Hallo zusammen,
in meinem Umfeld habe ich gerade folgende Situation und wurde um Rat gebeten, komme aber noch nicht mal mit meiner Meinungsbildung voran, weshalb ich für Eure Meinungen und Impulse sehr dankbar bin.
Folgendes Szenario:
Ein Vater, der sein Kind sein Leben lang mehr als schlecht behandelt hat und sich in dem Moment zurückgezogen hat, als sein Kind erwachsen genug war sich zu wehren, liegt im Sterben.
Dabei begreift der Vater in Zügen, was er dem Kind angetan hat und bittet es um Vergebung.
Das Kind würde gerne vergeben und arbeitet an sich darauf hin, kann es aber (noch) nicht, Schmerz und Nachwirkungen vom Gewesenen sind noch zu massiv vorhanden.
Hülfe es irgendjemandem, wenn das Kind sagte „ich vergebe dir“, wohlwissend, daß dies die letzte Möglichkeit für sowas wäre, inklusive des Gedankens, daß diese Aussage vielleicht später im Leben des Kindes sogar stimmig wird oder wäre es nichts anderes als eine reine Lüge?
Ich bin unsicher, ob man in solcher Situation überhaupt etwas raten kann, aber durch Für- und Widergedanken lässt sich für den Betroffenen vielleicht etwas mehr Klarheit in die Situation bringen.
Es ist natürlich eine Lüge!
Ich persönlich würde aber wahrscheinlich sagen das ich ihm vergebe, wenn ich für mich irgendwann die möglichkeit sehen würde das ich es vielleicht könnte. Ich bin eben der Meinung das wenn dem sterbenden meine Worte helfen zu sterben dann will ich es versuchen und hoffen das auch für mich jemand alles versuchen würde um mir zu helfen.
Ich bin der Überzeugung das jeder nach dem Tod sowieso das bekommt was er sich im Leben verdient hat, egal ob ihm nun von menschlicher Seite vergeben wird.
gruß Lisa
Ein Mensch, der von seinem Vater immer schlecht behandelt wurde, kann sein ganzes Leben lang darunter leiden, weil er dadurch einfach geprägt wurde. Dies zu überwinden kann sehr sehr lange dauern.
Immerhin sieht der Vater kurz vor seinem Ende, was er getan hat. Der Wunsch, dafür Vergebung zu erfahren ist nachvollziehbar. Sein Kind sollte aber keinem Druck ausgesetzt werden, nur damit der Vater beruhigt sterben kann.
Nun sind ja beide Möglichkeiten - ihm nicht zu vergeben oder ihn anlügen und sagen, man würde ihm vergeben - keine zufriedenstellenden Lösungen.
Aus diesem Grund bin ich wieder einmal der Meinung, dass die Wahrheit immer noch die beste Antwort ist: Vielleicht mag sein Kind mit ihm reden und sagen, dass es einfach noch zu weh tut, als dass er jetzt vergeben kann, dass er aber daran arbeitet, all das zu überwinden und hofft und anstrebt, ihm irgendwann zu verzeihen. Das liegt aber in der Zukunft und kann möglicherweise erst nach seinem Tod passieren.
Schuld sollte nicht thematisiert werden. Der Vater hat seine Schuld erkannt und muss das mit sich selbst ausmachen und wird dafür niemals vollständige Absolution von seinem Kind bekommen können. Und das Kind sollte keine Schuldzuweisung erfahren, wenn es noch nicht vergeben kann.
nein! Ich würde ihm nicht vergeben. Es ist mein Leben, dass ich weiter führen muss.Vielleicht könnte ich es ihm nie verzeihen und habe mich dann doch wieder von ihm so umwickeln lassen. Er hatte sicherlich ausreichend Möglichekeiten sein Leben zu ändern. Er hat es nicht getan. Und jetzt soll das Kind sich evtl. noch damit belasten, damit er in Ruhe sterben kann?
Es ist sein Sterbeprozess und er muss selber damit klar kommen, wie er für sich Abschied nimmt und mit der Welt abschließt. Dafür sind nicht seine Kinder und Opfer zuständig.
Vielleicht sehe ich das zu hart, aber ich habe selber in meiner Familie Angehörige mit denen ich ein sehr schlechtes Verhältniss habe. Und ich werde jetzt nicht plötzlich einen auf beste Freundin machen, „nur“ weil diese Person stirbt. Das wäre doch gelogen.
… Das Kind würde gerne vergeben und arbeitet an sich darauf hin, kann es aber (noch) nicht, Schmerz und Nachwirkungen vom Gewesenen sind noch zu massiv vorhanden.
Das ist dann wohl auch sein gutes Recht, wieso sollte es schaffen können, was ein Erwachsener nicht schaffen konnte?
Hülfe es irgendjemandem, wenn das Kind sagte „ich vergebe dir“ …
Es würde dem Erwachsenen helfen.
Es ist ein heißes Eisen, wenn man als Erwachsener etwas Grundlegendes (oder irre ich mich da?) an seinem Kind vergeigt hat, dieses nun aber in der Zeit des Sterbens um Vergebung bitten will.
Manche finden Trost in den Worten eines Pfarrers, der ihnen vergibt. Manche müssen sich selbst vergeben können.
Der „Freispruch“ durch sein Kind erscheint mir als die schlechteste Idee, es verlagert die Verantwortung nur wieder auf das Kind.
Das erscheint mir völlig verdreht.
ich sehe es ähnlich „hart“ wie einer meiner Vorredner. Ich persönlich würde diesem Vater nicht vergeben.
Denn wer war denn hier der mündige Erwachsene, derjenige mit Lebenserfahrung, Horizont, emotionaler Reife und Verantwortung? Das Kind war dem Erwachsenen ausgeliefert und der Erwachsene hat dieses Vertrauen missbraucht, dem Kind wehgetan.
Und als sich das Kind wehren konnte und der Erwachsene seine letzte Chance hatte diese Verletzungen die er dem Kind antat zu klären, einen neuen Weg einzuschlagen, Verzeiung zu erarbeiten, da hat sich der Erwachsene feige zurück gezogen. Sehr reife Handlung.
Und nun - sorry ich kann da nur zynisch werden - kraucht der kalte Odem des Todes über die Bettdecke und Papa möchte eine Generalabsolution vom Kind haben, damit er in Ruhe die Augen schließen kann, ohne schlechtes Gewissen, a la „ich habe meine weltlichen Dinge geregelt und bin bereit für neue Sphären“.
Wieso sollte das sein Kind hochherzig machen? Weil es ja von klein auf alles machen musste was Papa sagte? Weil Papas Tage gezählt sind? Wäre für mich kein Grund. Denn das Kind muss mit den Verletzungen dieses miesen Vaters noch weitere 40 Jahre leben. Und das „Verzeihen auf dem Sterbebett“ machts nicht besser oder einfacher. Diese Übung dient nur dem eigentlichen Täter das Ende zu erleichtern. Ein milder Gnadenbeweis der Papa, damals als er alle Möglichkeiten in der Hand hatte nie in den Sinn kam. Wieso sollte das Kind Papa also diesen Gefallen tun? Vielleicht aus Großmut und Menschlichkeit. Wenn er darauf steht, soll er/sie. Ich würde meinen Vater so billig nicht davon kommen lassen. Denn wenn es ihm irgendwann mal wichtig gewesen wäre dies alles zu klären und Vergebung zu erhalten, hätte er „früher aufstehen müssen“. Im wahrsten Sinne des Wortes.
ich sehe es ähnlich „hart“ wie
Wieso sollte das sein Kind hochherzig machen?
Weil die meisten von uns in dieser Situation (der des Kindes) sich Jahre später noch Gedanken und eventuell Vorwürfe darüber machen würden, dass man diese letzte Chance unbenutzt vorübergehen hat lassen.
Für die Seelenruhe des Kindes ist die Aussprache (wie in einem Post beschrieben, diese muss nicht unbedingt mit Vergeben enden) meist der bessere Weg. Nicht, um es dem Vater leichter gemacht zu haben, sondern damit man selbst damit abschließen kann und sich nicht jahrelang noch Gedanken macht, ob man zu hartherzig reagiert habe.
Ich bin unsicher, ob man in solcher Situation überhaupt etwas
raten kann, aber durch Für- und Widergedanken lässt sich für
den Betroffenen vielleicht etwas mehr Klarheit in die
Situation bringen.
Mit dem Vergeben ist es wie mit dem Vertrauen: Man kann es nur schenken.
Ich denke mir, dass auch der Vergebende einen großen Gewinn aus der Situation ziehen kann, nämlich die Versöhnung. Versöhnung mit dem Vater, mit der Vergangenheit, mit sich selbst. Das kann ein großer, hilfreicher Schritt sein zur Heilung der Wunden, ein Schritt in eine neue Freiheit.
Gruß,
Anja
für die das Vergebenkönnen ein Zeichen von Größe darstellt.
Ein Vater, der sein Kind sein Leben lang mehr als schlecht
behandelt hat und sich in dem Moment zurückgezogen hat, als
sein Kind erwachsen genug war sich zu wehren, liegt im
Sterben.
Das kommt darauf an, ob das „Gewesene“
vergebbar ist oder nicht. Was bedeutet
dieses „mehr als schlecht behandelt“
konkret?
Wie kann man hier eine Empfehlung
aussprechen, ohne das zu wissen?
Das Kind würde gerne vergeben und arbeitet an sich darauf hin,
kann es aber (noch) nicht, Schmerz und Nachwirkungen vom
Gewesenen sind noch zu massiv vorhanden.
Das sagt alles aus. Genau so (also in dem Sinne) und nicht anders - so würde ich raten - soll das „Kind“ es dem Vater sagen.
Hülfe es irgendjemandem, wenn das Kind sagte „ich vergebe
dir“,…
Nein. Weder dem Sterbenden noch dem Kind.
Was aber ein anderer Ansatz sein könnte, der im Zweifel beiden hilft: Das Ziel sollte sein, den Frieden miteinander zu finden. Frieden finden und vergeben ist zweierlei!
Was an einer Auffoderung / Bitte zur Vergebung schwierig ist: Das Kind („Opfer“) kann zwar durch die Vergebung auch seinen Frieden finden, letzteres ist aber eben nicht Ziel, sondern - noch nicht mal sicheres - „Abfallprodukt“. Wovon das Kind aber etwas hätte, wäre seinen eigenen Freiden machen zu können. Und der macht sich nun mal meist besser, wenn das Gegenüber noch lebt. Das heißt unter dem Blickwinkel kann „das Kind“ die Auseinandersetzung mit dem Vater auch als Chance sehen. Aber solch ein Prozess wirkt und funktioniert m.E. eben nur auf Basis von Ehrlichkeit, die - wenn sie das Ziel des Friedens für beide hat - keine brutale Ehrlichkeit sondern im Zweifel eine behutsamere Form ist.
klar, es hülfe dem Vater, wenn das Kind verzeihen würde - das wäre mir als Kind aber unter den von dir erwähnten Umständen ziemlich schnuppe und die Frage würde sich entsprechend nicht stellen.
Stellt sich aber die Frage, warum derjenige überhaupt darüber nachdenkt - wäre Verzeihen derzeit tatsächlich unmöglich oder wäre der Vater einem egal, käme doch die Frage gar nicht erst auf?
Großer Dank an euch alle!
Gerade komme ich nach Hause zurück und finde all eure Antworten - vielen, vielen Dank für eure Mühe der Auseinandersetzung mit dem Problem und den sehr hilfreichen Anmerkungen!
Nun werde ich erstmal alle Antworten ausdrucken und dann in Ruhe eure Aspekte durchgehen und mit dem betroffenen Freund darüber sprechen. Dann melde ich mich wieder und berichte.
(Mir persönlich gefallen diejenigen Gedankengänge um eine ehrliche Ausführung am meisten; also nicht vergeben und nicht nicht vergeben, sondern es tatsächlich so zu sagen wie es ist, nämlich daß der Vergebungswunsch da ist, aber noch keine Endgültigkeit erreichen kann. Ich kann mir vorstellen, daß dies eine adäquate Lösung für den Betroffenen sein könnte, aber ich mutmaße nur).
Aufgrund der Situation bleibt nicht lange Zeit für eine Entscheidung, und so werde ich in in Kürze hier nochmals Laut geben und berichten können, wie die Entscheidung fällt.
Ganz, ganz herzlichen Dank für eure schnelle Hilfe!!(Und pardon, daß ich an dieser Stelle nicht explizit auf einzelne Beiträge eingehe, aber die Sache drängt eben und ich möchte schnellstmöglich mit dem Freund über diese neuen Impulse sprechen).