Großbritannien und Europa

Hallo,

ich habe folgende Fragen:

1)Wieso war Britain so skeptisch der EU beizutreten?

2)Wieso will GB den Euro nicht annehmen?
Welche befürchtungen haben sie gegenüber dem Euro?

3)Was besagt der Maastrichter Vertrag?

Ich muss eine Präsentation über das Verhältnis zwischen GB und der EU halten, habt ihr vielleicht ein paar englische Internetseiten?

Dankeschön

Hallo,

ein paar sehr subjektive Elemente habe ich gestern in einem Gespräch mit einem Geschäftspartner aus Cheshire, 1945er Jahrgang, gehört. Die haben bei dieser Generation mit Krieg & Nachkrieg zu tun:

1)Wieso war Britain so skeptisch der EU beizutreten?

John hat als Bub erlebt, dass er noch lange Jahre, nachdem im besiegten D die Lebensmittelrationierung aufgehoben war, in UK so harmlose Dinge wie einfachste Bonbons, aber auch Fleisch, bloß auf Lebensmittelkarten bekommen konnte. Für jedes Flugzeug, jeden Panzer, jeden LKW, den UK aus den USA bekommen hatte, um als eines von zwei durch die Faschisten angegriffenen Ländern in Europa eben nicht davonzulaufen, sondern die Stirn zu bieten - und damit wesentlich zum vorläufigen Sieg 1945 beizutragen - „there was exactly a price to return“. Auch noch, als gleichzeitig das Marshall-Füllhorn über Trizonesien ausgeschüttet wurde. Sowas behält man lange in Erinnerung.

Ob die im Vor-Thatcherismus viel beschworene „englische Krankheit“ mehr zu der Verarmung UKs nach dem WK II beigetragen hat oder die Tatsache, dass UK für einen gewonnenen Krieg annähernd so teuer bezahlen musste wie West-D für einen verlorenen, ist objektiv schwer zu beurteilen. Subjektiv spielte und spielt das Gefühl „we won’t get fooled again“ in der Europa-Frage bei den Betroffenen immer noch eine erhebliche Rolle.

Schöne Grüße

MM

Hallo,

ich habe folgende Fragen:

1)Wieso war Britain so skeptisch der EU beizutreten?

Erstmal was kleinliches: GB ist nicht der EU beigetreten, sondern der EGs. Die EU ist erst später entstanden.

politische Kultur:
Die absolute Souveränität des Unterhauses (sowohl horizontal als auch vertikal), als auch die lange Verfassungstradition sind dem europäischen Kernland eher Fremd. Die Schritte der Souveränitätsabgabe und der Verfassung haben in GB eine andere, viel größere Bedeutung, da die politische Kultur das bisher nicht vorsah.

Konzeption der EGKS:
Die EGKS war ein klares Geschäft auf Gegenseitigkeit, besonders zwischen Frankreich und Deutschland (gesicherte Kohleversorgung versus außenpolitische Reputation). Für GB war es weder wirtschaftlich, noch militärisch (da sie ja nicht besiegt wurden) so notwendig, um einen solchen Schritt einzugehen.

Konkurrenz mit Frankreich:
Es sollte nicht vergessen werden, das Frankreich den Beitritt von GB lange verhindert hat. Hier ging es um die Vormachtsstellung Frankreichs in Europa, die nach Sicht von de Gaulle durch die Engländer mit ihrer US-Allianz gefährdet war.

GB das alte Empire:
Die Verhandlungen mit GB waren immer schwierig, weil GB versuchte sein Commonwealth mit der EG unter ein Dach zu brigen. Das führte zu Befürchtungen auf beiden Seiten (EG und Commonwealth).

Die Liste der Gründe läst sich noch ewig erweitern.

2)Wieso will GB den Euro nicht annehmen?
Welche befürchtungen haben sie gegenüber dem Euro?

Währung ist immer auch ein Hoheitszeichen. Das Pfund war und ist eine der erfolgreichsten Währungen der Welt und Identifikationssymbol der Engländer. Die Befürchtungen sind die Gleichen, wie sie in Deutschland zu finden waren: Machtverlust, Mistrauen gegenüber den anderen Staaten, Inflation, Identitätsverlust, Abhängigkeit…

3)Was besagt der Maastrichter Vertrag?

http://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Maastricht

Dort gibt es auch weiterführende Links.

Dankeschön

Bitteschön,

viele Grüße,
Hannes

Marshallplan
Hallo Martin

Auch noch, als gleichzeitig das Marshall-Füllhorn
über Trizonesien ausgeschüttet wurde. Sowas behält man lange
in Erinnerung.

Leider trügt da die Erinnerung Deines Bekannten. Das „Füllhorn“ wurde GANZ Europa angeboten, die Länder im Machtbereich Moskaus mussten auf der Pariser Konferenz 1947 ablehnen: der Beginn des Kalten Krieges.

Westdeutschland bekam einen unterdurchschnittlichen Anteil, was ja auch verständlich ist. Aber der psychologische Faktor schlug voll durch. Offensichtlich haben unsere Großeltern mehr daraus gemacht.

Was die Lebensmittelkarten betraf: war das nicht gerade der Unterschied zwischen einem sozialistischen GB und einem Erhardt-Deutschland?

Gruß,
Andreas

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Hallo Andreas,

die Rationierung von Lebensmitteln war sicherlich auch von den Ideen von Nachkriegs-Labour in UK geprägt. Wohl auch von der einigermaßen mühseligen Umstellung auf mehr Lebensmittelproduktion auf eigenem Territorium, die notgedrungen im WK II begonnen hatte. Dem betroffenen Buben glaube ich aber ohne weiteres, dass er ohne weiteres Nachfragen zuallererst den neidvollen Blick auf die (damals wie heute auf Medienwirksames reduzierten) Nachrichten aus Deutschland gerichtet hat.

Die Frage, weshalb die im Rahmen des Marshallplanes angebotenen Mittel nicht überall angenommen wurden und dort, wo sie zum Einsatz kamen, nicht überall gleich wirkten, lässt sich für die Länder im sowjetischen Einflussbereich klar beantworten: Sie durften per Ukas des großen Bruders nicht. Für UK darf spekuliert werden, welche Mittel in welchem Umfang oder in welcher Art anders eingesetzt werden hätten können. Aber auch hier ist für den, der zuallererst das erlebt, was ihn unmittelbar betrifft, der Blick auf die erstaunlichen Erfolge der weiland Hermann-Göring-Werke und der weiland IG Farben gerichtet, und er sieht nicht unbedingt, warum und wie das geschieht, sondern vor allem, dass „den Deutschen“ erlaubt wird, mit komfortablen Mengen an ausgeliehenem Geld schwungvoll zu wirtschaften.

Schöne Grüße

MM

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