Hat die Buchhandlung eine Zukunft?

Hallo!

Ich möchte mich gerne mit einer Buchhandlung selbständig machen (bin gelernte Buchhändlerin). Doch irgendwie fehlt mir der Mut zum letzten Schritt. Fragen tauchen auf: Zieht das Medium Buch? Was muss / sollte ich alles beachten? Wieviel Eigenkapital benötige ich? Was bieten Verlage an? Welches ist der erste Schritt?
Wer hat Ahnung davon, weiss etwas, oder kann von eigenen Erfahrungen berichten?
Ich freue mich über jegliche Form der Unterstützung.
Kstrin.

Ein klares ‚jein!‘
Guten Morgen,

meine persönliche einschätzung ist, dass das Medium Buch nicht ausstirbt, ja im Gegenteil wieder einen Zulauf erlebt.

Andererseits haben es kleine Buchhandlungen in meinen Augen sehr schwer. Zwar gibt es keine Probleme mit Preiskrieg, dafür andere.

Es ist m.E. eine Gestaltungs und Angebotsfrage. Denn wenn ein Kunde heute ein buch nicht sofort im Buchladen bekommt, kann er es sich auch selbst online bestellen - Amazon und co. machen es möglich - , ohne nochmals in den Buchladen gehen zu müssen um es abzuholen.

Daher kommt es hier viel auf die Umgebung und v.a. auf ein Umfangreiches Sortiment an. Und dafür braucht eine Buchhandlung eine gewisse Größe.

Mir geht es jedenfalls beim Bücherkauf immer so, dass es maximal einen Laden pro Stadt gibt, in dem ich gerne welche kaufe.

So kann ich in seltenen Fällen in Friedrichshafen selbst mal was kaufen - allerdings ist es da schon schwierig. Oder ich fahre gleich nach Ravensburg (knapp 20 km) wo es schon zumindest einen größeren Buchladen mit angenehmen Ambiente zum stöbern gibt.
Meine Lieblingsbuchhandlung liegt noch nicht mal in Deutschland sondern in Winterthur. Ja ja, bei Orell Füssli kann man den ganzen Tag verbringen und im Laden selbst noch zwischendurch an die Bar sitzen.

Die Kunden, der in eine Buchhandlung gehen und wissen was sie suchen werden jedenfalls weniger. Solche bestellen sich das Zeug meist direkt nach Hause. Besonders weil viele davon die leidvolle Erfahrung gemacht haben, dass der weg in die Buchhandlung umsonst war, weil die es selbst erst bestellen müssen.

Ist nur meine Meinung.

Gute Nacht und freundliche Grüße

Ivo

Schließe mich an
HI Katrin

Ich denke auch das Medium Buch, ist noch lange nicht tot. Allerdings wird es bei den Buchgiganten Meyersche, Thalia etc. kaum eine Möglichkeit geben, sich dazwischen zu drängen.
Als Buchhändler allein, hat man da kaum eine Chance, es sei denn man läßt sich dazu noch was ganz spezielles einfallen.

Meiner Ansicht nach hat man eine geringe Chance wenn man:

  • Wie schon gesagt, sich etwas ganz besonderes im Zusammenhang mit Büchern anbietet (CDs, DVDs etc. sind da schon nichts mehr neues) und dazu ein großes Sortiment hat.
  • sich auf ein Gebiet spezialisiert und Bücher anbietet die bei den großen vernachlässigt werden.
    Wer sich lange mit einem oder mehreren Hobbies beschäftigt hat sich bestimmt schonmal geärgert, daß er unter den tausenden von Büchern gerade das nicht findet, daß er gern hätte. Weil es zu alt, schon ausverkauft oder gar nicht erst im Angebot ist etc.
    Diese Erfahrungen mache ich mir u.a. gerade mit meinen Quellen zu nutze :smile:
  • einen anderen Absatzmarkt sucht, anstatt sich dort zu tummeln wo sich die anderen rumtreiben. Z.B. Viel Werbung in den USA oder Afrika etc. Das paßt natürlich nur, wenn du ein bißchen weißt, was dort gewünscht wird und ob überhaupt der Markt dafür da ist.
  • einen besseren Service anbieten, als die anderen. Allerdings muß man da schon den großen einen großes Leistungsspektrum zugestehen, von daher wüßte ich dafür jetzt keine Beispiele.

Ich denke ein begehbaren Laden UND ein Online Shop sind heutzutage in dieser Branche schon Pflichtprogramm, um diese genannten Kriterien überhaupt erfüllen zu können.

Aus eigener Erfahrung kann ich dir nur den Tipp geben, schau dich bei deinen größten Konkurrenten um und unterhalt dich mit Bekannten.
Es gibt ja bekanntlich zwei Dinge über die die Deutschen am meisten schimpfen:

  1. Die Politiker
  2. Die Service-Wüste Deutschland. Es wird viel angeboten, aber entweder zu teuer, nur auf den eigenen Gewinn ausgelegt, anstatt auf den Kunden oder keine Kompetenten Ansprechpartner.
    So viel wie die Deutschen schimpfen, wirst du bestimmt bei Gesprächen fündig und kommst auf neue Ideen :smile:
    Beim Selbständig machen sind u.a. Ideenreichtum und Durchhaltevermögen gefragt, also laß dich inspirieren und gib nicht auf.

Vielleicht konnte ich dir ja einige Anregungen geben? :smile:

Viel Glück wünscht dir
Novalee

Hallo Katrin,
ich hab mich darüber mal mit einem Bekannten unterhalten. Wir waren uns beide einig, das das Buch immer ein Medium sein wird, welches mehr oder weniger genutzt wird (z.Zt. wohl mehr). Die Frage ist also, wie kann ein kleinerer Laden (ich gehe davon aus, das du keine Kette aufziehen willst) sich behaupten und die Leute in die Räumlichkeiten ziehen. dabei kamen wir auf die Idee, die Bücherei mit einem Kaffee zu kombinieren. Dort kann man sich seinen Kaffee bestellen und der Bedienung sofort sagen, das man gerne das Buch 123445666 sich anschauen will und dann das Buch bei Kerzenschein und schöner Atmosphäre anlesen… Diese Idee soll die Problematik der Besucherzahl aushebeln.

Erst wenn deine Konzeption steht, würde ich mich den finanziellen Dingen zuwenden.

Bei Fragen einfach melden

Hallo Katrin,

weiß nicht, wo in Hessen Du wohnst. Wenn Dir Rhein/Main nicht so ferne liegt, kannst Du in Mainz (Große Bleiche) eine Buchhandlung anschauen, die es - meine persönliche Einschätzung - auch in vierzig Jahren noch geben wird: „Gutenberg“ Dr. Kohl. Das Ludwigshafener Stammhaus macht halt so vor sich hin, das Haus in MZ, seinerzeit als Dependance gegründet, ist ein richtiger Büchertempel. Es kann allenfalls sein, dass das in den unmittelbar vergangenen Jahren unternommene Wachstum zu schnell ging.

Die Qualität der Gutenberg-Buchhandlung liegt nach meinem Dafürhalten darin, dass sie patronal geführt ist und der Inhaber sich nicht gescheut hat, das Sortiment zu einer Art Abbild seiner eigenen Person, seiner eigenen Vorlieben etc. zu machen - und sich dabei nicht so sehr den mehr oder weniger generalisierenden Marktstudien zu unterwerfen. Man kann sich in diesem Tempel auch ohne Kaffee stundenlang vergnügen.

Etwa: Reisen. Den habitués ist bekannt, dass man bei Dr. Kohl nicht die ganze Welt findet, aber eben freihändig und sehr fundiert betreffend die Gebiete Alpen und Frankreich auch Dinge, die sehr umständlich zu kriegen sind (z.B. alle IGN-Karten 1:100.000, viele 1:50.000, und die wichtigsten 1:25.000). Oder Kochen: Eigentlich nur den Schwerpunkt Mittelmeer, aber bei diesem Schwerpunkt Dinge über Rotwein, Oliven, Pasta, auf die man spontan nicht kommen würde. Oder im „eigentlichen“ Kernbereich Belletristik: John Kennedy Tooles „Ignaz“ habe ich - obwohl nicht billig - direkt eingepackt, zwei Jahre bevor das Buch vorübergehend ein Renner wurde, weil es mir von einem Buchhändler bei Gutenberg mit so leuchtenden Augen in die Hand gedrückt worden war, dass mir die Empfehlung aus dieser Quelle das Geld wert war.

Es ist sicherlich richtig, dass man dann, wenn man weiß was man will, eher den Weg über amazon geht. Wenn ich in der Mainzer Zeit die Muße hatte, hab ich mir aber lieber über buchkatalog.de das Gewünschte bei Dr. Kohl hinlegen lassen und bin dann meistens nicht nur mit der abgeholten Bestellung zur Kasse gegangen.

Ich bin nicht sicher, ob die verbreiteten Ideen von „Service“ - die ja nicht wenig kosten - im wesentlichen ausmachen, daß sich Bücherkunden wohl fühlen. Eigentlich haben diese Kunden ja fast alle einen gewissen Hau weg, und empfinden Stallwärme, wenn sie diesen Hau gleich oder ähnlich im Buchladen wieder finden. Die Kunst scheint mir darin zu bestehen, daß kaufmännische Professionalität in der Sache da ist, aber in der Form nicht sichtbar. Wenn ich in einer fremden Stadt in eine fremde Buchhandlung komme, die das Sortiment von Taschen genau dort plaziert, wo es alle tun, und direkt daneben kommen die Regionalia höchst unterschiedlicher Qualität auf einem Tisch, dann weiß ich schon fast am Eingang, dass ich dort bei den Bilderbüchern weder Chönz noch Lionni finden werde und dass ich in der Kante Suhrkamp oder Aufbau keine (positiven) Überraschungen erleben werde, sondern bloß alte Kameraden da stehen.

Grundsätzlich frage ich mich allerdings, wie man so eine Buchhandlung zum Schmökern und Entdecken und Finden neu von Null aufbauen kann. Sie kann ja bloß funktionieren, wenn man dort Dinge findet, die man so nicht gesucht hat, braucht also einen großen und eher langsam umschlagenden Bestand. So ein Konzept ist verbunden mit einem dramatisch hohen Einsatz von Eigenkapital und einer dramatisch niedrigen EK-Rentabilität - dann allerdings auf die lange Sicht mit einer relativ guten Verwertung der eingesetzten Zeit.

Eine glückliche Hand wünscht

MM

Hallo Katrin,

[…]

Erst wenn deine Konzeption steht, würde ich mich den
finanziellen Dingen zuwenden.

Hm, das ist aus meiner Sicht nicht ganz richtig. Das Konzept
sollte schon eine Finanzplanung beinhalten und zusammen stellt
das letztlich den Geschäftsplan dar, also das, womit man zu
Banken, Beratern und ggf. anderen Geldgebern rennt.

Mein größtes Problem war seinerzeit, dass ich meine Idee zwar
recht genau formulieren konnte, ich aber in völligem Dunkel
tappte, was wann kommen sollte, wieviel mich das kostet und
wann ich realistisch mit Einnahmen rechnen kann (Frage Nr. 1
bei Banken/Geldgebern). Als ich dann an Geschäftsplanwettbe-
werben teilnahm, musste ich erstmal ordentlich einstecken:
Meine Idee/mein Konzept war zwar da, aber schrumpfte erstmal
auf Punktgröße. Viel wichtiger waren diese dummen Finanzbe-
trachtungen (zu denen ich ein eher gespaltenes Verhältnis ha-
be). Letztlich besteht die Kunst darin, beide Aspekte, die
Idee und die Finanzen, in Einklang zu bringen - das ist das
Ziel eines Geschäftsplans. Das schafft bei anderen Vertrauen,
weil man sich selber *sehr* intensiv mit seinen Vorstellungen
auseinandersetzt und selber unglaublich an Gewissheitheit
gewinnt.

Mein Tip: Schau Dir mal die verschiedenen BP-Wettbewerbe an,
dort gibt es recht gute Handbücher, nach denen man sein Kon-
zept planen kann. In Hessen und Baden-Würtenberg sind die BPW
eher an HiTech-Unterhemensgründungen gerichtet ( Science4Life,
GenStart), aber die Handbücher und Infos aus NRW (NUK-BPW) und
Berlin-Brandenbrug (B-P-W) sind recht gut und allgemeiner gehal-
ten. Wenn Du räumlich Zugang zu diesen Regionen hast, würde ich
eine Teilnahme empfehlen. Dort gibt es auch veranstaltungen zu
Themen Gründen, Steuern, Teams, etc. (ruhig mal bei S4L rein-
schauen, Teilnahme stets kostenlos!). Man lernt dort wirklich
viel und auch Leute kennen, die einem helfen oder die in der
gleichen Situation stecken.

Sorry, zur ganz ursprünglichen Frage: Ja, ich glaube, dass
das Buch - und damit auch Buchhandlungen eine Zukuft haben.
Das Buch hat immernoch eine herausragende Stellung. Es trans-
portiert Kultur, während es seine Funktion als Informations-
träger auf Kosten des Internets einbüßt.

Den Ansatz, den Buchhandel mit irgendeiner Art von Kultur zu
koppeln (Cafe, Lesung, Events, etc.) halte ich für sehr viel-
versprechend. Aber gerade da darf man die Kosten nicht aus dem
Auge verlieren: Man kämpft dann an mehreren Fronten und im bes-
ten Fall tragen sich alle Bereiche selber. Wenn nicht, dann
subventioniert man einen Bereich auf Kosten eines anderen. Dann
sollte man genau wissen, was man will. Andernfalls verzettelt
man sich leicht und bekommt schlussendlich gar nix mehr auf die
Reihe.

Hope it helps,
FM

Hallo Katrin,

[…]

Erst wenn deine Konzeption steht, würde ich mich den
finanziellen Dingen zuwenden.

Hm, das ist aus meiner Sicht nicht ganz richtig. Das Konzept
sollte schon eine Finanzplanung beinhalten und zusammen stellt

Hallo auch,
du hast ganz recht, wenn du auf die notwendig eines BP hinweißt. Dieses sollte von mir auch nicht in frage gestellt werden. Hier wollte ich damit empfehlen, sich ein Ziel zu setzen, also eine ganz klare Vision dessen, was ich haben will und das ohne Einschränkung durch finanzielle Gegebenheiten. Denn erst dann, wenn ich weiß was ich will, kann ich damit beginnen die anderen Rahmenbedingungen aufzuschlüsseln, wie z. bsp. Finanzkonzept, Hersteller, Lieferanten, etc. Wenn ich nicht weiß was ich will, kann ich 100000 mal was durchrechnen und es wird kein fertiges Ding daraus.

Denn ich hab das posting so gelesen, das man erst am Anfang der Planung steht und noch garnicht weiß, was man eigentlich machen will. Daher erst das ZIEL und dann der Rest.
Gruß

Martin

Spezialisierung ist das Zauberwort
Hallo Katrin,

ja, Buchhandlungen wird es immer geben, solange es noch einen Funken Kultur und eine geistige Elite gibt. Der Markt ist auch nicht eng, wie es viele Glauben.

Die Top 4 Buchhandlungen machen gerade einmal einen Umsatz von ca. ? 800 Mio. Das ist ein Marktanteil der unter 10% liegt. Ich denke, alleine diese Zahl zeigt, dass man als Einzelbuchhändler bei einem guten Konzept Chancen hat. Die großen Filialhändler konzentrieren sich auf den Massenmarkt, man will gar nicht die Kunden haben, die nach schwierig zu beschaffenden Büchern suchen. Das kostet Geld und gut geschultes Personal. Zwei Dinge die in der Expansionsstrategie eher hinten an stehen.

Eininteressanter Artikel war neulich in der SZ (http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/286/19267/) ansonsten findest Du unter http://www.boersenverein.de und http://harenberg.de.synkron.corpex-net.de/sw1022.asp ganz interessante Zahlen und Fakten.

Viel Erfolg wünscht
Falckus

Hallo Katrin,

es ist schon reichlich spät heute, aber grade hab ich hier die Postings zu Deiner Frage gelesen und will mich spontan auch mal melden.

Ich persönlich bin ein riesengroßer Bücherfan (trotz Germansitikstudium, das es einem auch verleiden kann …) und ich stelle zunehmend fest, dass kleine individuelle Bücherläden die sind, in die es mich weit öfter zieht, als in die großen Ketten oder ins Internet (wo ich mir meistens Sachbücher und die Geschenke für die Büchernarren zu Weihnachten kommen lasse). Es gibt hier in Berlin zum Beispiel einen Laden, der nur Mängelexemplare verkauft, die ergo meistens mindestens 50 Prozent günstiger sind, was vor allem bei den Hardcovers ein gutes Argument für exzessives Bücher-SAhopping ist. Aber ich mag den Laden nicht nur deshalb: das Personal ist nicht nur freundlich, die besorgen einem auch so ziemlich alles, was man mag, rufen an, wenn die Bücher da sind und melden sich auch, wenn es Spezialitäten gibt. Um es kurz zu machen: Als Büchernarr fühle ich mich da super aufgehoben und so entsteht eine gewissermaßen emotionale Bindung, die mich unweigerlich auch immer wieder da hin zieht.
Fazit: Ich stimme mit den anderen Postings hier überein, die für eine sehr individuelle Lösung - sprich: Spezialisierung - plädieren, sei sie nun thematischer Natur oder das persönliche betreffend. Wenn Du so ein Konzept findest, wirst Du immer auch Deine Kunden haben. Und im übrigen finde ich, dass jeder der in Zeiten wie diesen einen Buchladen eröffnen will, unterstützt gehört. Bücher werden immer Zukunft haben und sie sind so wertvoll für uns und die Gesellschaft, dass sie auch einfach bewahrt gehören.

Verzeih das doch sehr Emotionale meines Postings, ich hoffe, es hilft Dir trotzdem ein wenig weiter und wünsche Dir jetzt einfach mal ganz viel Glück und natürlich auch den (wirtschaftlichen) Erfolg, den Dein Projekt verdient.

Alles Liebe, Kathrin

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