'Heidenröslein' von Goethe

Ich beschäftige mich gerade mit dem Thema „Goethe und die Frauen“.
Frauen fanden ja auf vielfältige Weise Eingang in seine Werke. So auch Friederike Brion in die „Sesenheimer Lieder“. Ein Gedicht dieser Lieder ist „Heidenröslein“, das später zum Volkslied wurde. Aber in diesem Gedicht spiegelt sich doch nicht die Liebe zu Friderike wieder oder? Denn wie kann man Liebe mit Vergewaltigung, um die es in diesem Gedicht nach meiner Ansicht nach geht, ausdrücken? Wie soll man diese Situation interpretieren? Hat Goethe Friederike etwa auch sexuell belästigt?!
Ich weiß nicht weiter… Wäre nett, wenn man mir helfen könnte :wink:

Lg

Hallo,

Aber in diesem Gedicht spiegelt sich doch
nicht die Liebe zu Friderike wieder oder?

ich würde sagen, in dem Gedicht spiegelt sich vor allem Goethes Hormonstau wieder bzw. es ist Sublimation einer latenten sexuellen Agressivität. Dass hier einer Vergewaltigungsfantasie Ausdruck gegeben wird, steht für mich außer Zweifel.

Real war es wohl so, dass Sessenheim samt Friederike für den jungen Goethe ein romantisches Schäferidyll war, das er sich als Zeitvertreib inszenierte und das mit seiner Promotion ein (aus seiner Sicht) zwangsläufiges Ende finden musste. Das Heideröslein spiegelt musterhaft in seinem Herder-inspirierten volksliedhaften Ton solch ein ländliches Idyll mit unüberhörbar erotischen Untertönen wieder - wobei letztere dem Idyll eine bedrohliche Ambivalenz verleihen.

Dass die Beziehung für die junge Dame wohl mehr bedeutete als ein ästethisches Spiel, hat ihm - nach der aus dem ausreichend fernen Frankfurt aufgekündigten Liebschaft - lediglich einige Tage „düstere Reue“ beschert, die ihm wiederum „höchst peinlich, ja unerträglich“ war (Dichtung und Wahrheit). Den Konventionen seiner Zeit entsprechend hat sich Goethe sicherlich korrekt, wenn auch nicht tadelsfrei verhalten. Einen emotionalen Missbrauch des jungen Mädchens aber hat er sich sicherlich geleistet.

Freundliche Grüße,
Ralf

Hallo,
ich würde sagen, in dem Gedicht spiegelt sich vor allem
Goethes Hormonstau wieder bzw. es ist Sublimation einer
latenten sexuellen Agressivität. Dass hier einer
Vergewaltigungsfantasie Ausdruck gegeben wird, steht für mich
außer Zweifel.

So ein Schmarren…
Dieses Gedicht hat Goethe mehr oder weniger abgeschrieben.
Es war also nicht sein eigener Hormonstau.
Den hatte Goethe sowieso nie.
Er war bei Frauen doch sehr erfolgreich.
„Heidenröslein“ entstand in Straßburg, vermutlich im Sommer 1771
Einzelzüge erinnern stark an volkstümliche Dichtung aus älterer Zeit. In dem Liederbuch des Paul von der Aelst von 1602 steht ein langes Gedicht, in welchem einige Strophen sehr parallele Motive zeigen.
Möglicherweise hat Goethe diese Verse bei Herder gesehen,der sie in einem Briefwechsel auch erwähnt hat.
Also: kein Vergewaltiger Goethe

mfG Hermes

Dieses Gedicht hat Goethe mehr oder weniger abgeschrieben.

_"Sie gleicht wol einem Rosenstock,
drumb geliebt sie mir im Hertzen
sie tregt auch einen rohten Rock;
kann züchtig, freundlich schertzen,
sie blüet wie ein Röselein.
die Bäcklein wie das Mündelein,
liebstu mich, so lieb ich dich,
Rößlein auf der Heyden.

Der die rößlein wirt brechen ab,
Rößlein auf der Heyden,
daß wirt wol thun ein junger knab,
züchtig, fein bescheiden.

Das Rößlein, das mir werden muß,
Rößlein auf der Heyden,
das hat mit getretten auf den fuß,
unnd geschach mir doch nicht leyde.

Beut mir her deinen rohten Mund,
Rößlein auf der Hexden,
Ein küß gib mir auß hertzen grund,
so steht mein hertz in frewden."_

Ja klar - eindeutig „abgeschrieben“. O Mann - Du disqualifizierst Dich mal wieder selbst. Wenn Dir nicht einmal der Unterschied in der literarischen Qualität zwischen einem Volkslied des 16. Jahrhunderts und Goethes Umdichtung auffällt, solltest Du Dich bei solchen Themen besser zurückhalten.

Möglicherweise hat Goethe diese Verse bei Herder gesehen,der
sie in einem Briefwechsel auch erwähnt hat.

Herder, mein Bester, hat 1773 eine frühe Fassung von Goethes Heidenröslein ohne Autorangabe unter dem Titel „Fabelliedchen“ veröffentlicht (in den ‚Blättern von deutscher Art und Kunst‘) - übrigens dort ausdrücklich lediglich aus dem Gedächtnis wiedergegeben. Offensichtlich hatte Goethe ihn im Unklaren gelassen, ob das Lied eines seiner Fundstücke war (wie die 12 Herder 1771 zugesandten Volksballaden) oder eine freie Umdichtung aus eigener Hand.

Bereits 1771 hatte Herder selbst - eindeutig nach Vorlage des „Fabelliedchens“ - ein „Kinderlied“ unter dem Titel „Die Blüthe“ geschrieben (Datierung nach dem ‚Silbernen Buch‘ der Karoline Flachsland). Aus diesem Grund , mein Bester, kann man nämlich die Abfassung des ‚Fabelliedchens‘ als Urform des ‚Heidenrösleins‘ auf spätestens 1771 datieren - es muss vor „Die Blüthe“ entstanden sein. Herders Volksliedsammlung erschien übrigens erst 1778/79. Herder war hier definitiv nicht Goethes Quelle.

Also: kein Vergewaltiger Goethe

Davon, dass Goethe ein Vergewaltiger war, war nirgendwo die Rede, im Gegenteil („Den Konventionen seiner Zeit entsprechend hat sich Goethe sicherlich korrekt … verhalten“). Du musst schon richtig lesen. Was Deine Auslassungen zum Thema Goethe und Frauen angeht, erspare ich mir Anmerkungen - die UP beschäftigt sich mit diesem Thema und ist sicherlich längst zu einem differenzierteren Urteil gekommen.

Für Sie (nicht für Dich, Du weisst ja eh schon Bescheid) hier noch ein Hinweis auf zwei Artikel Georg Simmels zum Thema: http://socio.ch/sim/fra12.htm und http://socio.ch/sim/verschiedenes/1912/goethes_liebe…
Auf der Webseite findet sich natürlich noch mehr zu Goethe …

Mit freundlichen Grüßen,
Ralf

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