Hallo Katrin,
weiß nicht, wo in Hessen Du wohnst. Wenn Dir Rhein/Main nicht so ferne liegt, kannst Du in Mainz (Große Bleiche) eine Buchhandlung anschauen, die es - meine persönliche Einschätzung - auch in vierzig Jahren noch geben wird: „Gutenberg“ Dr. Kohl. Das Ludwigshafener Stammhaus macht halt so vor sich hin, das Haus in MZ, seinerzeit als Dependance gegründet, ist ein richtiger Büchertempel. Es kann allenfalls sein, dass das in den unmittelbar vergangenen Jahren unternommene Wachstum zu schnell ging.
Die Qualität der Gutenberg-Buchhandlung liegt nach meinem Dafürhalten darin, dass sie patronal geführt ist und der Inhaber sich nicht gescheut hat, das Sortiment zu einer Art Abbild seiner eigenen Person, seiner eigenen Vorlieben etc. zu machen - und sich dabei nicht so sehr den mehr oder weniger generalisierenden Marktstudien zu unterwerfen. Man kann sich in diesem Tempel auch ohne Kaffee stundenlang vergnügen.
Etwa: Reisen. Den habitués ist bekannt, dass man bei Dr. Kohl nicht die ganze Welt findet, aber eben freihändig und sehr fundiert betreffend die Gebiete Alpen und Frankreich auch Dinge, die sehr umständlich zu kriegen sind (z.B. alle IGN-Karten 1:100.000, viele 1:50.000, und die wichtigsten 1:25.000). Oder Kochen: Eigentlich nur den Schwerpunkt Mittelmeer, aber bei diesem Schwerpunkt Dinge über Rotwein, Oliven, Pasta, auf die man spontan nicht kommen würde. Oder im „eigentlichen“ Kernbereich Belletristik: John Kennedy Tooles „Ignaz“ habe ich - obwohl nicht billig - direkt eingepackt, zwei Jahre bevor das Buch vorübergehend ein Renner wurde, weil es mir von einem Buchhändler bei Gutenberg mit so leuchtenden Augen in die Hand gedrückt worden war, dass mir die Empfehlung aus dieser Quelle das Geld wert war.
Es ist sicherlich richtig, dass man dann, wenn man weiß was man will, eher den Weg über amazon geht. Wenn ich in der Mainzer Zeit die Muße hatte, hab ich mir aber lieber über buchkatalog.de das Gewünschte bei Dr. Kohl hinlegen lassen und bin dann meistens nicht nur mit der abgeholten Bestellung zur Kasse gegangen.
Ich bin nicht sicher, ob die verbreiteten Ideen von „Service“ - die ja nicht wenig kosten - im wesentlichen ausmachen, daß sich Bücherkunden wohl fühlen. Eigentlich haben diese Kunden ja fast alle einen gewissen Hau weg, und empfinden Stallwärme, wenn sie diesen Hau gleich oder ähnlich im Buchladen wieder finden. Die Kunst scheint mir darin zu bestehen, daß kaufmännische Professionalität in der Sache da ist, aber in der Form nicht sichtbar. Wenn ich in einer fremden Stadt in eine fremde Buchhandlung komme, die das Sortiment von Taschen genau dort plaziert, wo es alle tun, und direkt daneben kommen die Regionalia höchst unterschiedlicher Qualität auf einem Tisch, dann weiß ich schon fast am Eingang, dass ich dort bei den Bilderbüchern weder Chönz noch Lionni finden werde und dass ich in der Kante Suhrkamp oder Aufbau keine (positiven) Überraschungen erleben werde, sondern bloß alte Kameraden da stehen.
Grundsätzlich frage ich mich allerdings, wie man so eine Buchhandlung zum Schmökern und Entdecken und Finden neu von Null aufbauen kann. Sie kann ja bloß funktionieren, wenn man dort Dinge findet, die man so nicht gesucht hat, braucht also einen großen und eher langsam umschlagenden Bestand. So ein Konzept ist verbunden mit einem dramatisch hohen Einsatz von Eigenkapital und einer dramatisch niedrigen EK-Rentabilität - dann allerdings auf die lange Sicht mit einer relativ guten Verwertung der eingesetzten Zeit.
Eine glückliche Hand wünscht
MM