk handeln. …“

mfgConrad

Helldorf, Wolf Heinrich Graf von (* 14.10.1896 Merseburg, † 15.08.1944 Berlin), Polizeipräsident von Berlin, SA-Obergruppenführer und General der Polizei
[Personenverzeichnis: Das Dritte Reich, S. 9230]

Es gibt wohl keine andere Informationen, als dass er bis zur Verhaftung Pol.präsident war.

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Hallo

ich bastle gerade an einem Plot für ne Story, die vor dem
realen Hintergrund der olympischen Sommerspiele 1936 spielen
soll.
Und ich finde irgendwie nirgends den genau in diesem Zeitraum
amtierenden Polizeipräsidenten von Berlin. Wahrscheinlich zu
doof für die Guglrecherche…
Juli 1935 wurde besagter Helldorf also Berliner
Polizeipräsident und 1944 im Zuge des Hitler-Attentates
hingerichtet, soviel steht man fest.
Seine Amtszeit betreffend schwanken die Angaben zwischen 1942,
1943 und bei Wiki sogar bis zu seiner Exekution.

Warum nicht mal bei wikipedia nachschauen?
http://de.wikipedia.org/wiki/Wolf-Heinrich_Graf_von_…

 ...
 1933 wurde ihm die SS-Führung von Berlin-Brandenburg anvertraut.
 Gleichzeitig wurde er in der 9. Wahlperiode 1933 in den Reichstag
 gewählt. Im März 1933 wurde er zum Polizeipräsidenten von Potsdam
 ernannt, und ab Juli 1935 übernahm er dieselbe Funktion in Berlin.
 ...

Helldorf war ein sog. Altnazi, ein Vertrauter Hitlers.
Daraus konnte er die Legitimation beziehen, alles mögliche
zu tun.

Vermischtes über Helldorf:

 ...
 Es wurde kolportiert, Helldorf habe sich bei Erik Jan 
 Hanussen, dem bekannten jüdischen Hellseher, verschuldet 
 und sei von ihm abhängig. Auch als Polizeipräsident 
 machte Helldorf durch Spielschulden, Luxuskäufe, unbezahlte
 Rechnungen und Mietschulden von sich Reden; es kam sogar zu 
 Gehaltspfändungen. Mehrfach erhielt Helldorf zur Entschuldung 
 zinslose „Darlehen“ beträchtlicher Höhe, die ihm aus 
 Parteikassen gezahlt wurden und die er nicht zurückzahlen 
 musste 
 ...

Das führt zum abschließenden Resúmes Hitlers über Helldorf:

 ...
 Auch Hitler klagte, er habe dem Grafen vier- oder fünfmal 
 die Schulden bezahlt, selten weniger als 100.000 Mark. 
 Hitler ordnete hasserfüllt an, dass Helldorf alle 
 Hinrichtungen miterleben und als letzter gehängt werden 
 solle.
 ...

Die Simon-Wiesenthal-Stiftung erwähnt überdies, er hätte die
Progromnacht 1938 dahingehend kommentiert, dass er die
marodierenden Nazi-Schergen höchstpersönlich einzeln
abgeknallt hätte, wäre er zu der Zeit noch im Amt gewesen
(ausgerechnet!)

Aber nur, weil zu dieser Zeit etwas anderes plante:

 ...
 Helldorf hatte sich frühzeitig bei Übergriffen gegen 
 Juden hervorgetan. In seiner amtlichen Eigenschaft war 
 Helldorf „ein eifriger Befürworter schärferer legaler 
 Verfolgungsmaßnahmen“ gegen Berliner Juden.
 ...
 Joseph Goebbels notierte am 2. Juli 1938 im Tagebuch: „Helldorf 
 will in Berlin ein Judenghetto errichten. Das sollen die reichen
 Juden selbst bezahlen.“ Helldorf erließ im Juli 1938 „Richtlinien
 für die Behandlung von Judenangelegenheiten“, die in 76 Punkten 
 kleinlichste Verwaltungsschikanen enthielten. Goebbels schrieb 
 darüber: „Helldorf überreicht mir eine Aufstellung der in Berlin 
 gegen die Juden getroffenen Maßnahmen. Die sind nun wirklich 
 rigoros und umfassend. Auf diese Weise treiben wir die Juden in 
 absehbarer Zeit aus Berlin heraus.
 ...

Also war er nu Sommer 1936 Präsident oder nicht? Wäre für das
Zeitkolorit meiner Geschichte sehr von Vorteil, da im ganzen
3. Reich selten eine so dermaßen hochgradig sinistrre Gestalt
wie er sein Unwesen getrieben hatte und ich ihm dann auf alle
Fälle eine höchst prominente Rolle in der Story zuschanzen
würde.

IMHO war er durchgeknallt. Kontrollverlust, jeweiligen
Eindrücken ergeben. Inkonsequent, inkonsistent. Seinen
alten NSDAP-Freunden schuldete er enorme Summen. Also
doch eine ganz interessante Figur.

Grüße

CMБ

Addendum,

[Helldorf]

Ich habe gerade das hier
http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1997_3.pdf
(2. Kapitel v. Ted Harrison, S.385-)
gelesen und fand es spannender als einen Roman :wink:

Grüße

CMБ

Hallo Conrad, danke für die Info.

Anzumerken wäre an dieser Stelle noch, dass Juni 1936 die Polizei sowieso in voller Gänze Himmler unterstellt wurde, so dass Helldorfs Amtsausübung sich im Prinzip, wnn man mal ehrlich ist, auf eine Art besserer Grußonkel beschränkte.

Gruß Awful Annie

Hallo,

danke für den Hinweis, bloß dass ich bei eben diesem mir durchaus bekannten Wikiartikel eben genau für den fraglichen Zeitraum keine dezidierten Angaben herauslese.

Deine Zitate daraus belegen allerdings, wie schon von dir angemerkt, dass der Gute einer von der allerübelsten Sorte war, umso merkwürdiger dann sein Engagement bei der Attentatsgeschichte, besonders, wenn man weiss, dass er seinen Stellvertreter v.d. Schulenburg, einen der Hauptattentäter, auf den Tod nicht ausstehen konnte, war ein fröhliches gegenseitiges Am-Stuhl-Sägen damals.

Wie schon gesagt, sehrsehr bizarre Gestalt

Gruß Awful Annie

Hallo,

war, umso merkwürdiger dann sein Engagement bei der
Attentatsgeschichte, besonders, wenn man weiss, dass er seinen
Stellvertreter v.d. Schulenburg, einen der Hauptattentäter,
auf den Tod nicht ausstehen konnte, war ein fröhliches
gegenseitiges Am-Stuhl-Sägen damals.

Das liegt doch auf der Hand (möglicherweise).
H. war abgebrochener Adel, er machte Karriere
in der NSDAP und SS. Da konnte er über dem
ihn meidenden Adel stehen. Nach 1941, als
klar war, daß der Krieg verloren wird (und
der Nationalsozialismus untergeht) beein-
druckte ihn die Möglichkeit, wieder zu
seinem verlorenen Stand zu gehören, da
er Hitler als Verlierer sah. Eine Be-
teiligung hätte ihm Prestige bei den
(von ihm angenommenen) „neuen Siegern“
verschafft. Allerdings hatte er sich
dolle verrechnet.

Grüße

CMБ