Hesses Demian

Hallo Literaturfreunde!

Kürzlich habe ich Hesses Demian gelesen. Die Erzählung ist aus der Ich-Perspektive heraus geschrieben. Kann man daraus schließen, dass der Demian zum Teil autobiographisch ist? Ich komme auch deshalb darauf, weil ich meine, aus meiner Schulzeit dunkel in Erinnerung zu haben, dass Hesse ein Internat ( Kloster Maulbronn; spielt glaube ich eine Rolle in Narziss und Goldmund ) besucht hat und im Demian der Emil Sinclair auch ein Internat besucht.

Noch etwas: Den tieferen Hintergrund der Geschichte konnte ich irgendwie nicht erfassen. Klar sind viele Romane auch religiös oder philosophisch angehaucht. Dass die Erzählung aber über weite Strecken davon handelt, wie jemand im Gespräch mit anderen oder in Gedanken nach dem tieferen Sinn sucht, ist aber doch eher ungewöhnlich.

Gar nicht klar gekommen bin ich mit dem letzten Kapitel. War Hesse nicht Pazifist? Beim Lesen des letzten Kapitels hatte ich eher den Eindruck, dass Sinclair den Marsch in den Krieg gar nicht abwarten kann. Da ist mir ein wenig zu viel von Schicksal und zu wenig von Auflehnung oder auch nur Angst vor dem Kommenden die Rede.

Auch tauchte für meine Begriffe Demians Mutter etwas unvermittelt auf. Ich hätte eher erwartet, dass eine so zentrale Figur vorher bewusster und nicht nur so nebenbei eingeführt wird. Als ich las, dass Sinclair in Beatrices Gesicht auch Demians Gesicht erkennt, glaubte ich, dass Sinclair homoerotische Neigungen verspürt. Darauf, dass dass Gesicht auch das Gesicht von Demians Mutter sein könnte und Demian deshalb ähnlich sieht, wäre ich nicht gekommen, weil Demians Mutter bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Rolle gespielt hat.

Dies soll keine Rezension sein. Mich interssiert nur, wie es anderen bei der Lektüre von Demian ergangen ist.

Gruß

Christoph

Hallo Christoph,

Kann man daraus
schließen, dass der Demian zum Teil autobiographisch ist?

Ja, natürlich. Es gibt kein Buch Hesses, das nicht Autobiografisches enthielte. Meist teilt Hesse seine eigene Person in zwei Protagonisten, etwa „Narziß und Goldmund“ oder Hans Giebenrath und H ermann H eilner in „Unterm Rad“ oder eben Emil Sinclair und Max Demian.

Ich komme auch deshalb darauf, weil ich meine, aus meiner
Schulzeit dunkel in Erinnerung zu haben, dass Hesse ein
Internat ( Kloster Maulbronn; spielt glaube ich eine Rolle in
Narziss und Goldmund ) besucht hat

In Maulbronn waren übrigens auch Johannes Keppler und Friedrich Hölderlin.

und im Demian der Emil Sinclair auch ein Internat besucht.

Dazu könntest du Hesses „Unterm Rad“ lesen, das seine Internatszeit zum Thema hat.

Noch etwas: Den tieferen Hintergrund der Geschichte konnte ich
irgendwie nicht erfassen. Klar sind viele Romane auch religiös
oder philosophisch angehaucht. Dass die Erzählung aber über
weite Strecken davon handelt, wie jemand im Gespräch mit
anderen oder in Gedanken nach dem tieferen Sinn sucht, ist
aber doch eher ungewöhnlich.

Hesse hat während des Ersten Weltkieg mitgekriegt, dass man sich als Autor nicht mit den Problemen des Individuums allein beschäftigen kann, sondern dass es auch gilt, gesellschaftliche, soziale und politische Verhältnisse zu bedenken. Ein Reflex dieser Neuorientierung stellt der „Demian“ dar. Vorher hat er eher „spätromantische Entwicklungsromane“ geschrieben, mit Dichtern oder Künstlern als Hauptpersonen.

War Hesse nicht Pazifist?

Ja, sogar ein entschiedener; und er wurde deshalb enorm angefeindet im „Reich“, vermehrt nachdem er in die Schweiz gezogen war und dann 1923 die Schweizer Staatangehörigkeit hatte.

Das ist auch der Grund, warum der „Demian“ unter dem Pseudonym „Emil Sinclair“ erschien. Den Name „Sinclair“ übrigens hat Hesse von dem Freund Hölderlins „Issak von Sinclair“, der den langsam durchdrehenden Hölderlin in Obhut genommen hat. Sinclair war aktiver Politiker, strebte eine süddeutsche Republik an, wurde als „Jakobiner“ verhaftet …

Wenn du Hesses Weltanschauung näher kennen lernen willst, sind die beiden Bände:
H. Hesse: Politische Betrachtungen
und
H. Hesse: Mein Glaube
zu empfehlen. Beide bei Suhrkamp erschienen, und von Siegfried Unseld ausgewählt und herausgegeben.

Wie alle Hessebücher habe ich auch den „Demian“ als Augenöffner erlebt. Man ist nicht mehr derselbe, der man vor der Lektüre war.
Wobei meine Hesselektüre zum größten Teil vor meinem zwanzigsten Geburtstag stattfand.

Gruß Fritz

Hallo Christoph!
Fritz trefflichem statement kann ich ausser Zustimmung, vielleicht nur folgende kleine Ergänzung anhängen:

Auch tauchte für meine Begriffe Demians Mutter etwas
unvermittelt auf. Ich hätte eher erwartet, dass eine so
zentrale Figur vorher bewusster und nicht nur so nebenbei
eingeführt wird.
Als ich las, dass Sinclair in Beatrices
Gesicht auch Demians Gesicht erkennt, glaubte ich, dass
Sinclair homoerotische Neigungen verspürt. Darauf, dass dass
Gesicht auch das Gesicht von Demians Mutter sein könnte und
Demian deshalb ähnlich sieht, wäre ich nicht gekommen, weil
Demians Mutter bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Rolle
gespielt hat.

Ich denke das analysierst du wunderbar! Nur ein Schritt noch weiter: Die Mutter ist Symbol für die weibliche, die Gefühlsseite
im Menschen/Mann (Anima), die eben unbewußt ist und nur bei genauerer Selbstsuche allmählich erkennbar und interpretierbar wird.

Gruss
HC

Hallo Fritz!

Da ich kein Hesse-Kenner bin wäre ich nicht darauf gekommen, dass Demian auch Hesse ist. Den Verdacht hatte ich lediglich bei Sinclair.

In Maulbronn waren übrigens auch Johannes Keppler und
Friedrich Hölderlin.

Das wusste ich noch nicht. Maulbronn scheint ja ziemlich fähige Pädagogen gehabt zu haben. War von denen jemand berühmt?

Hesse hat während des Ersten Weltkieg mitgekriegt, dass man
sich als Autor nicht mit den Problemen des Individuums allein
beschäftigen kann, sondern dass es auch gilt,
gesellschaftliche, soziale und politische Verhältnisse zu
bedenken. Ein Reflex dieser Neuorientierung stellt der
„Demian“ dar. Vorher hat er eher „spätromantische
Entwicklungsromane“ geschrieben, mit Dichtern oder Künstlern
als Hauptpersonen.
Dass sich viele Autoren nicht nur mit dem Individuum beschäftigt haben ist mir schon klar. Aber ist das bei anderen nicht subtiler als bei Hesse? Hesse stellt die Fragen meiner Meinung nach offen und kleidet sie eher notdürftig in eine Handlung.

War Hesse nicht Pazifist?

Ja, sogar ein entschiedener; und er wurde deshalb enorm
angefeindet im „Reich“, vermehrt nachdem er in die Schweiz
gezogen war und dann 1923 die Schweizer Staatangehörigkeit
hatte.

Wie erklärt sich denn dann das letzte Kapitel im Demian? So schicksalsergeben wie Sinclair und Demian kann Hesse den Kriegsausbruch doch als Pazifist nicht hingenommen haben. Wie gesagt: Ich hatte auch in Erinnerung, dass Hesse Pazifist war.

Das ist auch der Grund, warum der „Demian“ unter dem Pseudonym
„Emil Sinclair“ erschien. Den Name „Sinclair“ übrigens hat
Hesse von dem Freund Hölderlins „Issak von Sinclair“, der den
langsam durchdrehenden Hölderlin in Obhut genommen hat.
Sinclair war aktiver Politiker, strebte eine süddeutsche
Republik an, wurde als „Jakobiner“ verhaftet …

Jetzt hast Du meine Allgemeinbildung wieder bereichert. Von Issak von Sinclair habe ich noch nie etwas gehört. Weder im Zusammenhang mit Hölderlin noch mit deutscher Geschichte. Hat sich Hesse in irgendeiner Form an Hölderlin orientiert?

Wie alle Hessebücher habe ich auch den „Demian“ als
Augenöffner erlebt. Man ist nicht mehr derselbe, der man vor
der Lektüre war.
Wobei meine Hesselektüre zum größten Teil vor meinem
zwanzigsten Geburtstag stattfand.

Na ja, ganz so überwältigend war die Wirkung bei mir nicht, wie Du vielleicht meinem Posting entnommen hast. Aber vielleicht bin ich dafür fünfzehn Jahre zu alt.

Gruß und vielen Dank!

Christoph

Hallo Humancrossing!

Danke für das Kompliment!

Gruß

Christoph

Hallo

Maulbronn scheint ja ziemlich fähige Pädagogen gehabt zu haben. War von denen jemand berühmt?

Das kann man wohl nicht sagen. Einzig David Friedrich Strauß, der eine sehr entlarvendes Jesusbuch: Das Leben Jesus kritisch betrachtet, geschrieben hat, ist bekannt geworden, aber sicher nicht als Lehrer oder Pädagoge.

Maulbronn als Schule hatte einen schlechten Ruf. Ein Schulfreund Hölderlins schreibt, es stehe „im Rufe alter Verdorbenheit“, der Leiter von damals wird von demselben als „ein eigenliebiger und daher schwacher Mann“ bezeichnet.

Die Briefe Hölderlins aus dieser Zeit spiegeln einen trostlosen Zustand, er sei keinen Tag dort glücklich gewesen.

Hesses Berichte fallen genauso aus.

Man muss wohl sagen, dass die beiden und viele ander „trotz der Erfahrung von Maulbonn“ doch noch „was Rechtes“ geworden sind. Obwohl - Hölderlin ist verrückt geworden und Hesse war nahe dran!

Hat sich Hesse in irgendeiner Form an Hölderlin orientiert?

Ohja! Hesses von ihm hochverehrter Großvater war ebenfalls Schüler im Maulbronn und später Student im Tübinger Stift wie Hölderlin. Der war noch Schüler von Strauß und hat Gedichte im Stil und in der Nachfolge Hölderlins geschrieben.

Die erste Strophe der Hymne „Brot und Wein“, die unter dem Titel „Die Nacht“ veröffentlicht wurde, hat Hesse dazu gebracht, Dichter werden zu wollen.
Er berichtet später im Kurzgefassten Lebenslauf über seine Lektüre als Knabe und sagt dann: _… und alles las ich gern, aber mitten zwischen diesen Sachen stand etwas anderes, etwas Wunderbares, ganz und gar Verzaubertes, das Schönste, was mir je im Leben begegnet war. Es war ein Gedicht von Hölderlin, das Fragment „Die Nacht“. Oh, diese wenigen Verse, wie oft habe ich sie damals gelesen, und wie wunderbar und heimlich Glut und Bangigkeit weckend war dies Gefühl: das ist Dichtung! Das ist ein Dichter! Wie klang da, für mein Ohr zum erstenmal, die Sprache meiner Mutter und meines Vaters so tief, so heilig, so gewaltig, wie schlug aus diesen unglaublichen Versen, die für mich Knaben ohne eigentlichen Inhalt waren, die Magie des Sehertums, das Geheimnis der Dichtung mir entgegen!

------------ die Nacht kommt,
Voll mit Sternen, und wohl wenig bekümmert um uns
Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen,
Über Gebirgeshöhn, traurig und prächtig herauf.

Nie mehr, so viel und so begeistert ich auch als Jüngling las, haben Dichterworte mich so völlig bezaubert, wie dies damals den Knaben …_

Hesse hat später im S. Fischer Verlag eine Sammlung von Lebensdokumenten von Hölderlin herausgegeben.

Es überrascht vermutlich nicht, das auch Nietzsche, der gleichfalls zu den Lieblingen und Vorbildern und Inspiratoren Hesses gehörte, ebenso begeistert von Hölderlin war wie dieser. Niezsche hat übrigens ein späteres Buch von Strauß in einer Weise verrissen, dass Reich-Ranitzki daneben allenfalls als ein Sängerknabe daneben steht!

Das Hölderlingedicht müsstest du im Projekt Gutenberg finden.

Hesses Biografie ist kurz und gediegen von Bernhard Zeller in der Reihe rororo Bildmonografien ISBN 3-499-50085-X Buch anschauen dargestellt. Aus diesem habe ich zitiert.

Gruß Fritz

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Hallo Fritz!

Auch wenn ich erst sehr spät wieder in dieses Brett hineingeschaut habe: Vielen Dank für deine umfangreichen und interessanten Infos, die ich alle noch nicht kannte.

Gruß

Christoph