Hallo Patrick!
Stelle die folgende Situation vor: In Deiner Nachbarschaft lebt eine Bande, die ihr gesamtes Vermögen versetzt, um Waffen zu kaufen. Damit stiefeln die bis an die Zähne bewaffneten Leute wild um sich schießend zum Haus ihres Nachbarn, erschießen dessen Frau und Kinder und erklären dem Überfallenen, er hätte ab sofort in seinem Haus nichts mehr zu melden und müßte nun Zwangsarbeit leisten. Nach Erledigung dieses Jobs ziehen die Banditen mordend und brennend weiter von Haus zu Haus, schlagen alles kurz und klein, hinterlassen Tod und Elend. Irgendwann leisten einige Nachbarn erbitterten Widerstand und weiter entfernt wohnende Leute kommen zu Hilfe. Die Bande wird nun fürchterlich verprügelt und etliche sterben.
Einige der überlebenden Banditen sind nicht zur Einsicht fähig. Deshalb erzählen sie ihren Nachkommen natürlich nicht, daß sie als Verbrecher und Mörder ihre Nachbarn überfielen und die Welt zur Hölle machten. Sie erzählen vielmehr, wie sie tüchtig und tapfer kämpfend ihre Nachbarn niedermachten.
Genau so verhalten sich bis heute einige unserer Groß- und Urgroßväter und sind dankbar, wenn ihr naiver Enkel mit glänzenden Augen gespannt zuhört und den Schmus glaubt.
Worin bestand denn der militärische Erfolg, wenn der Angreifer nach Anfangserfolgen so vernichtend geschlagen wird, daß er sich von den Überfallenen auf die Füße helfen und füttern lassen muß, um nicht zu verhungern? Was ist das für ein seltsames Verständnis von Erfolg, wenn hinterher alles kurz und klein geschlagen ist, Millionen ihr Leben verloren und 40 Jahre Besatzungszeit folgen? Wie krank und blind muß man sein, um das als Erfolg darzustellen?
Erst wurde die Demokratie zur Diktatur. Es folgten Jahre massiver Aufrüstung. Der Krieg hatte noch gar nicht begonnen, als das Deutsche Reich pleite war. Es folgte eine Kette militärischer Fehlleistungen aufgrund von Selbstüberschätzung. Oder wie anders ist ein Ergebnis interpretierbar, wenn sich die komplette Führungsspitze entweder selbst umbringt oder bald am Galgen baumelt, die Bevölkerung hungert und in Trümmern haust, das Land einen erheblichen Teil seines Staatsgebiets einbüßt und nicht ein einziges der Kriegsziele erreicht wurde?
Die gleichen Geschichten vom tapferen Landser, vom ehrlichen Kampf, von der Schlacht (das kommt von schlachten, laß Dir das mal auf der Zunge zergehen - da werden Menschen geschlachtet!), wurden mir auch erzählt. In den 50er Jahren waren so gut wie alle Lehrer ehemalige Kriegsteilnehmer, die entweder gar nichts erzählten oder den oben beschriebenen Unfug. Sogar von der „Erbfeindschaft“ gegenüber Frankreich zu erzählen, waren sich einige der Unbelehrbaren nicht zu schade. Das alles änderte sich erst Mitte bis Ende der 60er Jahre, als immer mehr junge Menschen überlieferte Strukturen, Denkmuster und Autoritäten in Frage stellten.
Man muß unseren Vorfahren zugute halten, daß sie in einer anderen Zeit aufwuchsen. Demokratie hatten die Menschen nur als schwach kennen gelernt, eine längere demokratische Tradition hatte Deutschland bis zur Gründung der Bundesrepublik nicht. Statt dessen gab es eine militaristische und obrigkeitsstaatliche Tradition. Gewalt galt weithin als legitimes Mittel. Das fing schon in den Familien an, da wurde ganz selbstverständlich geprügelt. Auch in den Schulen gehörte die Prügelstrafe noch bis in die 50er Jahre zum Alltag. Gewalt und Unterdrückung galten als legitime Mittel der Politik. Es war seit Jahrtausenden normal, den Nachbarn mit Soldaten zu überfallen, auszurauben, zu unterjochen, die Frauen zu vergewaltigen und sich das Land einzuverleiben. Von den Kreuzzügen, über die gesamte Kolonialzeit bis hin zum 2. WK waren es letztlich Raubzüge, um sich anderer Leute Bodenschätze, Industrien, Arbeitskräfte und/oder Land zu bemächtigen. Völkerrecht, Menschenrechte o. ä. sind erst Erfindungen neuerer Zeit und das Verbot von Angriffskriegen gab es in der Verfassung des Deutschen Reiches nicht. Ein Unrechtsbewußtsein gab es durchaus, denn immerhin machte man sich die Mühe, nach Vorwänden zu suchen. Über Jahrhunderte war der Vorwand Missionierung in Mode und für den Überfall auf Polen wurde eine Show um den Sender Gleiwitz inszeniert.
Inzwischen sollte so viel Aufklärung in unseren Köpfen angekommen sein, daß Angriffs- und Eroberungskriege und übersteigerter Nationalismus, der alles außerhalb der eigenen Grenzen gering schätzt, als Irrwege erkannt werden. Inzwischen sollte sich herumgesprochen haben, daß die Akteure und Duldenden von Kriegen, nämlich die Soldaten und Zivilisten, niemals Nutznießer, sondern immer nur Leidtragende sind, die ihre heilen Knochen oder ihr Leben für die Ideen Krimineller oder Durchgeknallter opfern. Wenn das Sterben vieler Millionen Menschen irgendeinen Sinn gehabt haben soll, dann den, daß u. a. Du erkennst, daß die von tollen Kriegstaten und Kriegserfolgen berichtenden Väter, Opas und Uropas unbelehrbare Dummschwätzer sind.
Gruß
Wolfgang