Haben zu = müssen

Hallo,

bekanntlich gibt es die Konstruktion „etwas zu tun haben“ im Sinne von „müssen“. Beispiel: Ich habe einen Brief zu schreiben = Ich muss einen Brief schreiben. Man kann auch sagen: Ich habe zu arbeiten = Ich muss arbeiten. Man kann aber nicht sagen: *Ich habe umzuziehen. Warum nicht? Ich bin schon dahinter gekommen, dass die Konstruktion immer bei transitiven Verben zu funktionieren scheint. Aber warum geht das bei „arbeiten“ aber nicht bei „umziehen“? Kennt jemand eine Regel, wann man so sagen kann und wann nicht?

Danke im Voraus und Grüße

Marco

Man kann aber nicht sagen: *Ich habe umzuziehen.

Wie kommst du darauf?
Wer sagt das?
Hast di einen Beleg dafür?

Gruß Fritz

Man kann aber nicht sagen: *Ich habe umzuziehen.

Wie kommst du darauf?
Wer sagt das?
Hast di einen Beleg dafür?

Es klingt einfach nicht. Wenn du der Meinung bist, dass man IMMER und bei JEDEM Verb „haben zu“ verwenden kann, sag das bitte

Gruß Marco

Hallo, Marco,
wenn ich einen Job in einer anderen Stadt annehme, bei dem ich 24/7 verfügbar sein muß, dann habe ich umzuziehen, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Nein, an 4.6.08 kann ich sie leider nicht aufsuchen, denn an diesem Tag habe ich umzuziehen, da die Möbelpacker schon bestellt sind.

Reicht Dir das als Beispiele?

Grüße
Eckard

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müssen, sollen = haben zu, sein zu

Hallo, Marco

Aktive Sätze, die mit den Modalverben ‚müssen‘ oder ‚sollen‘ einen Zwang oder eine Notwendigkeit
ausdrücken, können mit ‚haben zu‘ gebildet werden:

„Alle Reisenden müssen (sollen) an der Grenze den Pass vorweisen.“
„Alle Reisenden haben an der Grenze den Pass vorzuweisen.“

Passive Sätze, die mit den Modalverben ‚müssen‘ oder ‚sollen‘ einen Zwang oder eine Notwendigkeit
ausdrücken, können mit ‚sind zu‘ gebildet werden:

„An der Grenze müssen (sollen) die Pässe vorgewiesen werden.“
„An der Grenze sind die Pässe vorzuweisen.“

Hilke Dreyer, Richard Schmitt: Lehr- und Übungsbuch der deutschen Grammatik (Hueber 2002),
ISBN:3191172556 Buch anschauen

Gruss
Adam

Hallo, Marco!

Es klingt einfach nicht.

Das ist kein Beleg. Nicht mal ein Argument. Das ist das fatale Sprachgefühl, dessen Existenz ich entschieden ableugne.
Was du nicht kennst, klingt DIR einfach nicht gut.
Darauf nimmt eine Grammatikregel keine Rücksicht.

Wenn du der Meinung bist, dass man IMMER und bei JEDEM Verb „haben zu“ verwenden kann, sag das bitte

Dies ist nicht meine Meinung, sondern mein und vieler anderer Wissen.
Siehe Eckard nebenan.

Daher läge es an dir, deine Ansicht zu begründen, wenn du anderes Wissen dein eigen nennst.

Gruß Fritz

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Hi,

wenn ich einen Job in einer anderen Stadt annehme, bei dem ich
24/7 verfügbar sein muß, dann habe ich umzuziehen, da beißt
die Maus keinen Faden ab.

So sehe ich das auch, obwohl ich keine REgel formulieren kann oder weiß. Wenn die Verpflichtung von außerhalb kommt (also von jemand anderem, nicht von dem, der tut - umzieht, arbeitet, etc), dann heißt es „haben zu“:

Ich muss auf die Toilette. (=Blase drückt)

Wenn die Verpflichtung von innen kommt, aus dem Handelnden selbst dann „muss“

Ich habe auf die Toilette zu gehen. (= Mami hat mich geschickt, damit ich nicht gleich auf der ersten Autobahnraststätte wieder raus will. Oder: = weil der Arzt gesagt hat dass ich gleich nach der OP wieer aufstehen soll und laufen.)

Hüllft dat?

die Franzi

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Hi, Franzi!

So sehe ich das auch, obwohl ich keine REgel formulieren kann oder weiß.

Du tust es aber. Und - meinem Dafürhalten nach - nicht ganz richtig.

Wenn die Verpflichtung von außerhalb kommt (also von jemand anderem, nicht von dem, der tut - umzieht, arbeitet, etc), dann heißt es „haben zu“
Ich muss auf die Toilette. (=Blase drückt)
Wenn die Verpflichtung von innen kommt, aus dem Handelnden selbst dann „muss“

Hüllft dat?

Ich fürchte nicht.

Diese Unterscheidung sehe ich nicht. Da ist mir einleuchtender, was mir eine liebe Freundin aus dem Waldviertel schrieb:

Wie denn sollte ich klar ausdrücken, dass der verdammte Fliederstrauch dieses Jahr endlich zu blühen HAT, weil er sonst rausgerissen wird.
Oder könnte man einen Wunsch sehnsüchtiger und hilfeheischender ausdrücken, als nach einem Unfall zu sagen " er hat nicht zu erblinden!!!" - es hat einfach nicht zu passieren.
Mir scheinen diese Formulierungen nachdrücklicher - oft gepaart mit einer (kindlichen) Naivität - eine Notwendigkeit oder einen Wunsch auszudrücken, als das simple müssen.

Gruß Fritz

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Diese Unterscheidung sehe ich nicht.

Schade, denn genau das ist der entscheidende Punkt: Man kann das Modalverb ›müssen + Infinitiv‹ nur dann durch ›haben + zu + Infinitiv‹ ersetzen, wenn ›müssen‹ ausdrückt, dass ein externer Wille – zum Beispiel gesellschaftliche Normen, juristische Vorschriften usw. – die im Infinitiv beschriebene Handlung zu erzwingen versucht, also notwendig oder zumindest ratsam erscheinen lassen. Testen wir mal die Sätze, die im Wörterbuch als Beispielsätze zu ›müssen‹ gegeben werden. Zwei gehen problemlos:

(1) Sie muss um 8 Uhr im Büro sein. → Sie hat um 8 Uhr im Büro zu sein.
(2) Der Brief muss […] abgeschickt werden. → Der Brief hat abgeschickt zu werden.

Bei einem der Sätze finde ich die Umformung nicht wirklich glücklich:

(3) Sie musste heiraten. → ? Sie hatte zu heiraten.

Der Satz müsste perfekt funktionieren, weil gesellschaftlicher Zwang die benannte Handlung erforderlich macht, klingt aber für mich merkwürdig. Das mag daran liegen, dass ›heiraten müssen‹ als Euphemismus für ›Es war ein Kind auf dem Weg, das nicht unehelich zur Welt kommen sollte‹ ins Idiomatische geht. Bei anderen Sätzen ist die Bedeutung gar nicht zu erhalten:

(4) Wir mussten lachen. → * Wir hatten zu lachen.
(5) Das musst du doch verstehen. → * Das hast du doch zu verstehen.
(6) Was habe ich da über dich hören müssen? → * Was habe ich da über dich zu hören gehabt?
(7) Ihr müsst das nicht so ernst nehmen. → * Ihr habt das nicht so ernst zu nehmen.
(8) Er muss jeden Moment kommen. → * Er hat jeden Moment zu kommen.
(9) So müsste es immer sein. → * So hätte es immer zu sein.

Natürlich ist ›Wir hatten zu lachen.‹ ein akzeptabler deutscher Satz, aber nicht mit der Bedeutung ›Aus innerem Antrieb konnten wir nicht anders, als zu lachen.‹ Man sieht außerdem, dass eine epistemische Verwendung des Modalverbs die Umformung blockiert: ›Das musst du doch verstehen.‹ bedeutet eher ›Ich denke/hoffe, dass du das verstehst.‹ als ›Du bist gezwungen, das zu verstehen.‹ – so wie ›Er muss jeden Moment kommen.‹ nicht ›Er ist gezwungen, jeden Moment zu kommen.‹ bedeutet, sondern ›Ich denke/hoffe, dass er jeden Moment kommt.‹

der verdammte Fliederstrauch dieses Jahr endlich zu blühen HAT

Auf diesen Satz ist das Geschriebene problemlos anzuwenden. Ein externer Faktor, die Gärtnerin, versucht, das Blühen des Strauchs zu erzwingen. ›Der Strauch muss blühen.‹ ist ja nicht synonym mit ›Der Strauch verspürt einen inneren Zwang, zu blühen.‹, sondern ›Jemand hat gefordert, dass der Strauch blüht.‹

„er hat nicht zu erblinden!!!“ - es hat einfach nicht zu passieren.

Bei ›dürfen + nicht + Infinitiv‹, das man zu ›haben + nicht + zu + Infinitiv‹ transformieren kann, ist der Bedeutungsspielraum noch geringer: In den meisten Fällen ist eine »extrasubjektive Quelle der Modalität« – so drückt es beispielsweise der Grammatik-DUDEN aus – vorausgesetzt. ›Er darf nicht erblinden.‹ bedeutet also: ›Ich versuche, ihm die Erlaubnis zu entziehen, zu erblinden.‹ – genauso wie ›Er hat nicht zu erblinden.‹ Der Eindruck kindlicher Naivität wurzelt offensichtlich darin, dass in den von dir zitierten Sätzen versucht wird, auf etwas Zwang auszuüben, das keinen Willen besitzt, der sich diesem Zwang beugen könnte, bzw. einer Handlung die Erlaubnis zu entziehen, die nicht von der (Miss-)Billigung des Sprechers abhängig ist.

Gruß
Christopher

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Rücknahme
Hi, Franzi!

Nach den ausführlichen Ausführungen von ChB nehme ich die meinen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück.

Ich habe ganz offensichtlich einen Aspekt vernachlässigt.

Verzeih!
Und Gruß
Fritz

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Hi,

Verzeih!

Ja aber was denn … es gibt nichts, das ich zu verzeihen hätte … oder müsste … :smile:

Die Franzi

auch für Franzi und Fritz:smile:
Servus, Christopher:smile:

Die Zitierte meldet sich…*lach*…war aus Zeitmangel nicht vorher möglich. Ein wenig habe ich Fritz da

Diese Unterscheidung sehe ich nicht.

hineingeritten:smile:

Obwohl ich mich in meinem mail an Fritz ursprünglich auf das Ausgangsposting von Marco bezog und die Flieder- und blind - Beispiele zeigen sollten, dass sich die „haben zu“ Konstruktion mannigfaltig verwenden lässt, habe auch ich Franzis Erklärung bezweifelt.

Dank deiner Erklärung bin ich g’scheiter und bitte Fritz fürs „Reinreiten“ und Franzi sowieso um Entschuldigung…*lächel*

Lieben Gruß aus dem Waldviertel, jenny

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