Hallo Andreas,
immer wieder wird Goethes Rezeption des persischen Dichters
Hafis als beispielgebend für den Dialog der Kulturen gedeutet.
Stimmt das? Oder hat der Geheimrat nicht einfach seine Ideale
in einen ihm fremden Dichter projeziert?
Nun, ich denke eine (wenn auch nicht beidseitig) befruchtende Wirkung ist da nicht zu leugnen. „Beispielgebend für den Dialog der Kulturen“ ist aber vielleicht doch ein wenig hoch gehängt - wobei man allerdings zugeben muss, dass Goethes Auseinandersetzung mit persischer Lyrik sicher mehr war als das Verwenden wohlfeiler exotischer Versatzstücke. Goethe hatte Hafiz durch die 1812/13 erschienenen Übersetzungen Joseph von Hammers kennengelernt, wobei sich vor ihm schon Herder mit mittelalterlicher persischer Dichtung beschäftigt hatte. Wieviel an der Rezeption eines Dichters aus dem persischen Mittelalter Projektion ist bzw. war, wird sich wohl nicht genau quantifizieren lassen. Auch unsere zeitgenössische Rezeption Goethes ist sicher nicht von Projektionen frei - und da ist der zeitliche und kulturelle Abstand doch deutlich geringer … 
Und noch eine andere Frage: Hat Hafis im persischen
Kulturkreis eine ähnliche Bedeutung wie Goethe für uns. Kann
man davon ausgehen, dass der einigermaßen Gebildete Hafis
kennt?
Aber ja! Die klassische persische Literatur ist überaus vielfältig und reich an hervorragenden Autoren. Darunter gibt es einige, die einen besonderen Rang einnehmen - genau gesagt (nach klassischer Zählung) sechs, die gewissermaßen Maßstab und Modell der von ihnen jeweils bevorzugten poetischen Form vorgaben. Dazu gehört Hafis (oder nach heute meist üblicher ‚westlicher‘ Schreibweise Hafiz) allemal. Die sechs im Einzelnen:
Ferdowsi (Hakim Abol Qasem Ferdowsi Tousi, 935-ca.1020) - Autor des persischen Nationalepos ‚Shahnameh‘.
Khayyam (Ghiyath al-Din Abu’l-Fath Umar ibn Ibrahim Al-Nisaburi al-Khayyami, 1048-1131) - Meister des Rubaiyat (eine vierzeilige poetische Form). Außerdem bedeutender Astronom und Mathematiker.
Anvari (Uhad Al-Din Ali Anvari, 1126-1190) - Panegyriker und Elegiker.
Rumi (Molana Jalal-e-Din Mohammad Molavi Rumi, 1207-1273) - Metaphysiker und Mystiker, Gründer des Sufi-Ordens der Molavi. Sein ‚Masnavi‘ ist eine ‚Philosophie in Versen‘.
Saadi (Sheikh Moshref al-din bin Mosleh al-din Saadi Shirazi, ca.1200-1292) - Kurzepik (sein Werk ‚Bostan‘) und Prosa vermischt mit Kurzgedichten und Aphorismen (im ‚Golestan‘).
und dann natürlich:
Hafiz (Khajeh Shamseddin Mohammad Hafiz Shirazi, 1320?1325?-1388/89) - Meister des Ghazal.
Die Ghazal (oder Ghasel / Gasel) war dann auch die poetische Form, die Eingang in die deutsche Lyrik fand - Strophen mit zwei Verszeilen nach dem Reimschema aa ba ca da ea usw … Die Form wurde u.a. von Rückert und Platen aufgegriffen - so viel noch zur ‚befruchtenden Wirkung‘. Aus Goethes ‚Divan‘ wüßte ich jetzt allerdings so spontan keinen Beleg …
Freundliche Grüße,
Ralf
P.S.: nicht, dass ich die genannten Autoren alle gelesen hätte - aber wer gerne orientalische Lyrik in englischen Übersetzungen liest, wird zu den meisten der Genannten reichlich Material im web finden. Gedichte von Hafiz in deutscher Übersetzung (verschiedene Übersetzer) kann man hier finden: http://gutenberg.spiegel.de/hafis/gedichte/0htmldir.htm