Hallo Sancho,
Bei Hochbegabten ist das anders: sie sind nicht nur ein
bißchen schlau, sondern haben in manchen Punkten eine
wesentlich andere Wahrnehmung und Auffassungsgabe - sie sind
eben „hoch“ begabt. Diese Begabung zu erkennen, ist deswegen
wichtig, weil normale Erzieher oder auch Eltern nicht damit
umgehen können; diesen Kindern ist dann eine ihrer Begabung
entsprechende Förderung nicht gegeben. Damit bleiben
bestenfalls ein paar Talente brachliegen, im schlimmeren Fall
werden solche Kinder aufgrund ihrer Unterforderung sozial
auffällig.
aus meiner Sicht sind in dem heutigen KiGa-Grundschul-System viele Kinder unterfordert, ungeachtet von ihrem IQ. Worauf ich abziele, ist ein Bildungssystem, das jedes Kind fördert - also keine Normen festsetzt à la „wenn das Kind mit 7 Jahren lesen kann, ist das ok“, sondern bei jedem Kind seine Begabung voll ausschöpft. Das setzt Erzieher voraus, die dem Kind nicht sagen: weil du mit 3 Jahren ein Puzzle zusammensetzen kannst, bist du sowieso schon viel besser als die anderen in deinem Alter, also brauchst du eh nicht weiter gefördert zu werden. Im Gegenteil, das Kind soll immer ein höheres Ziel vor Augen haben, immer wieder eine neue Herausforderung. Das vermisse ich am hiesigen Bildungssystem, das so viel aufs Spielen setzt und so wenig darauf, den natürlichen Ehrgeiz und die Neugier der Kinder herauszufordern. Da ist es klar, dass besonders intelligente Kinder wiederum auf der Strecke bleiben. Aber nach meiner Vorstellung ist es eben nicht so, dass diese Kinder einer speziellen Behandlung bedürfen, sondern - wie jedes andere Kind auch - bis zu ihrer Leistungsgrenze herausgefordert werden sollen. Ich sehe hier keinen Unterschied zwischen „nur begabten“ und „hochbegabten“ oder „unbegabten“ Kindern - das Ziel sollte sein, dass jedes Kind seine individuelle Höchstleistung erbringt, es sollte keine Grenzen nach oben geben.
Ok, zugegeben, das artet jetzt in eine Kritik am hiesigen Bildungssystem aus. Aber meiner Meinung nach liegt genau dort der Hund begraben und nicht im IQ des Kindes.
So ist es. Du sprichst das grundlegende Problem vieler Eltern,
wenn ihre Kinder Schwierigkeiten machen. Viele haben Angst,
zuwenig für ihre Kinder zu tun, indem sie diese auf
konventionelle Ursachen zurückführen; es könnte ja theoretisch
sein, daß die Auffälligkeit ihrer Kinder auch mit Hochbegabung
zu tun hat.
Ja, das ist doch immer eine elegante Begründung.
Und wenn der Test was anderes anzeigt, könnte man sich auf ADS berufen - bis auch das vom Psychologen widerlegt wird und dieser einen auf die eigenen Erziehungsfehler hinweist.
(ich will damit jetzt nicht ADS als Erkrankung bestreiten, sondern spiele nur darauf hin, dass es gewisse Modeerkrankungen gibt, die manchen Eltern als Ausrede dienen - solange von professioneller Seite das Vorliegen der Erkrankung nicht widerlegt wird)
Sie sind höchstens Folgen einer
Gesellschaft, die für alles Normwerte festlegt und jeden, der
dem Mittelwert nicht entspricht, Normalität abspricht.
Ich denke, das Gegenteil ist der Fall: man möchte auch
anerkennen, daß Kinder abseits der Norm ihre Begabung haben
könnten und sucht nach möglichen Auswegen.
Solange diese Kinder eine spezielle „Schublade“ benötigen (hochbegabt), kann von einer Normalisierung nicht die Rede sein. Erst wenn diese Kinder voll in die Gesellschaft integriert sind, sodass das Bildungssystem von sich aus auf ihre Bedürfnisse eingeht (indem es eben JEDES Kind maximal fördert), kann man von Anerkennung sprechen.
Insofern sehe ich das Problem nicht in den Kindern und halte
die Diagnose für überflüssig.
Wenn die Diagnose zutreffend ist, ist sie keineswegs
überflüssig: sie ist die Voraussetzung dafür, daß das Kind
endlich einen Rahmen findet, in dem er entsprechend seiner
Möglichkeiten gefördert werden kann. Und nicht zuletzt ist
auch eine Negativfeststellung wichtig: wenn ich weiß, daß mein
Kind nicht hochbegabt ist, kann ich mich seiner Probleme auf
anderer Weise widmen.
Wie gesagt, ich halte das für unnötig, wenn man das Kind soweit es geht fördert. Ein hochbegabtes Kind hat das „Problem“, im vergleichbaren Alter mehr lernen/leisten zu können. Ist das wirklich ein Problem?
Als Beispiel (hat jetzt nichts mit Hochbegabung zu tun): Meine Nichte (4 Jahre) besucht z.Z. wöchentlich 4 unterschiedliche Kinderkurse (Gymnastik, Zeichnen, musikalische Frühförderung und eine "Schul"gruppe). Das letzte ist eine „Schule“, in der die Kinder in ihrer Zweitsprache (sie wächst zweisprachig auf) lesen lernen, in dieser Sprache längere Gedichte und Lieder auswendig lernen, das Vortrage der Gedichte vor der Gruppe üben etc. Auch zu Hause wird immer mal wieder Zählen, Logik, Buchstaben erkennen etc. geübt. Nun würden viele Eltern aufschreien, das arme Kind sei doch überfordert. Nur - wie kann man so etwas behaupten, wenn man das Kind selbst nicht kennt und nicht sieht, ob es dem Kind Spaß macht oder ob das Kind wirklich wider Willen überall hingeschleppt und unter Druck gesetzt wird? Aber es heißt ja immer, Kinder in dem Alter sollten nur spielen und ihre Kindheit genießen… Dann ist es auch klar, dass HB-Kinder (und nicht nur die!) unterfordert werden. (Meine Nichte bettelt gerade übrigens um einen 5. Kurs, sie will unbedingt auch noch tanzen lernen, mal sehen, ob die Mama das noch mitmacht
)
Ich finde eben, man soll dem Kind solange neue Herausforderungen bieten, bis es selbst signalisiert, dass es keine weiteren will. Dann kommt weder Über- noch Unterforderung auf. Nur muss da eben das staatliche System mitspielen und die Erzieher umdenken. Dann bräuchten Kinder mit hohem IQ keine Sonderbehandlung, sondern wären voll in das System integriert und die Diagnose wäre überflüssig.
Gruß,
Anja