Herleitung des Vektorprodukts

Hallo alle,

ein kleines Problem:
Bei der Herleitung des Vektorproduktes muß der entstehende neue Vektor c (weiß nicht wie ich die Vektorpfeile hinkriege) senkrecht auf den beiden „erzeugenden“ Vektoren a und b stehen. Das Gleichungssystem, das entsteht, wenn man demzufolge das Skalarprodukt von ac und bc gleich 0 setzt und das eben diese beiden Gleichungen (I: a1c1 + a2c2 +a3c3 = 0 & II: b1c1 + b2c2 + b3c3 = 0) besitzt, hat unendlich viele Lösungen. Wählt man für c3 jetzt a1b2-a2b1, bekommt man die gängige Lösung für die Koordinaten des neuen Vektors. Meine Frage jetzt: Warum wählt man für c3 gerade diesen Wert?

Es gibt ja auch die Möglichkeit, den Normalenvektor über die La-Place-Determinante auszurechnen (mit den Einheitsvektoren). Aber auch hier weiß ich nicht, *warum* das so ist!

Ich würde mich über eine Antwort freuen, da eine Freundin von mir die Herleitung des Vektorprodukts für ein Referat im Mathe-LK braucht und ich nirgendswo finden konnte, wie genau man von dem LGS ac=0 und bc=0 auf die üblichen Koordinaten des Normalenvektors kommt.

Vielen Dank schon jetzt!!!

Hallo Leopold,

wie genau
man von dem LGS ac=0 und bc=0 auf die üblichen Koordinaten des
Normalenvektors kommt.

gar nicht, denn die Eigenschaft " a x b steht senkrecht auf a und senkrecht auf b" ist nur eine Eigenschaft des Kreuzprodukts. Damit schaffst Du es gerade bis dorthin, wie Du es schon gerechnet hast. Um weiterzukommen, brauchst Du mehr Information, und das ist natürlich die, die in den anderen geforderten Eigenschaften des Kreuzprodukts steckt (im folgenden unterstrichen).

Um herauszufinden, wie a x b"in Komponenten" lautet, drückst Du zunächst die Vektoren a und b als Linearkombinationen der Einheitsvektoren aus…

a = a1 e1 + a2 e2 + a3 e3
b = b1 e1 + b2 e2 + b3 e3

…und schreibst damit

a x b = (a1 e1 + a2 e2 + a3 e3 ) x (b1 e1 + b2 e2 + b3 e3 )

Da das Kreuzprodukt assoziativ ist, darfst Du ausmultiplizieren:

a1 b1 ( e1 x e1 ) + a1 b2 ( e1 x e2 ) + a1 b3 ( e1 x e3 )
a2 b1 ( e2 x e1 ) + a2 b2 ( e2 x e2 ) + a2 b3 ( e2 x e3 )
a3 b1 ( e3 x e1 ) + a3 b2 ( e3 x e2 ) + a3 b3 ( e3 x e3 )

Da das Kreuzprodukt aus zwei identischen Vektoren verschwinden soll ( a x a = 0 für alle a ), fallen drei Summanden weg:

a1 b2 ( e1 x e2 ) + a1 b3 ( e1 x e3 )
a2 b1 ( e2 x e1 ) + a2 b3 ( e2 x e3 )
a3 b1 ( e3 x e1 ) + a3 b2 ( e3 x e2 )

Aufgrund der Antikommutativität des Kreuzprodukts ( b x a = – a x b für alle a , b ), kannst Du die drei „verkehrten“ Kreuzprodukte (= die, bei denen der Index des ersten Einheitsvektors größer ist als der des zweiten) „umdrehen“ und bekommst

a1 b2 ( e1 x e2 ) + a1 b3 ( e1 x e3 )
– a2 b1 ( e1 x e2 ) + a2 b3 ( e2 x e3 )
– a3 b1 ( e1 x e3 ) – a3 b2 ( e2 x e3 )

=

(a1 b2 – a2 b1) ( e1 x e2 )

  • (a2 b3 – a3 b2) ( e2 x e3 )
  • (a1 b3 – a3 b1) ( e1 x e3 )

Nun brauchst Du als letztes noch die Eigenschaft von „x“, daß das Kreuzprodukt zweier Einheitsvektoren plus/minus den dritten ergeben soll:

e1 x e2 = ± e3
e2 x e3 = ± e1
e1 x e3 = ± e2

Die drei „±“ suggerieren, daß es 23 = 8 Wahlmöglichkeiten gibt, aber in Wirklichkeit sind es nur zwei (bitte selbst überlegen, daß + + +, + – –, – + – und – – + durch Drehung ineinander überführbar sind, ebenso – – –, + – –, – + – und – – +). Bei den verbleibenden beiden „echten“ Wahlmöglichkeiten spricht man von einem „Linkssystem“ bzw. „Rechtssystem“. Der Operator „x“ ist konventionsgemäß so definiert, daß die Vektoren a , b und a x b ein _Rechts_system bilden, d. h. wenn Du in Gedanken a zu b hin drehst und mit der rechten Hand (Daumen nach oben, restliche Finger gekrümmt) diesen Dreh anzeigst, dann zeigt der Daumen in Richtung von a x b.

Aufgrund dessen hat man festgesetzt, daß „x“ wie folgt operieren soll:

e1 x e2 = e3
e2 x e3 = e1
e3 x e1 = e2

Das ist schön symmetrisch, weil in jeder Zeile „1 2 3“ in der „richtigen Reihenfolge“ stehen (wenn Du beim Abzählen hinten angekommen bist, nach vorne zurückspringen). Die drei „richtigen Reihenfolgen“ 1 2 3, 2 3 1 und 3 1 2 nennt man auch „zyklisch“, die anderen drei (1 3 2, 2 1 3 und 3 2 1) „antizyklisch“.

Damit sind wir fertig:

a x b

=

(a1 b2 – a2 b1) e3

  • (a2 b3 – a3 b2) e1
  • (a1 b3 – a3 b1) (– e2 )

=

(a2 b3 – a3 b2) e1

  • (a3 b1 – a1 b3) e2
  • (a1 b2 – a2 b1) e3

Das war’s, und wie Du siehst gingen in die Rechnung auch tatsächlich alle fundamentalen Eigenschaften des Kreuzprodukts ein.

Mit freundlichem Gruß
Martin

Danke für die ausführliche Erklärung, das ist echt supernett!!!