Hallo Maria,
Deine Frage bezieht sich auf das Neue Testament, also antworte ich nur für diesen Teil der Bibel.
Die frühen Christen hatten zunächst das AT, also die Heilige Schrift Jesu Christi und der Jünger, als Heilige SChrift. Die älteste uns erhaltene Schrift im heutigen NT ist der 1. Thessalonicher-Brief des Paulus, entstanden um 52 n.Chr. Die Evangelien, die in der Antike eine eigene, neuartige Gattung darstellten, entstanden ab 70 n.Chr., als die Zeitzeugen ausstarben und so das Interesse aufkam, die Geschichte Jesu zu verschriftlichen. Nachweislich beruhen sie z.T. auf älteren, mündlichen Traditionen, zudem hat jeder der Evangelisten seine eigenen theologischen Vorstellungen gehabt, die mit eingeflossen sind (vgl. doch mal jeweils die ersten und letzten Kapitel und die letzten Worte Jesu am Kreuz).
Alle Schriften, die wir heute als NT bezeichnen wurden, wurden relativ schnell verbreitet. Die Christlichen Gemeinden gaben sich ihre eigenen Schriften weiter (Paulus fordert in seinen Briefen auch dazu auf, seine Briefe an andere weiterzugeben, da er es ist, der hier auch Regeln für den christlichen Lebensvollzug aufstellt, bezeichnet man ihn zu Recht als den eigentlichen Religionsstifter).
Mit der zunehmenden Größe der christlichen Gemeinde begann auch die Auseinandersetzung mit der nicht-christlichen Umwelt. Auch immer mehr Gebildete wurden Christen, die durch das damals vorherrschende griechische Bildungsideal ein hohes „Textbewußtsein“ hatten, d.h. sie gingen mit dem Textbestand (also welche Worte im Einzelnen befinden sich im Text) sehr sorgfältig um und stellten gleichzeitig hohe Ansprüche an den Inhalt des Textes. Der maßgeblichste unter diesen frühen und hochgebildeten Theologen ist Origenes (ca. 180-250). Er lebte in Alexandrien, der Bildungshochburg der antiken Philologie und war geschult in der sogenannten Homer-Philologie. Die damals aufgestellten Regeln sind auch heute noch gültig. Man untersuchte einen Text sorgfältig auf Grammatik, Syntax, Wortbedeutung und Inhalt hin. Ein großes Problem war, einen zuverlässigen Text zu erhalten. Denn damals schrieb man den Text ab, oft konnte man sich keine professionellen Abschreiber leisten. Origenes hatte also einige Texte des heutigen NTs, ATs und andere. Er reiste mit ihnen und verglich sie mit Paralleltexten, markierte Abweichungen. U.a. hat er ein hebräisches AT mit einem griechischen verglichen. Gleichzeitig hat er versucht herauszufinden, welche Texte „echt“ und welche es nicht sind. Wichtig ist dabei zu wissen, daß man zu dieser Zeit noch von keiner „Kirche“ in unserem Sinne reden kann, es gab noch keine festgefügten Lehrmeinungen, aber durchaus eine Glaubensformel (nämlich Kreuz und Auferstehung Christi), eine katholische Kirche mit irgendeiner - weltlichen - Machtbasis gab es auch noch nicht. Zudem begann man in dieser Zeit christliche Texte erst für heilig zu halten. Origenes fand z.B. durch seine Forschungen heraus, daß der Hebräerbrief wohl nicht von Paulus stammt, worin ihm die heutigen Forscher (im Gegensatz zu denen des Mittelalters) recht geben. Wegen seiner Theologie wurde Origenes später als Häretiker verdammt, seine textkritische Arbeit bliebt aber maßgebend.
Vor allem durch seinen „Enkelschüler“ Euseb von Caesarea. Er lebte zur Zeit Konstantins und bekam von diesem den Auftrag, für die christlichen Gemeinden Bibeln herzustellen, d.h. die Texte zu sammeln, die maßgeblich sind. Die griechisch sprechenden Christen nahmen das griechische AT als maßgeblich an, beim NT war die Sache schwieriger, denn mittlerweile gab es duzende von Evangelien, Apokalypsen, Paulus-, Petrus- und Jakobusbriefen. Euseb machte, eine in der Antike allgemein gebräuchliche Regel, das Alter der SChriften zum Maßstab. Er untersuchte die ältesten christlichen Schriftsteller (z.B. Tatian, Iustin, Origenes, Polykarp, Ignatius) danach, welche NT-Texte sie benutzt haben. Außerdem erkundigte er sich danach, welche Texte in den christlichen Gemeinden in Gebrauch waren. Konstantins Einfluß auf das Konzil von Nicäa war sicherlich sehr groß, aber auf den Kanon hat er keinen Einfluß gehabt noch war er Thema dieses Konzils.
Erst spätere Kirchenväter, wie Athanasius von Alexandrien, haben dann den Kanon, wie wir ihn heute kennen, verbindlich gemacht.
In dieser Entwicklung, die ich kürzestmöglich versucht habe, darzustellen, lassen sich Interessen nicht leugnen. Die Texte, die wir haben, sind aber doch wohl zuverlässig diejenigen der damaligen Mehrheit.
Heute können wir die Arbeit der frühen Kirchenschriftsteller weitestgehend bestätigen. Tatsächlich haben sie sich für die ältesten Texte entschieden, wenn auch sicherlich etwas herausgefallen ist. So z.B. das koptische Thomasevangelium, eher eine Spruchsammlung Jesu.
Zwei Dinge sind positiv festzuhalten: Das NT, wie wir es heute kennen, läßt sich komplett aus den Handschriften der ersten drei Jahrhunderte bezugen. Damit ist es die am besten bezeugte Schrift des Altertums. Die Texte Homers, Platons u.a. lassen sich erst ab einen entschieden größeren Zeitpunkt nach ihrer Entstehung rekonstruieren. Dies kaum, weil böse Christen diese SChriften vernichtet hätten (wer sorgsam christliche Schriftsteller liest, wird feststellen, daß sie immer in Gebrauch waren), sondern weil die Menschen früher nicht anders waren als wir heute: Nur was einem wirklich „Heilig“ ist, versucht man, über die Jahrzehnte unversehrt zu erhalten.
In der Hoffnung, durch die Länge nicht gelangweilt zu haben,
Taju
PS: Ich Empfehle die Lektüre von Eusebs Krichengeschichte http://www.unifr.ch/patr/bkv/ Im Dritten Buch schreibt er über die SChriften des NTs.