Gruppenbildung

Hallo,

Ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin, aber ich versuche es mal.

Ich war die letzten Tage bei einer Art Workshop (Musiktage; 130 Schüler von 16 bis 20; dazu kommen natürlich die Lehrer und Betreuer). Ich habe sowas schon öfter gemacht und mir sind da ein paar Sachen aufgefallen, bei denen ich mich frage, wie sowas funktioniert.

Bei solch großen Gruppen bilden sich ja immer sehr schnell Gruppen. Man hat mit allen eine gemeinsame Basis - aber ins Gespräch kommt man nur mit bestimmten Leuten. Mir ist aufgefallen, dass ich immer ähnliche Leute kennen lerne. Das ist einerseits Zufall, andererseits bestimmt auch wieder nicht, weil ich ja durch mein Verhalten usw. auch ein Faktor in dieser Beziehungsgleichung bin :smile: (Ich hoffe ihr habt verstanden, wie ich das meine…)

Es gab da Leute, mit denen ich mich sehr gerne unterhalten hätte. Smalltalk ist quasi mein Metier, das kann ich gut. Aber: Irgendwie muss man ja damit anfangen und es stellte sich heraus, dass nach zwei Tagen die Grenzen zwischen den Gruppen relativ großen waren und man sich nicht mehr einfach so dabeigestellt hat und gesagt hat: „Hallo, da bin ich!“ Warum ist man so schnell so festgelegt? Meistens steckt man sich und die anderen in bestimmte Schubladen, die einen dann auch davon abhalten, andere Leute kennen zu lernen.

Wenn man zB. am selben Pult spielt, hat man ja sofort etwas gemeinsam. Wie kommt es aber, dass man sich mit dem anderen aus derselben Stimme nicht unterhält, obwohl er quasi dasselbe macht - nur an einem anderen Pult sitzt? Bin ich zu „schüchtern“? Oder hängt meine Gesellschaft ausschließlich von „der Chemie“ ab?

Diese Situation ist mir aber echt zu blöd; Gibt es Tricks, wie man solche Schubladen überwinden kann? Ich finde es ziemlich blöd, mich dazu zu stellen und auf irgendwas zu warten… Solche Situationen kommen ja immer wieder vor. Ich möchte jetzt keine Gruppenaktivitäten als Antwort bekommen (diese Kennenlernspielchen zum Warmwerden), sondern einfach Tips, wie ich anders auftrete (oder so… ich hab ja keine Ahnung!! :smile: )

Danke, Lena

Hi Lena,

vorweg, es gibt Personen, die anscheined besser miteinander harmonieren, als andere. Da gibt es schon ein paar Theorien, aber auch die treffen hin und wieder nicht zu, und keiner weiß warum. Das ist aber egel, weil man keinen wissenschaftlichen Beweis dafür braucht um zu wissen, dass man Freunde hat.
Ansonsten ist es mit den Bekanntschaften, wie mit so ziemlich allen anderen Dingen im Leben. Man kann nicht überall gleichzeitig sein und sich mit jedem verstehen. Manchmal lernt man, obwohl man sich gerne unterhalten würde, niemenden kennen. Manchmal trift man aber auch einen langjährigen Freund, als man nur seine Ruhe suchte.
Vielleicht spielt dir auch die Neugier (die übrigens etwas wertvolles ist) einen Streich. Wenn man nämlich zu viel beobachtet, was um einen herum alles möglich sein könnte, kann es passieren, dass man übersieht, was man eigentlich hat. Glaube nicht, dass du zu schüchtern bist. Du hast doch Freunde.

Viele Grüsse,

Hilmar

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Hey das ist echt mal ne gute Frage. Ich glaube das kennt jeder, aber vielen wird das „Problem“ gar nicht bewußt oder erst viel später, wenn man Kontakt zu jemandem aus einer anderen Gruppe aufnehmen möchte und längst nicht mehr daran denkt, wie einfach es anfangs gewesen wäre.
Ich denke es existiert da eine wirkliche Barriere. Wenn sich anfangs niemand kennt, kann jedes Gesprächsthema aufgegriffen werden, um eine gemeinsame Basis zu schaffen, oder Gemeinsmkeiten und Unterschiede in den Einstellungen festzustellen. Diese Belanglosigkeit (small talk) entwickelt sich bei Gemeinsamkeiten aber schnell weiter zu einer vertieften Kennenlernmöglichkeit, wobei die Belanglosigkeiten, die ja nur dazu dienten, das Gespräch zu beginnen, auch wirklich überflüssig werden.
Wenn jetzt jemand aus einer anderen Gruppe, der diese Progression nicht mitgemacht hat, sich zu der Gruppe gesellt, fehlt ihm die Basis, die ganzen Themen, die bereits abgehandelt wurden, um Einstellungen zu testen. Würde dieser Jemand beginnen, einfach mitzureden, wären die anderen irritiert, da sie dessen Einstellungen und Kompatibilität zur Gruppe noch nicht kennen. Andererseit, wenn der Neue nur Small Talk hält, wird dies vielleicht auch als störend empfunden, da alle anderen diese Phase bereits abgeschlossen haben. Dabei spielt es natürlich eine große Rolle, in welcher Situation das Kennenlernen erfolgt ist und wie fest die Bindung bereits ist.
Ich denke ein Kennenlernen kann dann am besten erfolgen, wenn man jemanden einzeln antrifft, da dann beide wieder das Spielchen von vorne beginnen müssen.

Hallo Lena,
klasse wie genau Du beschreibst - zeigt eine gute Beobachtungsgabe!
Diese Gruppenbildung und das dazugehörige Schubladendenken entspricht unserer rein biologischen Programmierung.
Um (überleben) durchkommen zu können suchen wir Unterstützung, die erhalten wir(glauben wir) von denen (aus Erfahrung gelernt - mir tun starke Menschen gut/ ich brauche Untertanen / ich brauche Genies/ Ich will gleichberechtigte), mit denen wir uns letztendlich zusammentun (den scheinbar nützlichsten, stärksten, unseren bedürfnissen entsprechenden ).

Die einzige Chance die Du hast, ist Dich aus dieser Gruppenbildung auszugrenzen und damit - oberflächlich zu bleiben.
Denn nur über Kommunikation - und zwar recht viel davon - entwickelt sich Nähe und Zugehörigkeit.
Wechselst Du ständig die Kommunikationspartner, weißt Du von vielen ein wenig, nicht wie bisher von einigen viel.

Ein Gruppenwechsel - nachdem Du Dich einer Gruppierung zugeordnet hast ist schwierig, ist er doch Verrat…Du hast Tiefgang gehabt und wechselst mit diesem Wissen - puh, könnte Abwertungen zur Folge haben.

Wenn Du es aushalten kannst, ohne Dich anzuschließen und Dich darzustellen/präsentieren die Gruppenbildung zu beobachten, kannst Du eine neutrale Position einnehmen. Kommt jemand in die Tiefgangphase, solltest Du dies jedoch zulassen, Deinerseits den Kontakt auf Angebot wahrnehmen, aber nicht selbst suchen.
Damit führst Du eine künstliche Situation der Neutralität herbei, kann zu Verunsicherung Deiner und anderer führen und auch übel enden, oder führt zu einer Oberflächlichkeit mit der Du vielleicht dann auch nicht sein willst…

Probiere verschiedene Haltungen mal aus, distanziert, Nähe zu jedem suchend, alte Muster - schau wo Du Dich wohl fühlst.

Es gibt viele Gruppen in denen man so etwas üben und probieren kann, mit Deiner Beobachtungsgabe, kannst Du uns dann bestimmt interessantes berichten.
Gruß Petra

Hallo Lena,
klasse wie genau Du beschreibst - zeigt eine gute
Beobachtungsgabe!

Vielen Dank, so kann man es auch nennen :wink:

Probiere verschiedene Haltungen mal aus, distanziert, Nähe zu
jedem suchend, alte Muster - schau wo Du Dich wohl fühlst.

Es gibt viele Gruppen in denen man so etwas üben und probieren
kann, mit Deiner Beobachtungsgabe, kannst Du uns dann bestimmt
interessantes berichten.

Das Ganze ist eher aus Langeweile entstanden, weil ich festgestellt habe, dass ich im Endeffekt immer ähnliche Leute treffe und kennen lerne, die mir dann irgendwann immer auf dieselbe Art und Weise auf die Nerven gehen. Klar kenne ich auch andere Leute, aber ein bestimmter Typ häuft sich irgendwie… Wenn ich das nächste Mal in einer entsprechenden Gruppe unterwegs bin, probier ich einfach mal ein bischen rum…

Dankeschön, für die ausführliche Antwort,

Lena

Gruß Petra

Hey das ist echt mal ne gute Frage.

Das finde ich super, dass jemand dieses Thema genauso spannend findet!! :wink:

Ich glaube das kennt
jeder, aber vielen wird das „Problem“ gar nicht bewußt oder
erst viel später, wenn man Kontakt zu jemandem aus einer
anderen Gruppe aufnehmen möchte und längst nicht mehr daran
denkt, wie einfach es anfangs gewesen wäre.

Also, scherzhafter Aufreißtipp: Das Objekt der Begierde anquatschen, bevor es merkt, worums geht…

Ich denke es existiert da eine wirkliche Barriere. Wenn sich
anfangs niemand kennt, kann jedes Gesprächsthema aufgegriffen
werden, um eine gemeinsame Basis zu schaffen, oder
Gemeinsmkeiten und Unterschiede in den Einstellungen
festzustellen. Diese Belanglosigkeit (small talk) entwickelt
sich bei Gemeinsamkeiten aber schnell weiter zu einer
vertieften Kennenlernmöglichkeit, wobei die Belanglosigkeiten,
die ja nur dazu dienten, das Gespräch zu beginnen, auch
wirklich überflüssig werden.
Wenn jetzt jemand aus einer anderen Gruppe, der diese
Progression nicht mitgemacht hat, sich zu der Gruppe gesellt,
fehlt ihm die Basis, die ganzen Themen, die bereits
abgehandelt wurden, um Einstellungen zu testen. Würde dieser
Jemand beginnen, einfach mitzureden, wären die anderen
irritiert, da sie dessen Einstellungen und Kompatibilität zur
Gruppe noch nicht kennen. Andererseit, wenn der Neue nur Small
Talk hält, wird dies vielleicht auch als störend empfunden, da
alle anderen diese Phase bereits abgeschlossen haben. Dabei
spielt es natürlich eine große Rolle, in welcher Situation das
Kennenlernen erfolgt ist und wie fest die Bindung bereits
ist.

Das stimmt - diese Situation hatte ich vor Kurzem erst. Eine Freundin hat mich mit in ihren Freundeskreis genommen, das ist wirklich schwierig, weil man ständig fragt: „Ah, und warum? — mmhh Moment, wieso ist der soundso? Was hat die mit der am Hut?“ Es geht auch, aber sehr schwierig…

Ich denke ein Kennenlernen kann dann am besten erfolgen, wenn
man jemanden einzeln antrifft, da dann beide wieder das
Spielchen von vorne beginnen müssen.

Das ist aber nur solange einfach, wie man zu zweit bleibt. Kommen Menschen dazu, die der eine oder der andere schon kennt, dann geht das Ganze wieder so, wie in dem Gruppenmeeting…

Lena