Hallo,
Also *prinzipiell* unterscheiden sich die Vorgänge in der „natürlichen“ Evolution nicht von der „antropogenen“ Evolution. Zumindest hat die natürliche Variante den gleichen theoretischen Spielraum und sie schaffte und schafft es auch immer wieder, Arten sehr effektiv auszulöschen. Das können wir auch. Ich denke daher, daß diese Frage bzw. Fragen dieser Art nicht prinzipiell, sondern nur sehr konkret zu beantworten sind.
Wir haben derzeit nicht verstanden, wie Leben funktioniert. Erste Ansätze des Verstehens sind da, aber vom Grundverständnis sind wir noch Lichtjahre entfernt. Für eine effektive Manipulation der Stoffwechselregulation, die auch auf systemischer Ebene funktioniert, haben wir derzeit weder das Grundlagenwissen noch das technische Know-How und vor allem nicht mal ansatzweise einen Einblick in systemische Zusammenhänge auf verschiedenen Ebenen (Organ/Organismus/Art/Gesellschaft/…). Im Prinzip verfahren wir nicht viel anders als die Natur, indem wir „rumexperimentieren“ und hoffen, daß dabei etwas rauskommt, was funktioniert. Ich denke, da wir die systemischen Zusammenhänge nie voll verstehen können werden, ist das auch der einzig mögliche Weg. Die Vorhersage von Ergebnissen der Manipulation wird besser werden, aber nie sicher. Mir ist nicht klar, wie viel „Sicherheit“ man da braucht, um ein Experiment zu rechtfertigen.
Ein klein wenig anders sieht’s aus mit „Reparaturen“. Wenn wir das funktionierende, natürliche System kennen und bei Individuen z.B. bestimmte Mutationen ausmachen, die Ursächlich sind für die vergleichsweise schlechtere „Leistung“ (oder gar den frühen Tod) dieser Individuen (ich denke da an Stoffwechselerkrankungen, Parkinson, Krebs, Farbenblindheit, usw.), können wir das vielleicht eines Tages mal „reparieren“. Erste Versuche gab es schon (Stichwort „Gentherapie“) - aber die sind gescheitert. Eine exzessive Reparatur aller möglicher Fehlerquellen ist allerdings nichts anderes als eine Konservierung des Genoms, also genau das Gegenteil einer Entwicklung.
Ganz allgemein denke ich, daß das Leben jede sich ihm bietende Möglichkeit auch ausprobiert. Dazu gehört auch, daß der Mensch sein Genom mit allen Mitteln verändert, die ihm zur Verfügung stehen. Ich halte es für unwahrscheinlich, daß _alle_ Menschen davon betroffen sein werden. Selbst, wenn sich die, die sich eine Manipulation ihres Genoms leisten können, aussterben, bleiben die anderen (bzw. einige davon) wahrscheinlich übrig und können die Welt neu besiedeln. Der Art Homo sapiens wird das langfristig nichts ausmachen.
Der Anwendung von Gentechnik stehe ich reserviert gegenüber. Nicht etwa wegen der möglichen Gefahren, sondern weil mir der „technokratische“ Ansatz nicht gefällt. Viele unserer Probleme sind hausgemacht und wir kennen die Ursachen und sogar mögliche Lösungen genau. Diese Lösungen benötigen meist eine Änderung unseres Verhaltens oder unserer Einstellung. Offensichtlich sind wir aber dazu nicht gewillt und investieren viel Zeit und Geld in die Entwicklung anderer Lösungen, die eben eine Änderung unserer Gewohnheiten vermeiden hilft. Das finde ich aberwitzig. Ein hinkendes aber alltägliches Beispiel dafür, was ich meine, ist zB. die Tatsache, daß viele „zivilisierte“ Menschen krank werden, weil sie sich falsch ernähren und sich zu wenig bewegen. Aber statt Ernährung und Leben entsprechend zu ändern, rennen wir zum Arzt und lassen uns Mittel gegen Mangelerscheinungen, Adipositas, Gicht, Arteriosklerose usw. verschreiben. Für diese Leistungen zahlen wir gerne 200 Euro im Monat, für die wir gerne 10 Stunden arbeiten, um sie zu verdienen, damit wir wieder Pommer rot-weiß fressen können, eine Tüte Chips hinterher und dann die spärliche Freizeit in unorthopädischer Position vorm TV abhängen können. Ich denke eben, daß wir mehr davon haben, wenn wir gesund leben (bzw. lernen, gesund zu leben) als krank zu leben und uns gesund zu manipulieren.
Ich freue mich auf andere Meinungen zu diesem Thema!
Liebe Grüße,
Jochen