'Größer wie ich' - jetzt auch korrekt?!?

Liebe Expertinnen und Experten,

Am Wochenende erzaehlte mir eine Mutter zweier schulpflichtiger
Kinder, dass es nun auch nicht mehr als Fehler gilt, wenn man
sagt/schreibt: „Er ist duemmer *wie* ich“. Vormals haette das ja
zwingend „*als* ich“ heissen muessen.

Aber das ist doch eine grammatikalische Sache und kann nicht
einfach per Handstreich mit der Rechtschreibreform legalisiert
worden sein! Ich bin entsetzt.

Eine Hoffnung hab ich noch: dass es sich dabei um ein Geruecht
handelt. Sind LehrerInnen an Board? Oder weiss sonst jemand mehr
darueber?

Schon jetzt schoenen Dank!
LG
Edith

So furchtbar es sich anhört - aber es ist korrekt. Das ging nicht mit der Rechtschreibreform einher, sondern wurde bereits 1991 heimlich, still und leise vom Duden legalisiert, durch einen Eintrag im Duden und ohne größere Bekanntmachungen, deshalb fiel es bisher nicht so stark auf. In der Schule lernen Kinder allerdings nicht mehr den Unterschied zwischen als und wie beim Komparativ.

Gruß, Miriam

Geht doch noch schlimmer
Hallo Edith

Grösser als wie ich! (würg!)

Gruss
CrNiMo

Ich fass es nicht!
Vielen Dank, Miriam!

Ich fasse es noch immer nicht, dass das nun schon seit so langer
Zeit „korrekt“ ist. Auch auf die Gefahr hin, als hoffnungslos
altmodische Sprach-Mumie dazustehen: Da spiele ich bestimmt
nicht mit!

(Die hier im Thread ebenfalls genannte Variante „als wie ich“
kenne ich aus dem Dialekt. Da klingt das ganz normal. Ernsthaft
schreiben wird das ja so hoffentlich keiner!)

LG
Edith

Hi, Edith,
es ist lediglich „auch“ korrekt. Die für uns richtige Form größer als ich" ist immer noch korrekt, man kann es sich jetzt aussuchen. Also nicht ganz so schlimm wie es sein könnte.

Gruß, Miriam

Liebe Edith,

die ausschließliche Festlegung von

Positiv + wie „so alt wie ich“
Komparativ + als „älter als ich“

ist eine willkürliche, die wir der Sprachregulierung am Anfang des 20. Jahrhuderts verdanken.

Nur weil wir es als Kinder so gelernt haben, sollten wir noch nicht meinen, dass dies die einzig wahre Regelung sei!

Einmal mehr erinnere ich an den Satz: Wo mein Vater bremste, bremse ich auch, und wenn es bergauf geht.

Grammatik hat nichts mit ewigen Wahrheiten zu tun!

Wieland, der Geheimrat, Jean Paul - ich erspare uns die übrigen Klassikernamen - waren frei von dieser Festlegung.

„Da steh ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor“

Fritz

Hallo CrNiMo

Grösser Würg! als wie ich! (würg!)

Gruss Würg!
CrNiMo

Fritz, was willst Du mir sagen??
Gruss
CrNiMo

Vermutlich…
…hat sich Fritz am Doppel-s (in „größer“ und „Gruß“) gestört.

Und weiter vermute ich, dass Fritz nicht weiß, dass du in der Schweiz bist und möglicherweise eine Schweizer Tastatur benützt.

In beiden Wörtern schreibt man in Deutschland nach neuer Rechtschreibung nämlich ein sz (ß).

Gruß
Uschi

Ich stand schon auf der Fensterbank,…
… weil ich dachte, ich hätte wieder was verbrochen.

Danke Uschi für die Aufklärung.

Gruss
CrNiMo

Lieber Fritz,

ich gebe gern zu, dass es flexiblere Leute gibt als mich.
Sprache faellt nicht vom Himmel, die lernt man und entwickelt
ein Gefuehl dafuer. Und wenn dann nach Jahrzehnten ploetzlich
einer daherkommt und aus fuer mich nicht nachvollziehbaren
Gruenden was umkrempelt, das mir als richtig vertraut war, dann
irritiert mich das.

Klar koennten wir alle ab morgen „der Bett“ und „die Auto“ sagen
und „da werden Sie geholfen“. Ist schliesslich alles eine
willkuerliche Festlegung. Das Abendland wird davon nicht
untergehen. Aber stoeren wird’s mich.

Edith

  • entschieden unflexibler wie du -

Bleib auf dem Boden,
CrNiMo,

mir war schon klar, dass das „ss“ auf solche Gründe zurückzuführen sein müsse.

Aber was ich eigentlich aufzeigen will, ist:

Wie kann man die regionalen Eigenheiten anderer zum „Würgen“ finden, aber selber solche unhinterfragt und mit größter Selbstverständlichkeit benutzen?

Südlich des Mains sagten und sagen Millionen von Deutschen:

Ich bin älter wie meine Schwester.

Und es wurde ihnen als Fehler angerechnet, sie wurden für schlechte Schüler gehalten, erhielten schlechte Noten mit all den unangenehmen Folgen …

Und nur weil ein Beamter einmal dekretierte:
bei Komparativ nur als!

Und wenn man endlich genug Toleranz für diese Regionalismen beim Duden aufbringt, dann entsetzen sich „Richtigkeitsfanatiker“!
Wobei ihnen eben nicht bewusst ist, seit wie kurzer Zeit und wie kurz nur diese Regel als richtig aufgestellt war.

So gibt es Leute, die glauben, Berlin sei die „natürliche historische Hauptstadt Deutschlands“, weil sie in der Geschichte nicht hinter 1871 zurückschauen.
Aachen, Frankfurt, Köln, München könnten bessere Gründe für sich geltend machen.

Fritz

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Liebe Edith,

dann irritiert mich das.

Das ist verständlich.

Klar koennten wir alle ab morgen „der Bett“ und „die Auto“
sagen und „da werden Sie geholfen“.

Diese Änderungen wären wirkliche Neuerungen, die nie vorher als richtig betrachtet wurden.

Aber bis um 1900 gab es den Gebrauch von „als“ und „wie“ nebeneinander. Und die Festlegung auf eine Variante war

eine willkuerliche Festlegung.

Und bitte: Ich sage natürlich „größer als“ und zucke, wenn ich „größer wie“ höre. Aber ich korrigiere nur bei meinen Schülern.

Beste Grüße Fritz

Alles klar! (Leicht OT)
… und ich korrigiere das „duemmer wie“ klammheimlich in
Manuskripten, wenn es mir dort unterkommt. Es muss nicht sein,
dass das auch noch in den Medien verbreitet wird.

Ansonsten korrigiere ich niemanden beim Sprechen oder Schreiben.
Jeder soll sich so gut blamieren wie er kann. Allenfalls lasse
ich mich von lustigen Druckfehlern in Tageszeitungen dazu
hinreissen, kurzzeitig in den Klugschei$$modus zu verfallen.
Wenn sie z.B. Mediation mit Meditation verwechseln,
Personalreferenten mit Pastoralreferenten oder Gaerung mit
Gehrung. :wink: Nicht widerstehen konnte ich auch bei den
Formulierungen „sie erstarrte zur Salzsaeure“ und „er beugte
sich ueber das Gelaender und verlor das Uebergewicht.“ Genialer
Trick. Sollte er sich patentieren lassen …

LG
Edith

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Hallo Fritz!

Deine Aussagen zu dem „als/wie“-Problem finde ich sehr spannend!

Jetzt würde mich interessieren, wo ich das alles mal nachlesen könnte.
Kannst Du was empfehlen?

Grüße,
Taju

Huhu!

„er beugte
sich ueber das Gelaender und verlor das Uebergewicht.“

Super, sagst du mir, welches Geländer?!?! *kofferpack*

Bye, Vanessa

Hallo Taju!

Jetzt würde mich interessieren, wo ich das alles mal nachlesen
könnte. Kannst Du was empfehlen?

Was ich berichte, stammt nicht aus Sekundärlitertur, sondern aus eigener Beobachtung, vor allem der Lektüre der „Klassiker“.

Angefangen bei Grimmelshausen, über Schnabel, Wieland, Lessing, Goethe, Schiller, Hölderlin, Kleist, Jean Paul, Tieck, die Schlegels, Novalis bis zu den Grimms fiel mir immer wieder auf, wie oft sie eben nicht nach Duden schrieben und doch verstanden wurden.
Ich habe stets und brav die Stellen angestrichen, aber nicht notiert, wo sie sich befinden. Ich müsste also den Wieland etc. ganz durchblättern, um mehr Belegstellen zu finden. Nicht nur zu „als/wie“, auch zu andern Dudenregeln finden sich solche Nichtentsprechungen.

Jean Paul hat z. B. eine eigene Regelung der Fugezeichen entwickelt, die logisch und einfach wäre - er sagt nämlich: alle weglassen! - , die aber kaum beachtet wurde.

Die Grimms votierten mit guten Gründen für die Kleinschreibung und man schreibt weiterhin groß.

Die Schweizer warfen das ß raus und die deutsche Sprache ging nicht unter.

Ein Beispiel: Uns wurde in der Schule abgewöhnt „bälder“ zu sagen, es heiße: bald, eher/früher, am ehesten/frühesten.
Nun sagt der gute Valentin (Gretchens Bruder), nachdem Faust ihn abgestochen hat:
„Ich sterbe! das ist bald gesagt
Und bälder noch getan.“

Ja, was geb ich da auf die Lehren meiner Lehrer?

Oder die Sache mit dem Hilfverb bei „stehen, liegen, sitzen“. Wir haben uns erst kürzlich hier darüber ausgetauscht. Wie kann ein Sprachregulierer sich erdreisten, zu sagen, die Leute südlich des Mains benutzen fälschlicherweise „sein“ statt „haben“?

Wenn ich aber wieder mal auf was stoße, tue ich es hier kund.

Grüße Fritz