Hallo
Das ist - denke ich - hinreichend klar geworden.
gerade den Eindruck habe ich eben nicht - wie auch das Posting von VAST hier zeigt. Es ist nach meinem Eindruck weniger die Bedeutung des Wortes (ein Mensch, der reflexartig die political correctness Anderer überwacht und ggf. einklagt), die sich gewandelt hat als der Gebrauch - d.h. die Motivation, mit der das Wort ‚Gutmensch‘ gebraucht wird. Gerade im Witzebrett hier wird das deutlich, wo - ebenfalls reflexartig - das Gutmensch-Verdikt verhängt wird, wenn sich jemand über Witze beklagt, weil sie bestimmte Grenzen überschreiten.
Nun ist es sicher richtig, dass zum einen die Grenzüberschreitung ein nicht unwesentliches Moment vieler Witze ist und die Grenzziehung zwischen Witz und beispielsweise rassistischer Verächtlichmachung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen ebenfalls individuell sehr unterschiedlich ausfällt. Man könnte es schlicht als eine Frage des Geschmacks, der guten Kinderstube abtun, wo der einzelne seine persönliche Grenze zieht. Angemessen erscheint mir dies in Hinblick auf die historische Erfahrung mit diffamierenden Witzen als propagandistischem Mittel, allgemeine Akzeptanz für eine reale Verfolgung von Minderheiten zu fördern, allerdings nicht. Insofern ist es schon ein sehr großer Unterschied, ob man Witze über Ostfriesen oder Offenbacher macht oder aber über Zigeuner, Juden oder Türken.
Es bleibt das Gefühl, dass der Gutmensch-Vorwurf dazu dienen soll, sich generell dem Appell, Grenzen zu respektieren, zu verweigern. Und eben dies ist die ‚rechte Ecke‘, aus der auch nach meiner Wahrnehmung in letzter Zeit zunehmend der Gutmensch-Vorwurf kommt. Da sollen schlicht und einfach Äußerungen bestimmter Art - beileibe nicht nur Witze - wieder salonfähig gemacht und diejenigen, die sich gegen eine solche Verrohung von Sprache und Denken wehren, als überempfindliche Vertreter übertriebener political correctness diffamiert werden.
Zumindest, was das Witzebrett angeht, ist eines klar - nicht jeder findet jeden Witz lustig. Wenn sich allerdings Leute beklagen, dass ein Witz menschenverachtend und verletzend ist, dann stimmt in der Regel mit dem Witz etwas nicht - eher selten mit dem, der sich beklagt. Eindeutige Handelsmaximen kann man da nicht vorgeben - es ist eine slippery-slope-Situation. Im Zweifelsfall dürfte es für den gerügten Erzähler am angemessensten sein, zur Kenntnis zu nehmen, dass der Witz nicht den Effekt gehabt hat, den er (hoffentlich) eigentlich haben sollte - andere Menschen zu erheitern - und daraus zu lernen. Sich statt dessen über die übertriebene moralische Empfindlichkeit des nicht amüsierten Teils des Publikums zu beschweren, halte ich für weniger angemessen - man setzt sich damit dem Verdacht aus, dass nicht nur mit dem Witz, sondern auch mit dem Witzeerzähler etwas nicht stimmt.
Freundliche Grüße,
Ralf