Hallo Germanisten,
in Geschichte streitet man sich gerade über den Begriff „Reichskristallnacht“. Gibt es einen Beleg für das erste Auftauchen dieses Begriffs? Und vor allem: wurde er offiziell gebraucht oder war es „Berliner Schnauze“?
Wer kann helfen?
Andreas
hi,
besser wohl in einem brett für geschichtliches … aber:
der begriff „reichskristallnacht“ wurde in zynischer oder dummer weise zur verharmlosung des novemberpogroms verwendet. er ist ein euphemismus, wenngleich vermutlich nicht mit ns-herkunft. wikipedia meint, die herkunft des worts sei nicht völlig geklärt; es sei vermutlich „volkstümlich“, aber nicht offizielle ns-sprachregelung gewesen. ns-sprachregelung waren meines wissens phrasen wie „vergeltungsaktion“, „erhebung empörter bürger gegen die juden“ u.dgl.
lit.:
http://de.wikipedia.org/wiki/Reichskristallnacht#Heu…
m.
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zunächst Dank
Hallo Michael,
besten Dank für den Artikel, der das Thema ausgewogen diskutiert. Aber warum stellst Du eine Behauptung auf, die durch den von Dir gelieferten Link widerlegt wird?
Andreas
hallo andreas,
besten Dank für den Artikel, der das Thema ausgewogen
diskutiert. Aber warum stellst Du eine Behauptung auf, die
durch den von Dir gelieferten Link widerlegt wird?
weil ich nicht ganz der ansicht des wikipedia-artikels bin. ich habe durchaus den eindruck, dass „reichskristallnacht“ beschönigend wirkt - und das ist entweder zynisch (wenn absichtlich) oder dumm (wenn unabsichtlich).
m.
Hallo Diskutanten,
von Zeitzeugen (Jahrgänge 1919 und 1922) habe ich mir sagen lassen, dass sowohl Zynismus als auch Beschönigung der Reichspropagandasprache im Volk sehr wohl von deren Parodierung unterschieden werden konnten und auch wurden. Erst viel später, Ende der achtziger Jahre, als die meisten Zeitzeugen entweder tot waren oder sich in nichts mehr einmischten, wurde die politically correcte Einheitssprachregelung plötzlich ungeheuer wichtig.
Zwei Dinge zu den verschiedenen Begriffen:
(1) die PC-Version ist sachlich zumindest angreifbar, weil der Reichskristallnacht ein wesentliches Merkmal des Pogroms fehlte: Pogrome werden durch die jeweilige Obrigkeit mehr oder weniger wohlwollend geduldet und dadurch gefördert - nie jedoch durch diese organisiert und durchgeführt, so wie dieses bei den Einsätzen von SS und SA in Zivil bei der Reichskristallnacht der Fall war. Der Führer und sein Dokter Josef hätten die Ereignisse gerne als Pogrom verkauft („spontaner Volkszorn“), aber der schon 1938 geprägte Begriff „Reichkristallnacht“ verriet, dass ihnen das niemand mehr glauben wollte.
(2) warum verriet dieser Begriff das? Man muss sich dazu Parallelen anschauen, die es in großer Zahl gab. Mir fallen spontan zwei ein, Reichsschrifttumskammer und Reichsnährstand. „Reichs-trallala“ stand immer dann in der Sprache des dritten Reiches, wenn es darum ging, dass irgendeine Organisation oder Institution reichseinheitlich, gleichgeschaltet und treu zum Führer die anarchische Dekandenz der Systemzeit überwunden hatte. Also nix spontan, nix Volk. Ziemlich peinlich für den Dokter Josef, er war in den Jahren 1933 bis 1938 vorher noch nicht so offen der Lüge überführt worden.
Etwas Ärgeres als dieses kann einem Reichspropagandaorgan kaum widerfahren.
Der zweite Teilbegriff „-kristall-“ parodiert die billige Schönfärberei, mit der die Reichspropagandasprache noch jeder Sauerei einen glorreichen, heldenhaften Anstrich gab. Mit einem Seitenblick auf die vulgäre Habgier der Goldfasane, wenn es ums Plündern ging. Man kann ihn von heute aus gesehen nur noch als Parodie verstehen, wenn man sich vor Augen führt, dass jeder wusste, dass keineswegs bloß die oft wertvollen Ausstattungen der Synagogen zerteppert worden waren, bevor diese angezündet wurden. Der angebliche „Volkszorn“ fand ja am Tag nach den Brandstiftungen und Plünderungen (Morde an Juden gabs systematisch und in großer Zahl erst etwa drei Jahre später) durchaus öffentlich statt, mit allen möglichen Mißhandlungen und Demütigungen.
- Anmerkung für Freunde der political correctness: Ich hätte unter (2) noch einige Anführungszeichen setzen können. Tu ich aber nicht, weil es nicht auf Formen und Rituale ankommt, sondern auf Inhalte. Dass der wahre und wircklich „betroffene“ Antifaschismus erst 1985 erfunden wurde, glaube ich nicht. Wäre beiläufig auch ziemlich beleidigend gegenüber dessen zeitgenössischen Vertretern, die in den vergessenen Emslandlagern, in Dachau, Buchenwald, Plötzensee etc. wahrlich anderes beschäftigte als Sprachregelungen.
Schöne Grüße
MM
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