Hierarchie: Wer geht auf wen zu?

Hallo,

ich hab einen Text aus dem 12.Jh., in welchem eine Seele durch Himmel und Hölle geführt wird. Im Himmel kommt ein Heiliger auf sie zu und begrüßt sie.

Es handelt sich um die Seele eines sündigen Ritters, der Heilige ist Ruadan bzw. Brandan (je nach Textfassung).

Ist die Tatsache, dass die Seele stehen bleibt, und der Heilige zu ihr geht, bemerkenswert, oder völlig banal?

Gab es im 12. Jh. bestimmte Verhaltensvorschriften, wie z.B. ein Ritter einen Bischof zu begrüßen hatte? Kann ich daraus, dass die Seele stehen bleibt, ableiten, dass der Erzähler hier mit Status/ Hierarchie spielt?

Viele Grüße
Jonas

Gab es im 12. Jh. bestimmte Verhaltensvorschriften, wie z.B.
ein Ritter einen Bischof zu begrüßen hatte? Kann ich daraus,
dass die Seele stehen bleibt, ableiten, dass der Erzähler hier
mit Status/ Hierarchie spielt?

Nicht nur im Mittelalter, Jonas, auch in der Antike und wohl in allen Kulturen, steht der Höherstehende und der Tieferstehende geht; und wirft sich wohl auch noch auf den Boden.

Geschieht das Gegenteil, so ist stets mit mit einer Ausnahmesituation zu rechnen.

Wenn z. B. der Papst Karl dem Franken entgegenreitet oder - ganz prominente Stelle - der Vater des verlorenen Sohnes diesem entgegeneilt, ihn am der Proskynese hindert etc., so ist das keineswegs banal.

Ob aber der sündige Ritter so sehr hoch steht, weiß ich nicht zu sagen.

Gruß Fritz

ich hab einen Text aus dem 12.Jh., in welchem eine Seele durch
Himmel und Hölle geführt wird. Im Himmel kommt ein Heiliger
auf sie zu und begrüßt sie.

(…)

Kann ich daraus,
dass die Seele stehen bleibt, ableiten, dass der Erzähler hier
mit Status/ Hierarchie spielt?

Hallo Jonas,

ja, das kannst du in jedem Fall ableiten. Nicht nur das Stehen/ Gehen, das Fritz schon erwähnt hat, ist wichtig. Eine große Bedeutung in der Literatur spielt auch das _Entgegengehen_. Je nachdem, wie weit z.B. die Bewohner einer Stadt (die Bewohner von Stand, natürlich) einem adligen Besucher, Fürsten oder Ähnliches entgegengehen, desto höher ist sein Status einzuschätzen.

Es ist ein häufiges Thema in der Lit. des Hohen MA, dass ein Adeliger, Ritter o.Ä. seinen Status durch Verfehlungen verliert, durch verschiedene Bewährungsproben wiedererlangt und dann in „seine“ Stadt oder zu „seinem“ Hof und in den alten Status zurückkehrt. Dabei hat das Entgegengehen der Leute, manchmal sogar mehrere Tagesreisen, eine starke Signalfunktion, um eben die Statuserneuerung anzuzeigen.

Auch historisch soll die Praxis des Entgegengehens belegt sein.

LiGrü:
Scylla

Hi Scylla und Fritz,

danke für Eure Antworten!

Ich bin in meinem Fall dadurch verunsichert, dass ich nicht weiß, wie man sich Heiligen (bzw. religiös Höherstehenden) gegenüber verhielt. Durfte man denn solchen Personen „nahetreten“?

Viele Grüße
Jonas

Grüß dich, Jonas!

weiß, wie man sich Heiligen

Da Heilige erst nach dem Tode Heilige werden und wurden, ist diese Frage irrelevant.

bzw. religiös Höherstehenden gegenüber verhielt.

Diese verlangen natütlich Respekt.

Durfte man denn solchen Personen „nahetreten“?

Ja, als Bittsteller oder Huldiger, aber nur auf Aufforderung; meist ein „gewährendes Winken“!

Viele Grüße
Fritz