wir beschäftigen uns seid einiger Zeit mit dem Thema Heimweh. Wir haben zum Beispiel schon herausgefunden, dass es früher Nostalgia genannt wurde. Wir fanden auch einige, alte und kuriose Erklärungen zum Thema, doch nichts aktuelles.
Wie erklärt ihr euch das Phänomen Heimweh?
Wir sind dankbar für jede Bemerkung, Theorie, Literaturverweis, Laienhypothese etc.
Der Mensch fühlt sich wohl, wenn ihm die Umwelt vertraut erscheint.
Denn dann hat er das Gefühl, dass die Gefahren kontrollierbar und die Quellen (psychischer oder materieller) Belohnungen bekannt und erreichbar sind.
Die Heimat - bevorzugt die, in der man aufgewachsen ist - ist die wohl vertrauteste Umgebung. Und diese Umgebung erscheint erstrebenswert, wenn man sich in der Fremde befindet.
Hab’ mir bisher nicht besonders viel Gedanken über Heimweh gemacht, aber ich tu jetzt 'mal a bisserl spekulieren.
Grundannahme: Der Mensch (naja zumindest die meisten) strebt nach Sicherheit. Nicht umsonst wird immer wieder versucht, Dinge, Ereignisse, Phänomene, Gegebenheiten, „Zufälle“ und derartiges, was nicht erklärbar, begründbar, greifbar (noli mi tangere), fassbar ist, in ein „rationales“ System zu bringen, was einem die Unsicherheit, das Ausgeliefertsein nimmt.
Grundannahme: Dort, wo Heimweh empfunden wird (Empfinden alle Menschen Heimweh ???), stellt das Heim, das Zuhause einen Ort und Hort der Sicherheit dar („Zu Hause ist es doch am schönsten“, „my home is my castle“, „daham is daham“ etc.).
Der Mensch, der von zu Hause fort geht, nicht zu Hause ist, ist also (zunächst) einer Situation der Unsicherheit, des Nicht-Vertrauten, des Fremden (–> Xenophobie) ausgesetzt. Und das is’ nu 'mal unangenehm.
Selbstgemachte Erfahrung: Zum ersten Mal mit der Schulklasse ins Landschulheim gefahren. Die ersten Tage richtig Heimweh gehabt. Dann aber wurde das bisher Unbekannte, Fremde mit der Zeit vertraut (Man wußte, wo das Klo war und wann und wo es Essen gibt und wie das schmeckt --> Grundbedürfnisse) und am Schluß wollte ich gar nicht mehr weg. Zudem war damit (zumindest in einem Fall) die Erfahrung gemacht, daß von zu Hause weg sein nicht mit einem so großen Schrecken behaftet sein muß und das Heimweh hinkünftig gegen null tendierte.
Soweit zu meiner kleinen Theorie. Nebenher fällt mir noch ein, daß mit dem (globalen) Begriff Heimweh vermutlich auch archaische Phänomene wie Verlustangst, Trennungsangst u.ä. in Verbindung stehen, aber das krieg ich jetzt auf die Schnelle nicht (begründet) in meinen Ansatz hineingewuselt.
Vielleicht hilft’s Euch ja trotzdem weiter.
Wir sind dankbar für jede Bemerkung, Theorie,
Literaturverweis, Laienhypothese etc.
Bin zwar keine Expertin aber ich leide von Zeit zu Zeit unter dieser „Nostalgia“ ein Wort das eigentlich gut zutrifft weil ich bei Heimwehanfällen oft Erinnerungen verkläre und romantisiere und „Gute alte Zeit“-Gedanken pflege die natürlich realistisch betrachtet gar nicht so romantisch und gut waren. Nur hab ich mich in meiner Heimat besser ausgekannt, wusste wo ich hin musste und wen ich fragen konnte. Ausserdem war ich in meiner Heimat keine Ausländerin, ein gefühlsmässiges großes Plus (wenn man sich in der neuen Wahlheimat manchmal dubiose Fragen und Kommentare anhören muss).
Ich kenne das Phänomen nicht und kannte es nicht. Ich hab
höchstens Heimweh (was man dann ja so gar nicht bezeichnen kann,
eher als Fernweh) zu Orten, Dingen mit denen mich eine bestimmte
Erinnerung verbindet. Ich hatte schon als Kind kein Heimweh, wenn
ich allein auf Reisen ging (Ferien, Kur), allenfalls fiel es mir
immer schwer, Orte zu verlassen, die mir gefallen haben.
Vielleicht ist dies aber auch so eine nostalgische Ader und
evtl. das Selbe wie das, was man als Heimweh bezeichnet?
Die meisten Menschen bezeichnen Heimweh mit dem Verlust der
Sicherheit in ihrer Kindheit. Das s.g. Urvertrauen. Es gab
Regeln, Strafen, Tagesabläufe, die einem vertraut waren.
Als Erwachsener stellt man sich selber die Regeln auf und so
entwickelt sich in Krisensituationen bei den meisten Menschen ein
Heimweh nach der „guten alten Zeit“. Wer sein "Daheim " als sich selbst erkennt, ist über all zu Hause. Uns so lange ich bin, brauch
ich nichts „nachzutrauern“
Ich bin zwar auch keine Expertin auf diesem Gebiet, aber ich bin ein mensch, der früher sehr viel Heimweh hatte und auch heute ab und an noch sehr stark heimweh hat!
Wie würde ich es erklären?
Einmal ist es verbunden mit dem Ort, wo man sich am sichersten und geborgensten fühlt.
Denn ich denke, es hat nicht unbedingt mit dem eigenen zu hause zu tun!
Ich hatte zum Beispiel lange Zeit Heimweh nach meinem Urlaubsort, weil das der Ort war, wo kaum ALtagsprobleme da waren, und wo ich mich am wohlsten und auch am sichersten und geborgensten gefühlt habe!
Dann hat es noch zu tun mit den Menschen, die einem sehr nahe stehen!
Sicherlich kommt es dann auch auf die Art von Heimweh an.
Wenn man zB richtig darunter leidet, dann hat man eine sehr sehr starke emotionale Bindung( eigentlich kann man das dann auch schon eine ängstliche Bindung nennen) zu den Menschen, die einem was bedeuten!
Früher als kleines Kind hatte ich auf KLassenfahrten immer Heimweh, ganz einfach, weil ich eine zu starke emotionale Bindung zu meinen Eltern hatte.
So würde ich das beschreiben und es erklärt auch ein wenig.
Aber erklären kann man ja eh nie alles(*gruß an alle Physiker);O)
‚Nostalgie‘ verbinde ich persönlich eher mit dem Vermissen alter Zeiten (‚früher war alles besser…‘ you know?) denn mit Heimweh. Letzteres ist mir ohnehin nicht wirklich vertraut, obwohl ich mit 16 in ein anderes Land gezogen bin, Fraunde und Family zurücklassen mußte, die neue Stadt nicht kannte, etc., etc., etc. Das Übliche halt. Selbstverständlich habe ich meine Freunde, den Duft in unserer alten Wohnung, die Lieblingsplätze im Park & Co. vermisst, aber als Heimweh habe ich es nie empfunden - vielleicht bin ich für derartige Gefühle einfach zu sehr Cosmopolitin: ich fühle mich praktisch überall auf der Welt wohl und bin eher vom Fernweh getrieben.
Nein, falsch… Ich bin in der Lage, mir überall auf der Welt eine ‚kleine eigene Welt‘ einzurichten, in der ich mich wohlfühlen kann. Ob es ein Duft ist, der mich an Zuhause erinnert (ja, ich würde sogar in der Antarktis Knoblauchzöpfe und Kräutersträußchen wie bei Oma aufhängen *g*), alberne und mit Kommentaren versehene Photos meiner Freunde, die kuschelige - wenngleich ob ihres Alters inzwischen reichlich ramponierte - karierte Decke, die ich mal vor Monden von meiner Tante bekam oder ein Stofftaschentuch/Pottpouri mit dem Lieblingswässerchen meiner Mom bzw. des Liebsten.
Erklären? Ich fürchte zum Erklären bin ich angesichts des Vorstehenden nicht wirklich die Richtige… Ich denke, daß Heimweh weniger mit dem Gefühl ‚ich vermisse mein altes Zuhause (auch wenn es noch so eine Scheiß-Bruchbude war)‘ sondern mit dem Fehlen von bestimmten Düften; auch solchen, die wir nicht wirklich bewußt wahrnehmen. Komisch oder? Nun… Ich bin nicht nur visuell sondern ebenso olfaktorisch veranlagt und habe entsprechend vorgesorgt (siehe oben). Möglicherweise liegt darin die Erklärung, warum manche Menschen mit dem Heimweh besser klarkommen als andere. Mir fällt gerade auf, daß diese Hypothese gar nicht so verkehrt sein kann - schließlich kommen auch Kinder z. B. im Ferienlager oder im Internat besser klar, wenn sie ein Stofftier, eine Decke oder sonst etwas dabei haben, das nach ‚Zuhause‘ schnuppert…
Wir haben zum Beispiel schon herausgefunden, dass es früher
Nostalgia genannt wurde.
nostos (gr) = heimkehr. stimmt schon. heute ist nostalgie aber eher zeitlich gemeint.
Wie erklärt ihr euch das Phänomen Heimweh?
heimweh bedeutet sehnsucht nach dem verlorenen zuhause. nur wer positive erinnerungen an das zuhause hat, die heimat, den geburtsort usw., der hat heimweh, wenn er wegmuß. wenn das nicht so ist, dann gibts auch kein heimweh, eher fernweh. wenn man dann einen oder mehrere orte gefunden hat, mit dem einen positive erinnerungen verbinden, dann wird man immer sehnsucht danach haben. das ist dann auch heimweh.
etwas offtopic, weil ich nichts zum Begriff beisteuern kann, aber als ich drüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich nie in dem Sinn, wie er hier von einigen erklärt wurde, Heimweh hatte.
Bei mir ging es immer um Personen - als Kind war ich z.B. unglaublich abhängig von meiner Mutter, ich konnte wochenlang „Heimweh“ nach meiner Mutter haben, wenn ich in der Jugendfreizeit war.
Aber ich habe mich noch nie nach einem Ort gesehnt - vielleicht bin ich als Kind einfach zu oft umgezogen?!
Wenn ich den mir wichtigsten Menschen bei mir habe, ist es mir egal, wo ich bin, dann fühle ich mich Zuhause und sehne mich nirgendwo anders hin…
nur
wer positive erinnerungen an das zuhause hat, die heimat, den
geburtsort usw., der hat heimweh, wenn er wegmuß.
Dem muß ich mal wehement widersprechen. Ich habe tolle Erinnerungen an Zuhause, trotzdem ist mir das Heimweh-Gefühl fremd. Was nun? Bin ich womöglich krank? *lach*
Bei mir ging es immer um Personen
Geht das noch jemandem so?
Ich lebe zwischen zwei Welten. Fühle mich weder in dem Dorf, wo ich die ersten 18 Jahre meines Lebens verbracht hab, noch in der Stadt in der ich lebe zuhause. Aber ich vermisse meine Mutter wenn ich in Wien bin und meinen Freund, wenn ich in Oberösterreich bin.
Ich glaub ich hab mich daran gewöhnt, neue Umgebungen schnell lieben zu lernen, ich bin als Kind oft unabhängig von meiner Familie verreist, später auch mit Menschen, die ich kaum kannte, oder allein… Aber wenn ich fort bin, fehlt mir doch irgendwann wieder die Nähe zu Menschen die ich liebe und wenn ich’s nicht schaffe, mich abzulenken, kanns mir verdammt dreckig gehn.
Irgendwie find ich das Wort „Nostalgia“ für mich doch sehr zutreffend. Bedingt durch meine Reisen hab ich oft Sehnsucht nach Orten, an denen ich Wunderbares erlebt habe. Ich träume von Skandinavien, Irland, Holland,… Wünsche mich an Plätze die heute wohl längst nicht mehr so sind, wie ich sie in Erinnerung habe. Ich träum mich zurück - in meine nostalgischen Erinnerungen…
Und es kann ganz schön weh tun, wieder auf dem Boden der Tatsachen anzulangen und festzustellen, dass man das Erlebte, die Freunde, die man getroffen hat, nie wieder zurückholen kann…
Aber ich habe mich noch nie nach einem Ort gesehnt - vielleicht bin ich als Kind einfach zu oft umgezogen?! […] Geht das noch jemandem so?
ja: Ich könnte dazu aus meinem Job viele Beispiele beisteuern - wenn ich bundesweit einen Kandidaten für ein Unternehmen z.B. in Hamburg suche und mit Leuten spreche, für die der Jobwechsel mit einem Umzug >150km verbunden wäre, brauche ich mir nur die Lebensläufe anzusehen:
Je früher und je häufiger in ihrem Leben eine Person ihre gewohnte Umgebung verlassen hat, um in einer ganz anderen Region zu leben, desto größer, desto selbstverständlicher die Bereitschaft, sich räumlich zu verändern, in einer anderen Stadt neu zu starten. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die Regelmäßigkeit, in der das zutrifft, ist schon sehr auffällig.
danke an alle, die eifrig mitdiskutiert haben. Ihr habt uns gezeigt, dass wir nicht auf dem Holzweg sind. Wir haben die Personen, die von Heimweh befallen werden, in zwei Gruppen eingeteilt:
Diejenigen die sich stark an materielle Dinge heften
Diejenigen die sich stark an ihr soziales Umfeld binden
natürlich gibt es auch solche, die beides tun, die leiden am meisten, wenn sie ihr Heim verlassen.
Wir glauben auch, dass Heimweh viel mit dem Sicherheitsgefühl und dem Urvertrauen zu tun hat, dass man AM ANFANG in der Fremde noch nicht hat. Es hat auch mit Anpassungsfähigkeit oder Anpassungswillen zu tun.
Danke nochmals. Lisa und co.
Ps: Denkt ihr, dass Schweizer eher oder heftiger an Heimweh leiden? Wenn ja, weshalb?