Hallo Enno,
ich hab beruflich mit Straffälligen zu tun und geb Dir bezüglich Deiner Fragen mal meine Eindrücke wieder.
o A tötet B im Affekt. Für A ist es die erste Tötung eines
Menschen. Ist die nächste Tötung für A in einer ähnlichen
Situation leichter ?
Du hast geschrieben, dass die Tötung im Affekt geschehen ist. Die Wiederholungsgefahr bei Tötungsdelikten ist meines Wissens gering, da es sich meist um Affekttaten handelt, die aus einer bestimmten Konstellation heraus entstehen, die so nicht wieder vorkommen wird. Ich glaube nicht, dass hier ein „Gewöhnungseffekt“ eintritt, ausser vielleicht bei Killern (sehr selten, aber spektakulär).
Ich habe eben ein Buch über den Vietnamkrieg gelesen. Bei den Soldaten, die da beschrieben wurden habe ich schon den Eindruck, dass da eine ungeheuere Gewalteskalation und Enthemmung stattgefunden hat, aber ich glaube nicht, dass man das auf „normale“ gesellschaftliche Zusammenhänge übertragen kann.
o A überschreitet erstmalig seine Hemmschwelle im Rahmen einer
Auseinandersetzung jmd. mit der Faust ins Gesicht zu schlagen.
Wird ihm das beim nächsten mal leichter fallen ?
Das schon eher, wenn er merkt, dass die Tat für ihn einen positiven Effekt hat. Körperverletzung geschieht häufig im Zusammenhang mit dem Konsum von Alkohol und illegalen Drogen und oft vor dem Hintergrund erheblicher Sozialisationsdefizite. Gewalttäter haben sehr sehr oft schon von ihrer Kindheit an Gewalt (oft in Verbindung mit Alkohol) erlebt, auf die sie dann selbst irgendwann mit Gewalt reagieren.
Hängt die Änderung der Hemmschwelle vom „Erfolg“ der Gewalttat
ab, d.h. wird dieses bisher „unakzeptable“ Verhalten durch
z.B. den Sieg über den Gegner verstärkt ?
Wie gesagt, ich glaube schon, aber ich bin mir nicht so sicher, ob bei Menschen, die schon immer Gewalt erfahren haben, jemals diese Hemmschwelle bestand, oder ob die Ausübung von Gewalt ihnen nicht schon von den Eltern als Konfliktlösungsstrategie „beigebracht“ wurde. Es muss auch unterschieden werden, ob es sich um Gewalt durch eine Einzelperson, oder durch eine Gruppe handelt. Bei der Gruppe spielen gruppendynamische Zusammenhänge und gesellschaftliche Hintergründe eine große Rolle. Es gibt dazu viele Erklärungsansätze, aber die zu beschreiben würde hier den Rahmen sprengen.
Kann sie wieder
erhöht werden oder ist jedes verringern der Hemmschwelle
irreversibel (Drogen etc. mal außen vor gelassen) ?
Die Hemmschwelle kann durch Anti-Gewalt Training wieder erhöht werden. Insbesondere ist es wichtig, den Leuten andere Konfliktlösungsstrategien aufzuzeigen und die Frustrationstoleranz zu erhöhen. Auch eine Veränderung der Lebensumstände und des Umganges mit Drogen ändert natürlich die Einstellung zu Gewalt.
So, das war jetzt mal ein kurzer Abriss meiner Erfahrungen. Über das Thema sind schon viele dicke Bücher geschrieben worden - insofern ist eine fachlich einwandfreie, umfassende Beantwortung Deiner Fragen im Rahmen des Forums eigentlich gar nicht möglich. Anmerken möchte ich noch, dass nicht nur die Sozialisation, sondern auch gesellschaftliche Zusammenhänge bei dem Thema eine wichtige Rolle spielen, aber wie gesagt, das wäre jetzt zu viel.
Hoffe, ich konnte Dir trotzdem weiterhelfen.
Viele Grüße
Jens