Dieses Gedicht hat Goethe mehr oder weniger abgeschrieben.
_"Sie gleicht wol einem Rosenstock,
drumb geliebt sie mir im Hertzen
sie tregt auch einen rohten Rock;
kann züchtig, freundlich schertzen,
sie blüet wie ein Röselein.
die Bäcklein wie das Mündelein,
liebstu mich, so lieb ich dich,
Rößlein auf der Heyden.
Der die rößlein wirt brechen ab,
Rößlein auf der Heyden,
daß wirt wol thun ein junger knab,
züchtig, fein bescheiden.
Das Rößlein, das mir werden muß,
Rößlein auf der Heyden,
das hat mit getretten auf den fuß,
unnd geschach mir doch nicht leyde.
Beut mir her deinen rohten Mund,
Rößlein auf der Hexden,
Ein küß gib mir auß hertzen grund,
so steht mein hertz in frewden."_
Ja klar - eindeutig „abgeschrieben“. O Mann - Du disqualifizierst Dich mal wieder selbst. Wenn Dir nicht einmal der Unterschied in der literarischen Qualität zwischen einem Volkslied des 16. Jahrhunderts und Goethes Umdichtung auffällt, solltest Du Dich bei solchen Themen besser zurückhalten.
Möglicherweise hat Goethe diese Verse bei Herder gesehen,der
sie in einem Briefwechsel auch erwähnt hat.
Herder, mein Bester, hat 1773 eine frühe Fassung von Goethes Heidenröslein ohne Autorangabe unter dem Titel „Fabelliedchen“ veröffentlicht (in den ‚Blättern von deutscher Art und Kunst‘) - übrigens dort ausdrücklich lediglich aus dem Gedächtnis wiedergegeben. Offensichtlich hatte Goethe ihn im Unklaren gelassen, ob das Lied eines seiner Fundstücke war (wie die 12 Herder 1771 zugesandten Volksballaden) oder eine freie Umdichtung aus eigener Hand.
Bereits 1771 hatte Herder selbst - eindeutig nach Vorlage des „Fabelliedchens“ - ein „Kinderlied“ unter dem Titel „Die Blüthe“ geschrieben (Datierung nach dem ‚Silbernen Buch‘ der Karoline Flachsland). Aus diesem Grund , mein Bester, kann man nämlich die Abfassung des ‚Fabelliedchens‘ als Urform des ‚Heidenrösleins‘ auf spätestens 1771 datieren - es muss vor „Die Blüthe“ entstanden sein. Herders Volksliedsammlung erschien übrigens erst 1778/79. Herder war hier definitiv nicht Goethes Quelle.
Also: kein Vergewaltiger Goethe
Davon, dass Goethe ein Vergewaltiger war, war nirgendwo die Rede, im Gegenteil („Den Konventionen seiner Zeit entsprechend hat sich Goethe sicherlich korrekt … verhalten“). Du musst schon richtig lesen. Was Deine Auslassungen zum Thema Goethe und Frauen angeht, erspare ich mir Anmerkungen - die UP beschäftigt sich mit diesem Thema und ist sicherlich längst zu einem differenzierteren Urteil gekommen.
Für Sie (nicht für Dich, Du weisst ja eh schon Bescheid) hier noch ein Hinweis auf zwei Artikel Georg Simmels zum Thema: http://socio.ch/sim/fra12.htm und http://socio.ch/sim/verschiedenes/1912/goethes_liebe…
Auf der Webseite findet sich natürlich noch mehr zu Goethe …
Mit freundlichen Grüßen,
Ralf