Hartmanns 'Erec', zweiter Abenteuerzyklus

Ich hab meinen Erec gerade nicht da, weil ich unterwegs bin, sonst würd ich selbst nachlesen…

Weshalb genau bricht Erec erneut auf Âventiurefahrt auf, nachdem er sich durch die Liebe zu Enite nicht mehr um die Alltagsgeschäfte gekümmert hat? Ist es eher um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen oder eher um sich selbst zu beweisen, daß er seine eigenen ritterlichen Tugenden noch nicht ganz verlernt hat?

Hallo Gargoyle,

Weshalb genau bricht Erec erneut auf Âventiurefahrt auf,
nachdem er sich durch die Liebe zu Enite nicht mehr um die
Alltagsgeschäfte gekümmert hat? Ist es eher um die Dinge
wieder in Ordnung zu bringen oder eher um sich selbst zu
beweisen, daß er seine eigenen ritterlichen Tugenden noch
nicht ganz verlernt hat?

Hartmann v. Aue gibt dafür überhaupt keine Begründung auf dieser Ebene, aber die zweite Erklärungsvariante ist IMHO viel zu individualpsychologisch gedacht. Die handelnden Personen in den mittelalterlichen Epen sind Rollenmuster, keine mit einer individuellen Psyche ausgestatteten Personen.

Der Auslöser ist allerdings, dass Erecs Hof Enite die Schuld an dem Niedergang gibt. Als Erec Enites Trübsal deswegen bemerkt, bricht er sofort zur zweiten Aventiurenfahrt auf.

Êrec wente sînen lîp
grôzes gemaches durch sîn wîp.
die minnete er sô sêre
daz er aller êre
durch si einen verphlac,
unz daz er sich sô gar verlac
daz niemen dehein ahte
ûf in gehaben mahte. (2964-2973)

des begunden vluochen
die in ane wunden
und im guotes gunden.
si sprâchen alle: ‚wê der stunt
daz uns mîn vrouwe ie wart kunt!
des verdirbet unser herre.‘ (2993-2998)

ouch gerouchte si erkenn daz
daz es ir schult wære. (3008 f.)

si vorhte daz si würde gezigen
von im ander dinge
und seite imz mit gedinge
daz er ir daz gehieze
daz erz âne zorn lieze.
als er vernam diu mære
waz diu rede wære,
er sprach: ‚der ist genouc getân.‘
zehant hiez er si ûf stân
… (3045-3053)

Ein Link:

http://deuserv.uni-muenster.de/StudentischesDiskussi…

Grüße
Wolfgang

‚doppelterDiskurs‘
Hallo Gargoyle, hallo Wolfgang,

bei der Frage, warum Erec in der Mitte der Handlung erneut
aventiuresuchend aufbricht hat sicherlich handlungslogische
Gründe, doch wie in all diesen frühen Ritterepen erscheint
deren Motivation sehr konstruiert (relativ). Dies liegt we-
niger daran, daß uns „Heutigen“ die Motivationslage der „Da-
maligen“ fremd ist, als an den formalen Vorgapen der Arthus-
epik.
Wie krumm ein Autor wie Hartmann sein Personal auch motiviert:
wesentlich ist, daß dieses und vor allem der Protagonist be-
stimmte Kriterien erfüllt. Eines dieser ist die doppelte Aven-
tiure (Bei Hartmann fällt mir da noch „Iwein“ ein, bei dem es
mit einem Gemetzel und dem Frieden danach auch nicht getan ist).
Zu beachten ist, daß die Zweite A. eine grundsätzliche Stei-
gerung der Leistungen in der Ersten darstellt. Dies hat Logik,
denn: Die Helden der Arthusepen demonstrieren in der Ersten A.
ihre Ritterfähigkeit auf unterem Niveau. Von solchen Rittern
gab es viele, wenn sie auch keine Durchschnittsritter waren.
Erst die Zweite A. beweist, daß Erec/Iwein etc nicht nur einer
Heirat mit der sozial so entfernten angebeteten Luxusmaus sozial-
technisch und realphysisch entsprächen, sondern daß sich das
Leistungsverhältnis umkehrt: Der Protagonist übertrumpft in
seiner Minne den Schwiegervater weit an ritterlichem Prestige,
so daß dieser, gäbe es die höfischen Regeln nicht, eigentlich
den Helden um eine Heirat mit seiner Tochter bitten müßte, da
es diesem aufrechten Drachenbezwinger ein leichtes wär, sich
der auch heute noch üblichen Form politischer Erpressung zu
bedienen. Helden tun dies aber nicht.
Kurz: Die Zweite A., aus dem minnebedingten Durchsetzungswillen
des Protagonisten geboren, führt den Helden aus der sozialen
Randstellung vor der Ersten A. zwei soziale Ebenen höher: Eine
Schröder-Stoiber-Show eben, nur existentieller!

Es bedarf keines psychologischen Trallalas, wie Wolfgang rich-
tig und vollständig klarstellt (ohnehin damals knapp 800 Jahre
zu früh) um die Motivation des Recken klar zu machen. Nach mehr
als 140 aventiures beanspruchte der große Ritter Marion, besser
bekannt als John Wayne, die Rechte an dem Satz für sich, der als
einzige realistische Motivation der Ritter für ihre Zweite A. gel-
ten kann: „Ein Mann muß tun, was er tun muß!“ = Im Arthusepos folgt
der Mann der ihm vorgegebenen Struktur: Als Bauer devot, als …,
als Ritter ritterlich, als Protagonist in der ersten A. als Hoffen-
der/in der zweiten als Bewiesener und Überlegener/Forderungsfähiger…

Daß die Frage nach einer konkreten Motivation marginal ist, läßt
sich vielleicht am Besten dadurch erahnen, wenn man sich vorstellt,
ein Mensch aus dem Jahr 2803 versuchte die Ego-Ernsthaftigkeit eines
Selbstflüchters, wie E.F.B. Brecht, sein Humanitätspathos und seine
Menschenverachtung im Großen und im Privaten zu verstehen.

Analogie??

x-nada

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Erec online - TITUS (was für die FAQs?)
Hallo nochmal Gargoyle,

Ich hab meinen Erec gerade nicht da, weil ich unterwegs bin,
sonst würd ich selbst nachlesen…

Wenn du deinen Erec mal wieder verlegt hast, kannst du ihn hier auch komplett online lesen:
http://titus.uni-frankfurt.de/texte/etcs/germ/mhd/er…

TITUS scheint übrigens ein recht umfangreicher Theasurus und Textcorpus diverser indogermanischer Text- und Sprachmaterialien zu sein. Bin eben erst draufgestoßen.
http://titus.uni-frankfurt.de/indexd.htm

Grüße
Wolfgang

Hartmann v. Aue gibt dafür überhaupt keine Begründung auf
dieser Ebene, aber die zweite Erklärungsvariante ist IMHO viel
zu individualpsychologisch gedacht. Die handelnden Personen in
den mittelalterlichen Epen sind Rollenmuster, keine mit einer
individuellen Psyche ausgestatteten Personen.

Der Auslöser ist allerdings, dass Erecs Hof Enite die Schuld
an dem Niedergang gibt. Als Erec Enites Trübsal deswegen
bemerkt, bricht er sofort zur zweiten Aventiurenfahrt auf.

Das ist interessant … Im „Iwein“ gibt es einen Bezug auf den Erec: Gâwein ermahnt nämlich Iwein, sich nicht zu verligen, sonst würde mit ihm dasselbe passieren wie mit Erec, dessen Ansehen flöten ging. (2781f.) Gâwein wertet also die Motivation für einen neuerlichen Aufbruch um.

Danke schön!

Hallo meursault :smile:
Erstmal vielen Dank auch für Deine Anregungen.
Eine Frage hätte ich allerdings noch:

Zu beachten ist, daß die Zweite A. eine grundsätzliche Stei-
gerung der Leistungen in der Ersten darstellt. Dies hat Logik,
denn: Die Helden der Arthusepen demonstrieren in der Ersten A.
ihre Ritterfähigkeit auf unterem Niveau. Von solchen Rittern
gab es viele, wenn sie auch keine Durchschnittsritter waren.

Wer denn noch außer Erec und Iwein? Es ist mir klar, daß sich die Anforderungen an den Ritter steigern müssen. Aber gibt es noch in anderen Texten der Artusepik so eine tiefgreifende „Zäsur“ in der Aventiurehandlung wie im Erec und im Iwein? Das würde mich sehr interessieren.


Lieber Gargoyle,

entschuldige, daß ich so spät antworte und vor
allem, daß ich nicht mit guten Nachrichten auf-
warten kann.
Die Literatur zum Thema habe ich 550 km von hier
gebunkert und mir fällt auch so kein anderer Titel
ein. Jedoch ist der Begriff „Doppelwegstruktur“
ein mediavistischer Topos. Wenn Du entsprechend
spezialisierte Lexika in der Uni-Bibliothek fin-
den würdest (offiziell wohl unter „Doppelter Kur-
sus“), müßten die Namen dort nur so purzeln.
Wichtig ist, daß sich diese Struktur nur über
einen relativ kurzen Zeitraum gehalten haben
muß (von frühestens 1100 bis maximal 1300) und,
daß jeder dieser Texte von „Cretién“ beeinflußt
sein muß (ergo: suche auch nach Cretién und des-
sen Epigonen).

Hätte Dir gern mehr geholfen.
Viel Glück!

x-nada

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