Vor einiger Zeit habe ich den Schriftsteller Hans Henny Jahnn entdeckt: Perrudja oder jetzt lese ich den ganzen Roman Fluss ohne Ufer. Ich bin fasziniert von der Vielfalt und Ausdruckskraft dieses Schriftstellers. Wie kommt es nur, dass er in der heutigen Zeit völlig verkannt wird? In der Schule oder im Literaturstudium lernt man ihn nur selten -wenn überhaupt- kennen. Viele andere Schreiber der Weimarer Republik sind bekannt, er nicht. Kann mir das einer erklären?
auf die Gefahr hin eine Monster Thread loszutreten. Was heißt völlig verkannt? Habe ihn in meinem PC Lexikon gefunden und auch im DTV Brockhaus im Bücherregal ist er mit ausführlicher Bibliographie erwähnt. Außerdem ist er in dem sternbuch über ?verbrannte? Dichter erwähnt und es gibt eine gute Fernseh-Dokumentation über ihn. (diese Art von Dokumentationen, die nie vor 1 Uhr nachts laufen )
Ich spekuliere mal:
1.) Er hat den meisten Menschen in der heutigen Zeit nichts zu sagen
2.) Kein Verlag traut sich an den Dichter heran und bemüht sich, ihn in der Leserschaft zu etablieren udn entsprechend zu bewerben.
3.) Als Büchernarr kann ich nur sagen, es gibt Bücher, von denen hast du noch nie gehört und plötzlich hast du es in der Hand. Du suchst nicht das Buch, sondern das Buch sucht Dich.(uiuiui, der Knautschke wird jetzt aber esoterisch)
Ich persönlich habe von Jahnn schon einiges gehört, aber noch nichts von ihm gelesen.
Jahnn ist ein ‚ungeheuerlicher‘ Dichter. Fast schutzlos in seiner literarischen Unmittelbarkeit, in seinem Schmerz über das kreatürliche Leiden, über die Ungerechtigkeiten, die Zerstörung von Schönheit, wird bei ihm die Sprache zu einem ungefilterten Aufschrei, dann wieder glättet sie sich zu einem entrückten Pathos, voller Sprünge und Disharmonien, polyphonisch wie seine geliebten vorbachischen Meister. Ein Literaturbetrieb, der sich die Gehrockprosa eines Thomas Mann zur Norm gesetzt hat, mußte fast zwangsläufig an so einem bedroht-bedrohlichen Kraftmenschen vorbeigehen, im Gedächtnis geblieben sind allenfalls die vermeintlichen Kruditäten, wie Knabenliebe, sadomasochistische Rituale, bizarre Hormonforschungen, sein angeblicher Neopaganismus, sein unzeitgemäßes Festhalten an der vorromantischen (getösefreien) Orgel und immer wieder diese überexpressionistische Sprache, etwa der ‚Medea‘. Daß kleinere Werke wie die ‚Nacht aus Blei‘ sich durchaus den Werken eines Gide oder Genet an die Seite stellen lassen, oder ‚Thomas Chatterton‘, den Grüngens in den 50ern aus der Taufe hob, geradezu Volksstückcharakter haben, wird dabei geflissentlich übersehen. Parallelen zur Jahnn-Rezeption finden sich auch in der Bedeutung Hubert Fichtes für den Literaturmarkt, einem Schützling Jahnns, dessen Forscherleben weitgehend ausgeklammert und dessen Romane oft als schwul, d.h. Klientelliteratur von nicht allgemeinem Interesse abgestempelt werden.