Hats jemand bemerkt?

Hallo Feanor!

Tatsächlich ist es so, dass bei Langzeitarbeitslosen, z. Zt.
rund 1,3 Mio, etwa 530tsd keine Berufsausbildung haben.
Ähnlich kritisch sieht es bei den Jungen (unter 25) aus, hier
haben haben von den rund 500tsd die Hälfte keine
abgeschlossene Berufsausbildung, 10% nicht mal einen
Schulabschluss. Bei den Älteren (über 45), rund 1,8 Mio, haben
ein Drittel keine Berufs- und ebenfalls 10% keinen
Schulabschluss.

Ich weiss, dass es die Publikationen des Arbeitsamtes gibt, und die Zahlen geben nicht ganz den Punkt wider, den ich mit Showbee besprach. Nichtsdestotrotz sind die von Dir gefundenen Zahlen interessant, wobei das nicht unbedingt das richtige Worte ist: ‚erschreckend‘ wäre besser! (Hast Du noch die genaue Seite parat?)
   Als ich selbst einmal auf den Seiten des Arbeitsamtes stöberte, stiess ich auf eine Zahl, die meisten Arbeitslosen wären nach kurzer Zeit wieder vermittelt oder ähnliches. Ob damit nur gemeint ist, dass sie erst einmal aus der Statistik verschwinden, entzieht sich meiner Kenntnis.
   Was mich noch interessiert: In welchem Zusammenhang stehen die Langzeitarbeitslosen ohne Berufsausbildung mit den Jungen unter 25. Oer gehören die 500.000 zu den 1,3 Mio? Mir wäre daran gelegen, diese Zahlen noch weiter auszuschlüsseln, weil ich mich zum Beispiel frage, weshalb die Leute entweder keine Berufausbildung besitzen oder sogar über keinen Schulabschluss verfügen. Liegt es bei jenen ohne Ausbildung etwa daran, dass sie sich nicht bemüht hätten oder stand kein Angebot zur Verfügung, und falls doch, welches?

Man erfährt aus den Medien…

Sorry, aber diese Binsenwahrheit haben uns doch schon die
alten Lateiner gelehrt: non scholam, sed vitam discimus! nicht
wahr?
Flexibilität und Bereitschaft zur Weiterbildung gehören nun
mal zu den Schlüsselqualifikationen.

Entschuldige, ich spreche zwar kein Latein, aber heisst es nicht: „Non scholae, sed vitae discimus“?
   Doch welchen Bezug hat das zu meinem Vorwurf gegenüber den Arbeitgebervertretern! Hier werden doch immer und immer wieder die gleichen Reizbegriffe - wie Flexibilität und Mobilität - genannt, bis sie auch beim letzten angekommen sein mögen. Lass’ es mich etwas zynisch sagen: Die Arbeitnehmer waren bisher schon so flexibel, dass sie sich sogar beinahe freiwillig als Kostenfaktor aus dem Unternehmen entfernen liessen, als man ihnen sagte, sie müssten der Gewinnmaximierung weichen. Seitdem sind sie mobil: von zu Hause zum Arbeitsamt ständig hin und her.
   Beinahe möchte ich mich über das stände Aufsagen solcher Begriffe durch die Arbeitgeber amüsieren, musste ich hier doch schon Vorwürfe entgegennehmen, dass dadurch, dass ich mich wiederhole, die Sache auch nicht besser würde; den Interessenvertretern nimmt man es hingegen unbesehen ab. Wenn schon Flexibilität und Bereitschaft, dann bitte schön auch von der anderen Seite, statt sich ständig in Programmatik zu üben. Hier geschieht nichts anderes als das, was Schröder mit seiner Faulheits-Aussage in der BLÖD versuchte: man bekämpft zur Ablenkung die Menschen statt die Probleme. (Das wäre ungefähr so, als würde ich nur deshalb auf den Artikel eines Mitschreibers nicht eingehen, weil der Inhalt zwar in Ordnung, die Form jedoch grässlich ist.)

a) Wohl eher nicht, ausser vieleicht im untersten Niveau.
Alles andere lässt sich durch Maschinen i.d.R. effizienter
erledigen
b) Wohl wahr. Das Problem ist aber, dass das Arbeitsamt nur
Umschulungen anbieten kann, die dem durchsch.
Qualifikationsniveau der Umzuschulenden entsprechen. Und
dieses Niveau ist, s.o., leider reichlich dürftig.

Zu A.: Das will ich nicht bestreiten, dass noch mehr Maschinen die Arbeit von Menschen übernehmen werden, aber die grossangelegte Automation (weiss nicht, ob das jetzt der exakte Begriff ist) dürfte hinter uns liegen. Allerdings offenbart sich dadurch ein weiteres Problem: Waren früher mehr Arbeitskräfte, weil mehr Handarbeit erforderlich, sind diese nun hinfällig. Dies bedeutet in letzter Konsequenz, dass die Leute überflüssig sind, und so viele kann man meines Erachtens nicht in andere Berufe (nicht Jobs!) stecken, weil so viele einfach nicht geschaffen werden können.
   Zu B.: Da stimme ich Dir natürlich zu, und ich möchte kurz etwas weiter ausholen. Vor wenigen Tagen sah ich zufällig auf 3sat die Sendung „Tagebuch“, in der es um Berliner Schulen ging. Meine Schulzeit liegt ja nun auch schon eine geraume Zeit zurück, und so erschreckte es mich, als ich sah, wie es in den Klassenzimmern zuging. Die SchülerInnen hopsten herum, schlugen sich und waren vollkommen unkonzentriert, während die LehrerInnen ständig am Ermahnen waren; nur Schulstoff konnte kaum vermittelt werden. Da ich jedoch nicht einen einzigen Fernsehbeitrag als exemplarisch ansehen wollte, fragte ich eine Bekannte, die Lehrerin ist. Mit Abstrichen konnte sie mir das jedoch bestätigen. Kurz gesagt: Es hängt zum einen von der Stellung der Eltern sowie der Gegend ab, wie der Unterricht in den Klassenzimmern gestaltet werden kann. Sobald z. B. die SchülerInnen nicht aus ländlicheren Gegenden kommen, so ist ihre Erfahrung, ist es bereits wesentlich schwieriger, gescheiten Unterricht zu machen. Viele Eltern würden die Verantwortung mittlerweile auch an die Schulen abschieben.
   Ich konnte dann nur noch denken: Wenn dies alles tatsächlich so abläuft, dann sehe ich für die kommende Zeit sehr schwarz, wobei wir hier auch wieder bei der Frage des Urspungs angelangt wären: Weshalb ist dies so? Statt dessen wird man aber wohl weiterhin an Zuständen herumdoktoren und nicht die Ursachen beseitigen. Aber hieraus liessen sich wahrscheinlich keine medienwirksamen Auftritte der PolitikerInnen schaffen, sondern es wäre einfache politische Arbeit, weshalb wenig geschehen wird. (Siehe etwa Roland Koch, der sich so populistisch äusserte, Zustände ändern zu wollen, was in „seinem“ Bundesland schon längst geschehen war. Aber das brachte keine Schlagzeilen.)

Willkommen in der Statistik! Oder: Mut zur Qualifikation aus
privatem Interesse und Antrieb.

Nun, da möchte ich entgegenhalten: Hallo Industrie, Mut zur Qualifikation, zur Ausbildung und zu mehr Flexibilität, statt sich selbst grosszügig die Tantiemen zu erhöhen und gleichzeitig Löhne drücken zu wollen oder die Leute beim Fallen des Aktienkurses auf die Strasse zu setzen. Wie sage doch Prof. Hankel: „Nur, das ist eine unglaubliche - nicht nur - Inhumanität, sondern auch Verschwendung von Humankapital. Deswegen müssen die Sozialstandards verstärkt werden, und deswegen ist es absolut nicht richtig, wenn das Management immer sagt, die Sozialstandards stören, ganz im Gegenteil. Sie würden uns zu einem sehr humanen und auch effizienten Kapitalismus führen, zu einer Marktwirtschaft wieder mit menschlichem Antlitz.“ (Siehe Beitrag in der letzten MONITOR-Sendung: http://www.wdr.de/tv/monitor/beitraege.phtml?id=332)

Unglücklicherweise mussten wir immer wieder feststellen, dass
an solchen Orientierungsmassnahmen (kann allerdings hier nur
von Berufsanfängern sprechen) nicht unbedingt die Creme,
sondern eher der Bodensatz der Arbeitssuchenden teilnimmt. Für
die Betriebe ist da i.d.R. nix dabei.

Ich hatte selbst einmal an einer solchen Massnahme teilgenommen, und ich kann nicht behaupten, dass es der „Bodensatz“ gewesen wäre, der dort dabei war. Es waren natürlich auch Berufsanfänger dabei, aber auch Personen, die auf irgendeine Weise ihren Beruf verloren hatten oder ihn nicht mehr ausüben konnten. (Ich kannte z. B. einen Rettungssanitäter, der beim Einsatz mit dem Hubschrauber abstürzte, oder einen jugoslaw. Ex-Handballnationalspieler, der durch einen Unfall seinen Sport nicht mehr ausüben konnte. - Zugegeben, diese Fälle sind nicht unbedingt bezeichnend, aber es war eine „Mischung“.) Aus meiner eigenen Erfahrung muss ich allerdings sagen, dass ich nicht sonderlich angetan von dieser Massnahme war, weil die Bereiche (etwa elektrotechnischer, kaufmännischer, handwerklicher Bereich) sehr allgemein gehalten waren, denn damit lässt sich bestenfalls feststellen, ob jemand zwei linke Hände hat und deshalb eher Kaufmännisches erlernen sollte. Aber das könnte man auch in wesentlich kürzerer Zeit herausfinden, statt sechs Wochen damit zu verbringen.

Marco