Hilfe - als Lehrer nicht objektiv

Hallo zusammen,

naja eigentlich hätte ich auch im Unterrichtsbrett fragen können, aber eigentlich interessiert mich die psychologische Seite von der ganzen Frage doch noch mehr, darum die Frage hier.

Über diverse Irrungen und Wirrungen die nicht näher erläutert werden sollen (ausser Ihr hättet sachdienliche Nachfragen dazu) bin ich nun in einen Job geraten, bei dem ich Lehrer bin.

Allerdings unter allerbesten Voraussetzungen: meine Schüler sind mindestens 18 Jahre alt - wobei die allermeisten Mitte 40 sind. Alle haben sich freiwillig für diese Ausbildung entschieden und der Unterricht findet im Einzelunterricht statt. Ferner sind die meisten Schüler beruflich erfolgreiche Leute, also wirklich kein kritisches Klientel :smile:

Und wie’s halt so ist mit Schülern - der eine lernt schneller, der andere tut sich schwerer, was allerdings durch den Einzelunterricht gar kein grosses Problem ist, ich muss also kein „mittleres“ Tempo finden, sondern kann wirklich auf das Lerntempo des einzelnen eingehen.

Naja, und dann schlägt halt noch das „menscheln“ zu - der eine ist einem sympathischer, der andere weniger.

Und nun stehe ich als Laie, der ausser der eigenen Schul- und Ausbildungszeit keinerlei pädagogische Erfahrungen hat da und soll denen was beibringen. Fachlich kein Problem, darauf bin ich ausgebildet, das klappt :smile:

Aber menschlich fällt mir auf, dass ich gelegentlich unfair reagiere. Und zwar nicht bei schwachen Schülern, die bescheinigen mir sogar eine ziemliche Geduld, sondern bei denen wo die Wellenlänge nicht passt. Ich habe das Gefühl, dass ich bei den mir unsympathischen Leuten einerseits mehr Leistung verlange und andererseits weniger tolerant gegenüber Fehlern bin. Dass das unfair ist, weiss ich auch und kenne das aus eigener Erfahrung.

Nun habe ich mit meinem Cheffe darüber gesprochen, und er meinte, dass er das Problem eher umgekehrt hat, dass er nämlich bei den Leuten die ihm unsympathisch sind eher allzu tolerant ist um nur ja keine Unsympathie erkennen zu lassen. Das heisst, er ist mir da keine grosse Hilfe, weil ihn ein anderes Problem plagt *g*

Wie erwähnt, dass mein Verhalten da weder nett noch fair ist (und beides wäre ich gerne) ist mir klar. Aber habt Ihr Experten Tips für mich, wie ich da objektiver werden kann.

Leider ist das keine Ausbildung im Sinne eines Mathelehrers wo es halt eine richtige Lösung bei eventuell verschiedenen Lösungswegen gibt, sondern sehr viel muss ich wirklich alleine entscheiden, so ähnlich wie bei der Beurteilung eines Deutschaufsatzes.

Achja, ich weiss nicht ob es von Belang ist, aber ich erwähn’s noch dazu: wenn ich mal mit einem Schüler gar nicht klarkomme gibt es jederzeit die Option, dass ihm ein anderer Lehrer zugeteilt wird. Allerdings ist das generell eine Art „Not-Aus“, die nur bei schlimmer Eskalation notwendig würde, und die ich noch nie benötigt habe. Es geht eher um nen Schüler, der vielleicht die Schulnote „befriedigend“ verdient hätte, dem ich aber eben wegen Unsympathie ne „ausreichend“ gebe (oder wegen Sympathie ein „gut“).

Ich freue mich über alle Tips, seien es Eure eigenen Erfahrungen (hier sind ja einige Lehrer unterwegs), Lesestoff, Links oder was auch immer.

*wink*

Petzi

[MOD]Jule: Auf Wunsch des Autors Text eingefügt

Hallo,

du hast den schwierigsten Teil für eine Lösung deines Problems schon hinter dir: Du hast das Problem erkannt! Im Ernst – die weitaus schlimmeren Lehrer sind die, die sich selbst für absolut objektiv halten.

Meine Tipps:

  1. Sei Mensch, und sei du selbst. Ein wichtiger Aspekt gelungener Kommunikation und guten Unterrichts ist Authentizität. Jeder (erwachsene) Schüler weiß, dass Lehrer auch nur Menschen sind, also gaukle denen nichts vor!

  2. Verabschiede dich von der Vorstellung, dass es so etwas wie Objektivität gibt. Auch bei der Bewertung von (Schüler-)Leistungen menschelts halt. Übertreiben darf man es natürlich nicht, deshalb folgt:

  3. Um einer wie auch immer gearteten „Objektivität“ möglichst nahe zu kommen, ist es wichtig, die Anforderungen möglichst exakt zu definieren, bevor man den Schülern etwas abverlangt. Also überlege dir vor dem Unterricht und erst recht vor einer Leistungsüberprüfung genau, welche Merkmale für welche Bewertung erfüllt sein müssen.

So weit für’s erste …

(Lehrer ist ein schöner Beruf; vormittags hat man immer recht und nachmittags immer frei …)

Gruß

Hallo!
Ich möchte mich meinem Vorredner gern anschließen.
Ein Spruch: " Objektivität ist eine Eigenschaft die uns Menschen nicht gegeben ist."
Gruß

Hallo, Petzi,

Ich freue mich über alle Tips, seien es Eure eigenen
Erfahrungen (hier sind ja einige Lehrer unterwegs), Lesestoff,
Links oder was auch immer.

ergänzend zu emeins Ausführungen:

Da Du, wenn ich das richtig verstanden habe, jeweils nur eine Person unterrichtest, hast Du bessere Chancen als z. B. ein „Klassendompteur“, die eigenen Verhaltensweisen und Reaktionen genauer zu beobachten und zu analysieren.
Du könntest Dir etwa im Anschluss an die jeweilige Stunde stichpunktartig notieren, wie knapp / ausführlich Deine Erklärungen waren, in welcher Form Du dem Schüler Feedback (Verstärkung / Lob - Berichtigung / Tadel) gegeben, wie ausführlich Du Fragen beantwortet hast etc.
Beim Vergleich wirst Du feststellen, ob und wo konkret Du die Schüler in vergleichbaren Situationen unterschiedlich behandelst (z. B. bei Leistung von A nur kurz genickt nach dem Motto „It gschumpfa isch globt gnua“, B hingegen ausdrücklich belobigt und angespornt). Mit einem bisschen Training und gutem Willen (den Du ja hast) müssten sich zumindest einige dieser Diskrepanzen in der Kommunikation schon mal beseitigen lassen.

Und wenn Du es dazu noch schaffst, schon bei der Planung des Unterrichts bzw. von Leistungsanforderungen gewisse spontan aufkommende Nickeligkeiten (für die weniger sympathischen Kandidaten) zu eliminieren, wirst Du Dich vielleicht schon besser fühlen.

Gruß
Kreszenz

Hallo Kreszentia,

Du könntest Dir etwa im Anschluss an die jeweilige Stunde
stichpunktartig notieren, wie knapp / ausführlich Deine
Erklärungen waren, in welcher Form Du dem Schüler Feedback
(Verstärkung / Lob - Berichtigung / Tadel) gegeben, wie
ausführlich Du Fragen beantwortet hast etc.

jo, das ist ein guter Plan :smile: Mal schauen, ob ich das im Alltag hinkriege, denn oft scheitert’s ja dann an der notwendigen Ehrlichkeit und auch daran, dass manchmal zwischen zwei Schülern recht wenig Pause ist. Aber ich werde das auf jeden Fall mal ins Auge fassen und dann berichten.

*wink*

Petzi

Hallom emein,

du hast den schwierigsten Teil für eine Lösung deines Problems
schon hinter dir: Du hast das Problem erkannt!

Dankeschön *artig verneig*

  1. Sei Mensch, und sei du selbst. Ein wichtiger Aspekt
    gelungener Kommunikation und guten Unterrichts ist
    Authentizität.

Ich glaub, das ist eher nicht mein Problem, das krieg ich ganz gut hin :smile:

  1. Um einer wie auch immer gearteten „Objektivität“ möglichst
    nahe zu kommen, ist es wichtig, die Anforderungen möglichst
    exakt zu definieren, bevor man den Schülern etwas abverlangt.

Ja, das probiere ich ja schon heldenhaft. Aber es gibt halt Leutchen, die beim Briefing ganz Ohr sind - und es gibt welche, die sich gelangweilt an den Eiern dem Kopf kratzen und überhaupt nicht zuhören (obwohl die das nichtmal extra zahlen müssen *g*).

Also überlege dir vor dem Unterricht und erst recht vor einer
Leistungsüberprüfung genau, welche Merkmale für welche
Bewertung erfüllt sein müssen.

Ja, es sind zum Glück keine richtigen Schulnoten oder so - eher ein „passt schon“ oder „passt nicht“.

*wink*

Petzi

Hallo,

Aber es gibt halt
Leutchen, die beim Briefing ganz Ohr sind - und es gibt
welche, die sich gelangweilt an den Eiern dem
Kopf kratzen und überhaupt nicht zuhören

„Ganz Ohr“ ist schon mal „ganz schlecht“. Durch Zuhören lernt man am wenigsten (sagt die Lernpsychologie). Die Schüler müssen wenigstens auch was sehen (nicht mehr ganz so schlecht) oder am besten etwas machen (dann haben sie auch keine Zeit mehr, sich sonstwo zu kratzen).

Ich weiß ja nicht, was du unterrichtest, aber auch dafür gibt es vermutlich eine Fachdidaktik und damit einiges an vorgefertigtem Unterrichtsmaterial, mit welchem du die Leutchen beschäftigen kannst. Wenn nicht, solltest du dir selbst Möglichkeiten schaffen, dass die Schüler im Unterricht etwas zu tun haben.

Gruß

Hallo Petzi,

du schreibst u.a.:

Aber menschlich fällt mir auf, dass ich gelegentlich unfair
reagiere. Und zwar nicht bei schwachen Schülern, die
bescheinigen mir sogar eine ziemliche Geduld, sondern bei
denen wo die Wellenlänge nicht passt. Ich habe das Gefühl,

Könnte es sein, daß es sich da manchmal um Klugsch…r` handelt? Wollen dich manche Leute vielleicht provozieren?

Ich hatte einmal einen Laboranten im Betrieb, der gab sich von Zeit zu Zeit unwissend, stellte mir scheinheilig eine schwierige, fachliche Frage und wenn ich dann eine Antwort zusammenklaubte, erklärte er mir die Sache fließend und ganz ausgefeilt.

Er hatte sich natürlich bestens vorbereitet und ich fiel mehrmals auf seine Taktik herein.
Da fällt es natürlich schwer, objektiv bei einer Beurteilung zu bleiben.
Ich erkundigte mich nach seinen Hobbies und wenn die Spannung zwischen uns zu groß wurde, wechselte ich das Thema. Er stellte Kracher her, mit denen er im Schutze der Dunkelheit die Nachbarschaft unerkannt erschreckte.

Jeder Mensch hat ein Gebiet über das er gerne spricht und womit man dann wieder in ein anderes Geleis kommt.

In einer anderen Firma hatte ich einen Kollegen, der diesen Themenwechsel während Besprechungen meisterhaft verstand. Selbst der Chef war oft heilfroh über seine Wendungen, besonders bei Problemen zwischen dem Personal, wo der Chef unangenehme Entscheidungen hätte treffen müssen.

Vielleicht versuchst du diese Methode auch einmal. Wenigstens eine andere „Wellenlänge“ könntest du so einstellen.

Viel Erfolg

watergolf

Hallo,

Aber es gibt halt
Leutchen, die beim Briefing ganz Ohr sind - und es gibt
welche, die sich gelangweilt an den Eiern dem
Kopf kratzen und überhaupt nicht zuhören

Die Schüler
müssen wenigstens auch was sehen (nicht mehr ganz so schlecht)
oder am besten etwas machen (dann haben sie auch keine Zeit
mehr, sich sonstwo zu kratzen).

da von einem „Briefing“ die Rede ist, handelt es sich vermutlich um einen festgelegten und eher schematischen Ablauf, bei dem es primär ums Zuhören geht. Dass der Schüler in dieser Phase noch anderes zu tun hat, dürfte eher unerwünscht sein.

Falls ich mit dieser Vermutung richtig liege, würde sich eine kurze „Lernzielkontrolle“ im Anschluss anbieten: Der Schüler fasst mit eigenen Worten zusammen, worüber er „gebrieft“ wurde bzw. erläutert den einen oder anderen besprochenen Stichpunkt (was allerdings nur dann funktioniert, wenn die Briefings nicht immer exakt denselben Inhalt haben, wie etwa die Checkliste vor einem Flug).

Gruß
Kreszenz