Servus!
Du greifst ja nicht nur heisse, sondern auch umfangreiche Eisen an! Daher mein Warnung vorweg: Diese Mail ist lang und stellt wohl eher eine (dann wieder relativ kurze) historische Abhandlung über den Palästinakonflikt dar…
Also los:
viele Palästinenser meinen, das sie das gesamte Gebiet des
Staates Israel beanspruchen können, da sie dort schon immer
waren. Ist das richtig ? Falls nein, wo ist dann die Heimat
der Juden ?
Die ist ebenfalls in Palästina. Das ist ja das Problem: Dass beide Völker dort zu Hause sind, aber nicht das Heimatrecht des jeweils anderen anerkennen wollen, weil sie die angeblich älteren Rechte hätten. Die Tragödie ist, dass irgendwie beide recht haben: Die Juden stellten vor 2000 Jahren und dann wieder seit ungefähr der Zeit des 2.Weltkriegs die Bevölkerungsmehrheit in grossen Teilen des biblischen Palästina (und träumten in der Zwischenzeit von der Rückkehr in die alte Heimat), die Araber sind dort aber auch SEIT 2000 Jahren in der Mehrheit, wobei rein völkertechnisch gesehen die Juden und die Araber auf grossen Strecken der Geschichte beider Völker eigentlich nur durch die verschiedenen Religionszugehörigkeiten auseinanderzuhalten sind. Zur Zeit von Jesus sprach man im gesamten Nahen Osten aramäisch und gehörte genetisch gesehen zu einer Bevölkerung, nur hatten eben die Juden seit gut 1000 Jahren diese spezielle Religion.
Wo waren sie vor dem Holocaust vorwiegend angesiedelt und
waren sie schon immer weit verstreut ?
Die Juden lebten vor dem Holocaust weltweit verstreut, in der sog. Diaspora, das stimmt. Vorwiegend in den USA und in Europa, hier wiederum gab es starke Gemeinden vor allem in Polen, Rußland und Deutschland. Es gab übrigens auch vor dem Holocaust schon Auswanderungswellen nach Palästina, vor allem russische Juden waren dabei vertreten (was bis zum 1.WK auch polnische Juden miteinschloß).
Wenn du weiter zurück gehst, ins Mittelalter, kommen noch mehrere Länder mit starken Judengemeinden hinzu, England, Frankreich, Spanien etwa, und in der Antike spielten die Städte Rom und v.a. Alexandria die Rolle, die New York heute spielt: Dort lebten eigentlich mehr Juden als in Judäa (dem heutigen südlichen Palästina/Israel) selber. Zuvor war Babylon für lange Zeit (auch nach der sog. „babylonischen Gefangenschaft“) die größte jüdische Stadt.
Bezogen bspw. auf Deutschland ? Waren hier auch immer
vorwiegend Deutsche angesiedelt ?
Ich nehm mal an, die meinst jetzt mit beiden Fragen die Deutschen? Da war es so, dass seit der Existenz des Begriffs „Deutsche“ (den es schon im 9.Jh. gab) damit die Einwohner der mitteleuropäischen Länder gemeint waren, die damals noch im erst Fränkischen bzw. Ostfränkischen und später Heiligen Römischen Reich zusammengefasst waren und deutsch sprachen. Östlich der Elbe lebten damals allerdings noch vorwiegend Slawen, die erst mit der Kolonisierung im 11. und 12.Jh. eingedeutscht wurden. Von diesen Slawen gibt es allerdings seit dieser Zeit nur noch Reststämme und in erster Linie Orts- und Gewässernamen. Die meisten Elbslawen wurden im Lauf der Zeit zu Deutschen. Also ja: Das, was später mal Deutschland heissen sollte, war schon immer vorwiegend Siedlungsgebiet der Deutschen, zumindest seit dem Hoch- und Spätmittelalter. Was in Bezug auf die Juden ein eher geringer Zeitraum ist (die waren beim Aufkommen des Begriffs „Deutsche“= Entstehen der Deutschen schon fast 1000 Jahre in der Diaspora und träumten von der Rückkehr ins „Gelobte Land“, wo mittlerweile auch schon seit fast 1000 Jahren vor allem Araber lebten).
Wie kommt es dann, dass sie den Staat Israel gründen konnten ?
Das geht auf den Holocaust und die Judenverfolgungen in den europäischen Staaten des 19.Jhs. - vor allem in Osteuropa - zurück. Der Holocaust hat aber den sogenannten „Zionisten“ (Theodor Herzl hat diesen Begriff 1896 geprägt, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Zionismus) die Argumente geliefert, mit denen sie die Unterstüzung der Briten gewannen, endlich die seit Ende des 19.Jh. laufenden Ansiedlungsprojekte v.a. osteuropäischer Juden in Palästina offiziell zu unterstützen. Die Ansiedlung im biblischen Judäa war ja wie gesagt ein Traum der Juden, seit sie 70 v.Chr. nach einem mißglückten Aufstand gegen die Römer aus dem heutigen Palästina/Israel vertrieben wurden. Übrigens nicht restlos, wie jüngste archäologische Funde zeigen. Seit dieser Zeit jedenfalls, also seit fast 2000 Jahren ist Palästina von Arabern bzw. deren Vorfahren besiedelt.
Welche Rolle spielen die amis und briten.
Die Briten hatten sich Palästina aus der Konkursmasse des Osmanischen Reichs gesichert. Nach dem 1.WK wurde das Reich zurechtgestutzt auf die heutige Türkei, die damit ein Nationalstaat wurde (mit Ausnahme der Kurden, die offiziell keine Kurden, sondern „Bergtürken“ sein müssen, damit die Doktrin, in der Türkei lebten nur Türken, weiterhin stimmt; aber das führt jetzt wieder woanders hin).
1917 wurde die sog. Balfour-Deklaration (http://de.wikipedia.org/wiki/Balfour_Deklaration) unterzeichnet: Von
a) der britischen Regierung,
b) vom Führer der Zionisten, Chaim Weizman, und
c) vom Führer der Araber, dem Scherifen von Mekka bzw. dessen Sohn Feisal (der spätere König von Saudi-Arabien), und das Ganze
d) unter Vermittlung von „Lawrence von Arabien“ (der im 1.WK zusammen mit dem Scherifen von Mekka, Hussein Ibn Ali, Arabien südlich des 37.Breitengrades den Osmanen entrissen hatte). Großbritannien erklärte sich darin bereit, die Schaffung eines jüdischen Staates zu fördern.
Ich meine die Briten hätten dort jahrelang besetzt.
Stimmt. Die Briten erhielten 1923 ein Mandat vom neugegründeten Völkerbund, die ehemals osmanischen Gebiete Palästina, Transjordanien (= Jordanien) und Irak zu „verwalten“, weil die Osmanen ihren Herrschaftsanspruch zumindest vorläufig verwirkt hätten. Das gleiche lief auch mit den deutschen Kolonien ab. Syrien und Libanon wurden damals übrigens französische Kolonien (pardon: Mandate) - damit wurden Araber und Juden gleichermassen über den Tisch gezogen, weil sie von niemanden gefragt wurden. Ergebnis: Nordpalästina war fortan unter französischer, Südpalästina unter britischer Verwaltung. Schon seit 1921 regte sich unter den palästinensischen Araber zunehmend Mißmut gegen die jüdischen Ansiedlungen: Unter dem Einfluß des Jerusalemer Muftis (seit 1936 ein Verbündeter der Nazis…) wurde der angebliche „Ausverkauf“ Palästinas an die Juden angeprangert, die ja zuerst den Grund und Boden, auf dem sie ihre Siedlungen anlegten, kaufen mussten - von palästinensischen Bauern bzw. vor dem 1.WK von den jeweiligen Grundbesitzern, die sehr oft Türken waren. Folge: Arabische Aufstände, jüdische Gegengewalt, Eskalation usw. Kommt dir das bekannt vor??..
Die USA duldeten die Aufteilung des Nahen Ostens unter Briten und FRanzosen, um ihre europäischen Verbündeten aus dem 1.WK zufrieden zu stellen, und weil sie damals im Nahen Osten ihre Interessen auch so vertreten sahen.
Dieser UN-Teilungsplan, wie kam den die UN dazu, dass gebiet
so aufzuteilen. wäre es so gekommen, hätten die palästinenser
jetzt viel mehr, als sie vermutlich je bekommen werden, oder ?
Die UN sind ja Nachfolger des Völkerbunds, daher konnten sie auch über die ehemaligen Mandatsgebiete verfügen. Weil sich in Palästina ein recht handfester Streit zwischen neu-/wieder-angesiedelten Juden (je nachdem, ob man Araber oder Juden fragt) und seit 2000 Jahren dort wohnenden Arabern abzeichnete - schon damals gingen dort am laufenden Band Bomben hoch, gelegt von jüdischen Hagana- und Irgun-Terroristen, darunter einem gewissen Mr.Begin, und arabischen Extremisten, die genauso als Terroristen zu bezeichnen sind - versuchten die UN, Ordnung in das Chaos zu bringen und schufen zwei Teilgebiete innerhalb des Mandats. Die USA, die UdSSR (!), Frankreich und 30 andere UN-Mitglieder waren dafür, aber 13 UN-Staaten waren dagegen. Nachdem schon seit 1945 eine Terrorwelle über Palästina hinwegfegte, wurde der UN das Heft bald aus der Hand genommen und die Tragödie Palästinas/Israels machte sich quasi selbständig. Die Abfolge der Ereignisse:
1946 „Schwarzer Sabbat“ mit Razzien der Briten gegen militante Juden, darauffolgend die Explosion einer jüdischen Bombe im King David-Hotel in Jerusalem, wo die zentrale Verwaltung des Mandatsgebiets sass, Terroraktionen der Araber als Reaktion bzw. Fortführung des seit den 20er Jahren andauernden arabischen Widerstands/Terrors, 1947 nach Bekanntgabe der UN-Teilungspläne dann ein regelrechter Bürgerkrieg Araber gegen Juden, der nach Gründung des Staates Israel (einseitig von Seiten der Juden) im Jahr 1948 in den 1.israelisch-arabischen Krieg ausartete.
Da die Israelis bisher in jeder militärischen Auseinandersetzung die Oberhand behielten, haben die Palästinenser tatsächlich viel weniger, als sie laut UN-Teilungsplan bekommen sollten. Ehrlicherweise muß dazu gesagt werden, dass beide Teilgebiete laut UN-Plan wohl nicht lebensfähige Staatsgebilde hätten werden können.
VG
Christian