Die Große Glocke (O-bonsho oder Kyosho) des Zen-Klosters Eiheiji hängt unterhalb des Sammon, des Haupttores des Klosters. Morgens gegen 3.30 Uhr wird zum Wecken zunächst in der Wohnhalle (Sodo) die Zeit geschlagen; die Stunde mit einer Trommel, die Minuten mit einem Gong (Koten). Nach etwa eine halben Stunde Zeit für das Waschen geht nochmals der Weckdienst mit kleinen Glöckchen (Shinrei) durch sämtliche Gebäude. Danach schlägt die Kyosho zum Beginn des Tages. Die Mönche und Novizen sitzen an ihrem Schlafplatz in Zazen, bis ein weiterer Schlag der Kyosho etwa 40 Minuten später das Ende des Zazen anzeigt. Dann werden ein großer Gong (Dai Kaijo) und ein kleines Holzbrett, das in der Sodo hängt, in schnellem Wechsel geschlagen und schließlich die Glocke der Sodo (Naitansho). Dies nennt man Chukaisho (‚Lösen der gekreuzten Beine‘). Danach wird der Lobvers des selbstgenähten Flickengewandes, das Takkesa Ge, rezitiert. Dann wird das Mönchsgewand, die Kesa angelegt und alle gehen zur Haupthalle (Hatto) zur Morgenzeremonie (Choka). Für den Rest des Tages werden kleinere Glocken (Densho) benutzt, die in den jeweiligen Gebäuden (in der Hatto oder der Meditationshalle Zendo) stehen. Auch das Ende des Tages wird nicht durch die Kyosho angezeigt, sondern durch die Abendglocke (Konsho), die am Schrein des Klostergründers (Joyoden) steht.
Der einzige Tag, an dem die Kyosho mehr als zweimal schlägt, ist der letzte Tag des Jahres. In der Neujahrsnacht wird die Kyosho 108 mal angeschlagen - 107 mal vor Mitternacht, mit dem letzten Schlag beginnt das neue Jahr. Die 108 stehen für die 108 Klassen von Selbsttäuschungen (bonno), die aus Unwissenheit, Hass und Gier geboren werden.
In Hiroshima steht eine große Kyosho, die nicht an Neujahr geläutet wird. Sie wird jedes Jahr am Morgen des 6. August 108 mal angeschlagen - der letzte Schlag ist um 8.16 Uhr. Am 06.08.1945, um 8.16 Uhr Ortszeit zündete ‚Little Boy‘. 45.000 Menschen starben sofort oder noch am gleichen Tag; weitere 13.000 im Laufe der nächsten drei Wochen. Nach vier Monaten waren es 64.000 Tote. Die Spätfolgen sorgten für insgesamt 136.000 Opfer - 45 mal so viel wie durch den Anschlag vom 11.09.2001; durch eine einzige Bombe. Die, bei denen das Sterben länger dauerte, sahen schwarzen Regen fallen, wenn sie noch sehen konnten. Sie hatten einen schweren Tod.
Mittlerweile gibt es weltweit 24 solcher Friedensglocken. In den achtziger Jahren stifte die DDR der Stadt Nagasaki eine Stele für ihren Friedenspark. Japan bedankte sich mit einer Friedensglocke, die seit dem 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs (also seit dem 01.09.1989) im Volkspark Friedrichshain in Berlin steht - auf einem Hügel, den Trümmerfrauen aus dem Schutt der zerbombten Häuser Berlins aufgetürmt haben: http://www.berliner-friedensglocke.de
Derzeit existieren schätzungsweise 30.000 Atombomben - die meisten mit einer Zerstörungskraft, die die von ‚Little Boy‘ und ‚Fat Man‘ um ein Vielfaches übertrifft. Ca. 100 davon sind auf deutschem Boden stationiert. Wie die Washington Post am letzten Sonntag, dem Tag der nationalen Gedenkfeiern (11.09.) enthüllte ((http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article… 01053.html), existiert seit dem 15.03.2005 ein Entwurf für eine neue Nukleardoktrin, die von den US-Stabschefs erarbeitet wurde (http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Atomwaff…). „Grundlage für die Revision der bisherigen Statuten ist die Empfehlung, gegen Nationen oder terroristische Vereinigungen, die im Besitz von Massenvernichtungswaffen sind, notfalls einen nuklearen Erstschlag zu verüben.“ (schreibt Spiegel Online) Dann hat man hinterher wenigstens eine plausible Erklärung, warum man keine Massenvernichtungswaffen mehr findet …
Freundliche Grüße,
Ralf