Hi Alexander,
Doch jetzt komme ich sehr ins Grübeln: Was muß er für ein
Mensch
gewesen sein, der Vater unseres großen Johannes Kepler. Er
diente als
Landsknecht bei den Mordbrennern Herzog Alba. Obwohl seine
Frau
wieder schwanger war, ging er nach Holland, um als Landsknecht
zu
dienen.
ich denke, dass Du Abstand nehmen musst von einer heutigen Sichtweise. Die Leute lebten früher in völlig anderen Lebenszusammenhängen, Beziehungen waren anders, Lebensumstände und -erwartungen verschieden.
So ist beispielsweise das, was wir heute Kindheit nennen, eine relativ neue Entwicklung. Früher wurden die Kinder wie Erwachsene behandelt und auch so gesehen.
Wie denken und fühlen sich Menschen, die in einer Gesellschaft leben, wo man für das Klauen von Brot hingerichtet wird? Was für ein Verhältnis zum Tod haben Leute, für die das Sterben von Angehörigen, Nachbarn und Freunden zur Alltäglichkeit gehört? Wieviel Mitgefühl mit einem Feind oder Angehörigen eines gerade okkupierten Landes hat jemand, der in seinem Söldnerheer gerade genug zu fressen hat und sich vom Marodieren ernähren muss.
Oder aber auch, was für eine Einstellung zur Arbeit hat jemand, dessen Jahr (wie z.B. ein Bauer im Mittelalter) zur Hälfte (!) aus Feiertagen besteht?
Sind Beziehungen und Ehen früher das gleiche wie heute? Ich denke nein. Der Vater von Marco Polo (zugegebenermaßen reichlich früher als Kepler…) ging kurz nach der Geburt seines Sohnes auf Handelsreise und kam wieder, als Marco 18 Jahre alt war. Dann sind er und sein Bruder mit Marco erneut aufgebrochen und letzterer 26 (?) Jahre später wiedergekehrt. Ich gehe jede Wette ein, dass die unterwegs über Jahre Ehefrauen vor Ort hatten, Kinder zeugten, sich niederliessen, bevor sie irgendwann weiterzogen.
Was ich sagen will: Die Leute früher sind in gewisser Weise andere Leute als heute, auch wenn sie natürlich Menschen wie Du und ich waren. Aber an ihre Gefühls- und Gedankenwelt kann man m.E. nicht mit unseren Maßstäben rangehen.
Liebe Grüße
Burkhard